Frank Chastenier - Songs I've Always Loved

Frank Chastenier - Songs I've Always Loved

Frank Chastenier
Songs I've Always Loved

Erscheinungstermin: 17.09.2010
Label: EmArcy, 2010

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Ein Fest der leisen Töne. Eine Gedichtsammlung ohne Worte. Eine Liebeserklärung ans Klavier. Und die musikalische Autobiografie eines ungewöhnlichen, aber in seiner Heimat fahrlässig unterschätzten deutschen Jazz-Heroen.

Man kennt Frank Chastenier als Tastenroutinier, der in der WDR Big Band einen soliden Rahmen für die Bläser schafft, Till Brönners Musik mit grenzenlosem Einfallsreichtum koloriert, bei Thomas Quasthoff sensibel zwischen Klassik und Jazz vermittelt und bei Maceo Parker mächtig Gas gibt. Aber in keinem dieser Kontexte lebt er seine poetische Ader so ergreifend aus wie auf seinen Soloalben. Sechs Jahre nach seinem gefeierten Einstand auf „For You“ erweist er sich und seinen Hörern jetzt mit „Songs I’ve Always Loved“ ein zweites Mal die Ehre.

Frank Chasteniers zweites Album ist ein Musterbeispiel aristokratischer Zurückhaltung. Der Pianist frönt dem alten Bauhaus-Grundsatz „Weniger ist Mehr“. Er nimmt sich zwar weit zurück, bringt dabei aber dabei umso mehr Persönlichkeit ein. Der feine Auftrag der Klangfarben, die ihm sein Instrument zur Verfügung stellt, entlarvt den leisen Tastenmann als Poeten, dem die Schönheit des Tons den Kopf verdreht. „Reduktion ist der Weg, mich selbst zu finden“ lautet sein Credo. „Ich spiele wirklich nur das, was ich in mir fühle. Das Resultat ist das ehrliche Innere. Es geht um die Konzentration auf den Klang und das Stück.“ Frank Chastenier ist ein Vollblutjazzer, der hier ein unverstelltes Bekenntnis zur Improvisation ablegt. „Wenn man am Klavier sitzt und nur drei Noten hat, ist es schön, diese einfach mal liegen zu lassen und sich anzuhören. Ich will mir mit den Tönen selbst eine Gänsehaut verschaffen. So wird jede Note ein Absprungbrett für die nächste. Das ist dann Improvisation in reinster Form.“

Dabei ist Chastenier Perfektionist und Abenteurer zugleich. Zwar hat er den äußeren Rahmen für das Album schon geschaffen, bevor er ins Studio ging, doch bei den Aufnahmen erwischte er sich mehrfach dabei, dass er bei der Probe schon den fertigen Song im Kasten hatte. Er nennt es Pre-first Take und mehr Spontaneität geht nicht. Diese kompromisslos unmittelbare Trittsicherheit macht den besonderen Charme des Albums aus.

Der Auslöser für seine musikalische Laufbahn war amerikanischer Swing, doch Chastenier reicherte seinen Fundus um Klassik und Pop an, lernte Bach und Mozart lieben. Seine besondere Liebe gehört den zwanziger Jahren: „Friedrich Holländer und Kurt Weill haben mich bei meinem Reifungsprozess sehr berührt. Dieser Zeit fühle ich mich in allen Bereichen verbunden. Ich lese gern Tucholsky, weil er zwischen den Zeilen eine Lebensart vermittelt, die es so nicht mehr gibt. Eine zurückgenommene, aber wilde Zeit des Ausprobierens.“

