Funchal Jazz Festival in Funchal, Madeira

Funchal Jazz Festival
Funchal Jazz Festival

Einen guten Geschmack, was die Programmierung seines Festivals angeht, beweist Paulo Barbosa jedes Jahr auf Neue, wenn im Juli das Funchal Jazz Festival im wunderschönen Santa Catarina Park im Herzen von Madeiras Hauptstadt über die große Open Air Bühne geht. Aber der umtriebige Festivaldirektor hat sich in diesem Jahr gleich am ersten der drei Abende mit den internationalen Stars (zuvor gab es wie erstmals im letzten Jahr auch wieder einige Konzerte für regionale Musiker im kleinen Stadtpark bei freiem Eintritt) als Türoffner betätigt, indem er dem fantastischen portugiesischen Altsaxofonisten Ricardo Toscano eine tragende Rolle als Special Guest beim Konzert des Trios des US-Pianisten Emmet Cohen andachte. Was ziemlich gut funktionierte. Das Cohen-Trio mit seinem ganz in der Tradition verwurzelten Jazz, den der kongeniale Dreier so spannend und nach vorne oder zumindest in die Gegenwart schauend aufzubrechen weiß, und auf der anderen Seite der klangstarke Portugiese mit seinen beseelten, kraftvollen Saxofonlinien. Ein Schwung von Jazzstandards dient dabei als gemeinsame Basis für das Ausloten von klanglichen Verbindungen. Magisch, muss man am Ende konstatieren.

Große Stimmen waren auf Madeira schön häufiger zu hören. Dieses Jahr waren das Kurt Elling und Samara Joy. Der eine ein Haudegen mit großer Bühnenpräsenz, der so vieles singen kann und das auch tut. Sein aktuelles Projekt, das er auf der Insel vorstellte, zusammen mit dem Gitarristen Charlie Hunter, heißt “SuperBlue“. Ein funkiges, groovendes Ding, das gut gespielt und mit den Jungs der US-Band Butcher Brown mit knackigen Bläsern, kreativem Drumming, Keyboard und der zwischen E-Bass und E-Gitarre agierenden Hybrid-Gitarre Hunters bestes musikalisches Entertainment zu bieten hat. Ein wenig von dem Mut und Neugier ihres männlichen Kollegen wünscht man auch der jungen US-Amerikanerin Samara Joy für ihre weitere Karriere, die allerdings ja noch immer erst am Anfang ist, trotz schon zweier Grammy Awards im Schrank. Aber noch folgen sie und ihr Trio zu sehr der traditionellen Linie großer US-Jazzsängerinnen. Noch fehlt das Eigene, das Abseitige, der Aha-Effekt bei ihrem Auftritt. Stimmlich aber bringt sie vieles mit. Und traut sich am Ende dann doch was, mit einem auf Portugiesisch gar nicht mal schlecht gesungenen Fado.

Was der spanische Saxofonist Perico Sambeat und das Orchestra de Jazz do Funchal ein paar gemeinsame Tage lang gemeinsam erarbeitet hatten, das konnte sich hören lassen. Frische Musik, interessante Arrangements und eine heimische Bigband, die zeigte was sie kann. Spielten dieses Jahr eigentlich alle Bands mit sehr guten Schlagzeugern, zeigtte die grammy-dekorierte Drummerin Terri Lyne Carrington mit ihrem „New Standards“-Programm und Kompositionen ausschließlich von Musikerinnen eindrucksvoll wie stark die weibliche Stimme im Jazz doch ist. Das war ein echtes Statement, das musikalisch auch noch völlig überzeugte.

Das wohl besonderste Projekt in Funchal in diesem Jahr aber war wohl „Entre Paredes“ des Sextetts des portugiesischen Bassisten Bernardo Moreira. Der war schon als junger Musiker begeistert von Carlos Paredes, dem 2004 verstorbenen Musiker aus Coimbra, der die portugiesische Gitarre aus der reinen Begleitfunktionen im Fado heraus holte, aber auch für Fado-Queen Amália Rodrigues Stücke komponierte. Als junger Musiker spielte Moreira sogar mal mit Paredes. Und hat 2021 mit dem Album „Entre Paredes“ nach einem ersten Album Anfang der 2000er nach 20 Jahre die Verbindung zu der Musik des großartigen Gitarristen wieder neu aufgenommen  Zwischen Jazz, Fado und portugiesischer Folklore kreieren Bernardo Moreira, Bruder João Moreira an der Trompete, Gitarrist Mário Delgado, Pianist Ricardo J Dias, Drummer Joel Silva und der junge Altsaxofonist Tomás Marques im Santa Catarina Park gefühlvolle, warmherzige Stimmungen und spielen ein ungemein seelenvolles Konzert voller emotionaler Schwingungen. Paredes´ berühmte Komposition „Verdes Anos“ berührt ungemein in einer nur von Trompete und Klavier gespielten Version. Eine Entdeckung, ein sehr hörenswertes Projekt, das hoffentlich auch bald mal den Weg von Portugal hinaus in die Welt geht.

Text: Christoph Giese
Fotos: Márcia Lessa

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