Fynn Großmann Quintett - Sketch of a Pyramid

Fynn Großmann Quintett - Sketch of a Pyramid

Fynn Großmann Quintett
Sketch of a Pyramid

Erscheinungstermin: 25.06.2021
Label: nWog, 2021

Fynn Großmann Quintett - Sketch of a Pyramid - bei bandcamp kaufen

Fynn Großmann – Komposition, Altsax
Phillip Dornbusch – Tenorsax
Marko Djurdjevic – Piano
Clara Däubler – Bass
Johannes Metzger – Drumset

Bis in die mittleren 1950er Jahre war die EP im Jazz der Normalfall, seither ist sie flächendeckend vom Albumformat verdrängt worden, nicht selten auf Kosten der Stringenz. Fynn Großmann kehrt aus Überzeugung zur Tugend der 4-Track-EP zurück.

...und dann spielen sie, und alles wird gut. Nein, wir wollen nicht schon wieder über den Dauer-Lockdown schreiben, der sich auf sämtliche Bereiche des Lebens und der Kunst, wie auch aufs Gemüt jedes und jeder Einzelnen legt. Denn das Fynn Großmann Quintett feiert das pralle Leben. Einfach so, weil das Leben lebenswert ist. Wenn jemals auf einer Platte das Gute im Jazz erschöpfend destilliert wurde, dann hier. Geplant war das nicht so, aber für den Saxofonisten und Bandleader Fynn Großmann lebt Musik immer von der Melodie.

Es gibt ja viele Alben, die vom Jazz Brücken zu anderen Genres bauen und damit Pforten für Hörer öffnen, die keine Erfahrungen mit oder gar Vorbehalte gegenüber dem Jazz haben. Großmann und seine Crew beschreiten jedoch einen ganz anderen Weg, indem sie mit beiden – oder wenn man so will allen zehn – Beinen voll und ganz im Jazz stehen. Sie benötigen kein Vehikel, das aus dem Jazz heraus führt, sondern schöpfen das breite Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten im Jazz vollkommen aus, um größtmögliche Nähe zum unvorbereiteten Hörer zu schaffen. Das Credo des Saxofonisten ist eine Einladung. „Ich will mich nicht von den Menschen abkoppeln, die kein Jazz-Studium absolviert haben. Ich selbst höre auch lieber Musik, die mich sofort zum Mitmachen einlädt und mit mir eine Verbindung eingeht.“

Mit anderen Worten, Fynn Großmann und seine Truppe bringen nur die Musik zu Gehör, die sie auch selbst hören wollen – ein Postulat, das sich gern herumsprechen darf. In seiner Persönlichkeit genauso gewinnend wie in seinen Songs, umgibt sich der junge Hannoveraner mit vier Gleichgesinnten, die jede und jeder für sich in zahlreiche Projekte verstrickt sind, im gemeinsamen Erleben von Musik aber nicht nur ihre Egos an der Garderobe abgeben, sondern mit erfrischender Abenteuerlust drauflos musizieren. Musikantentum ist dabei wichtiger als die Erfüllung Genre typischer Parameter.

Mit seinem Co-Saxofonisten Phillip Dornbusch geht Großmann eine geradezu symbiotische Einheit ein. Die berühmt-berüchtigten Battles von Saxofon-Fronten innerhalb einer Band kommen bei ihnen nicht vor. Stattdessen übernehmen sie ihre jeweiligen Intentionen mit einem derart blinden Einverständnis füreinander, dass es oft schwierig auszumachen ist, wann der Eine aufhört und der andere anfängt. Angesichts der Tatsache, dass Großmann Altsax spielt und Dornbusch Tenor, ist das umso erstaunlicher. Bassistin Clara Däubler gehört zu den Ikonen der jungen Hannoveraner Jazz-Szene. Sie ist ein Wunder der Improvisation und spontanen Pointierung. Ihre straighten Grooves sitzen so präzise, dass sie sich intuitiv jede erdenkliche Freiheit erlauben kann, ohne sich jemals selbst abzulenken oder ablenken zu lassen. An Pianist Marko Djurdjevic schätzt Großmann den feinen Sinn für Genauigkeit. Wenn ein Stück zu 95 Prozent fertig ist, findet er genau die fehlenden Bausteine, die den jeweiligen Song komplettieren. Djurdjevic hat jederzeit ein Extra in der Tasche, der dem Track nochmal eine überraschende Wendung gibt. Drummer Johannes Metzger schließlich ist ein Perpetuum Mobile, das der Band den unversiegbaren Puls des Lebens einhaucht und den Songs oft energetisch und dramaturgisch die Richtung vorgibt. Verabredungen müssen in der Fünferbande nicht getroffen werden, man weiß voneinander was man will, denn die künstlerischen Eingebungen der fünf Mitglieder ergänzen sich ebenso gut wie ihre Charaktere und persönlichen Motivationen.