Ausgenommen von Chasteniers Eigenkomposition „Little Prelude“ sind alle Stücke des Albums Klassiker der Operetten-, Chanson-, Pop- und Jazzgeschichte. Doch was bei anderen Interpreten den zweifelhaften Glanz eines bunten Potpourris hätte, verwandelt sich bei Chastenier in körpereigene Klangsprache. Die Stücke sind jedoch keine platten Adaptionen, sondern eher Fantasien über die Originale. Chastenier denkt sich in die Essenz des jeweiligen Stückes hinein, übersetzt es in die Welt seiner eigenen Geschichten und macht daraus eine klingende Autobiografie. „Jedes dieser Stücke ist irgendwann in meinem Leben in mich eingeschlagen. Als ich zehn war, gab es Sonntag nachmittags im Fernsehen noch Operettenverfilmungen. ‚Dein Ist Mein Ganzes Herz’ hat mich damals schon so berührt, dass ich fast weinen musste. ‚Die Kleine Stadt’ war meine erste Berührung mit Big Band, in diesem Falle Paul Kuhn. ‚Mornin’’ von Al Jarreau’ ist für mich das erste Verliebtsein. Ich überspielte mir den Song immer wieder, aber alle Kassetten gingen irgendwann kaputt, weil ich das Stück so oft hörte. Jacques Brels ‚Ne Me Quitte Pas’ ist eines der wenigen Beispiele, bei denen man einem Künstler die Tränen glaubt, die er dabei vergießt. Alle Stücke zusammen ergeben einen Soundtrack meiner Lebensabschnitte.“

In einigen Songs grundiert Chastenier seinen Sound mit Streichern. Dabei setzt er das Streicherensemble genauso dezent ein wie sein eigenes Piano. „Auf der Bühne gibt es nichts schöneres, als mit dem Flügel zwischen den Streichern zu sitzen. Das ist ein unglaublicher Sound. Mein eigenes Stück ‚Little Prelude’ besteht ja nur aus Streichern und Klavier, sodass ich mich da noch mehr zurücknehmen kann. Ich verlasse mich auf die Harmonie, die von hinten kommt, brauche keine Akkorde zu spielen und kann einfach nur den Ton gestalten.“

Fast gerät in Vergessenheit, dass das Album eigentlich im Trio entstanden ist. Doch Piano, Bass und Schlagzeug verschmelzen zu einer derart organischen Einheit, dass man sie nur noch als ein Instrument wahrnimmt. In der Tat bewältigen Chastenier und seine Mitstreiter, Bassist John Goldsby und Drummer Hans als Rhythmusgruppe der WDR Big Band tagtäglich unterschiedlichste Herausforderungen. „Dass mir diese Kollegen begegnet sind, ist das größte Glück aller Zeiten“, gibt der Pianist unumwunden zu. „Mit diesem Trio braucht man überhaupt nicht zu diskutieren und fast gar nicht zu proben. Es fließt und lässt meine Gedanken traumwandlerisch mitlaufen. Ich habe in meinem Leben mit so vielen tollen Musikern spielen dürfen, aber diese persönliche Beziehung ist unersetzbar.“

Informelles viertes Mitglied der Band ist Till Brönner. Ihn bezeichnet Chastenier als hörende Instanz. Der erfahrene Trompeter und Studio-Feingeist hat dem Album weniger seinen Stempel als Produzent aufgedrückt, als seinem langjährigen Freund gesagt, was geht und was nicht. „Bevor ich ins Studio ging, hatte ich nicht nur die Stücke, sondern auch schon die Reihenfolge im Kopf. Aber beim Abhören wirken die Momente des Spielens derart nach, dass man sehr verletzlich und erschöpft ist. In solchen Augenblicken brauche ich eine Instanz, die mir sagt, was nicht funktioniert. Auf Till kann ich mich in dieser Hinsicht verlasen. Wenn er sagt, etwas war magisch, weiß ich, dass es stimmt.“

Und diese Magie ist der rote Faden, der sich durch das Album zieht. Durch jeden Ton, den man hört, und all die Töne, die er weglässt. „Songs I’ve Always Loved“ ist ein extrem persönlicher Blick auf die Popgeschichte der letzten 100 Jahre, der sich um die Wahrnehmung des Hörers legt wie eine sanfte Abendbrise. Man darf sie als anregende Umgebung verstehen, kann aber auch mit ganzer Leidenschaft darin versinken.

  1. Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt
  2. Mornin'
  3. Je ne regrette rien
  4. But beautiful
  5. Ella elle l'a
  6. Ne me quitte pas
  7. Little Prelude
  8. Kleine Stadt will schlafen gehen
  9. Dein ist mein ganzes Herz

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