Ursprünglich aus Flensburg kommend, bekennt sich Großmann zum Sound des hohen Nordens. Er liebt den Jazz aus Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland, tauscht die berüchtigte nordische Schwermut aber gegen hanseatische Heiterkeit und Verbindlichkeit ein. „Ich bewege mich fast nur in Norddeutschland“, bekennt der Hannoveraner. „Ich mag diese Mentalität und habe das Gefühl, im Norden gehen die Uhren ein wenig langsamer. Man nimmt sich Zeit für die Sachen, die man mag. Für Viele hört der Norden Deutschlands in Hamburg auf. Aus der Flensburger Perspektive kommt da aber noch eine ganze Menge mehr. Hamburg ist für mich schon sehr südlich. Wenn ich an nordische Musik denke, habe ich allerdings viel mehr Folk im Kopf als Jazz.“

Das ist gut nachvollziehbar, denn obwohl sich Großmann mit seinen Songs in keiner Weise auf Volksmusik bezieht, hat die unverstellte Zugänglichkeit seiner Weisen doch etwas sehr Folkloristisches. Die unbeschwerte Leichtigkeit der Musik entspringt einer Fabulierlust aus der Welt heraus, die kein Richtig und kein Falsch kennt. Sie folgt einem musikalischen Urimpuls, der den meisten Kindern schon in der Grundschule abtrainiert wird. Der positive Gestus dieser Musik speist sich aus der Überzeugung, sich nur über das zu definieren, was man tut, und niemals über das, was man nicht tut.

Großmanns Aufgeschlossenheit für die Bedürfnisse seiner Hörer drückt sich auch im Format von „Sketch Of A Pyramid“ aus. Bis in die mittleren 1950er Jahre war die EP im Jazz der Normalfall, seither ist sie flächendeckend vom Fulltime-Album verdrängt worden, nicht selten auf Kosten der Stringenz. Großmann kehrt aus Überzeugung zur Tugend der 4-Track-EP zurück. „Eigentlich haben wir zehn Tracks aufgenommen, uns aber entschieden, nur vier davon zu veröffentlichen. Wir haben einfach das Gefühl, mehr davon zu haben, wenn wir öfter mal was veröffentlichen. Ich ertappe mich selbst dabei, dass ich mir von einem Album drei oder vier Stücke anhöre, und dann denke ich mir, na gut, es reicht, später mehr. Wir wollen etwas schaffen, das auch gehört wird. Vielleicht ist das eine Reaktion auf unsere immer schnelllebigere Welt.“

Fynn Großmann und sein Quintett sind Botschafter. Herolde für das Gute im Jazz, in der Musik und in der Kunst allgemein. Mit vier instrumentalen Tracks finden sie genau die Botschaft, die wir von der Macht des Wortes oft so schmerzlich vermissen. Und dann spielen sie, und alles wird gut.

Text: nWog

jazz-fun.de meint:
Das Album ist deutlich, klar, ein Signal an die Welt - wir sind da! Wir können nur hoffen, dass dies keine vorübergehende Sache ist und dass wir weitere großartige Kompositionen und Aufnahmen dieses herausragenden Künstlers zu hören bekommen werden.

  1. Sketch of a Pyramid No. 1
  2. Nebel über dem See
  3. Vampyre
  4. Jag vil vara i Buxåsen

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