Gautier Capucon - Intuition

Gautier Capucon - Intuition

Gautier Capucon
Intuition

Erscheinungstermin: 02.02.2018
Label: Erato, 2016

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Gautier Capuçon, Violoncello
Jérôme Ducros, Klavier
Orchestre de Chambre de Paris, Douglas Boyd

Katharsis. Dem Finden des Kleinen, das Gautier Capuçons neues Album Intuition groß zeichnet, ging eine Seelensuche voraus. Je mehr Schichten der smarte Franzose mutig abzog, desto dringlicher wurde der Wunsch, eine Art musikalische Autobiografie einzuspielen. Das Wiederverbinden mit seinen Wurzeln als Mensch und Musiker, ließ den Grandseigneur der Kammermusik noch ein Stück wahrhaftiger werden. Er weiß, wer er ist und er weiß, was er will: Ungehemmte Lebenslust, das große Sentiment und die ungezähmte Freiheit. Auch als Künstler. Musik ist für ihn kein Job und sie soll es auch nie werden. Das Folgen seiner Intuition ließ ihn zum weltweit gefeierten Cellisten werden, in Teilen ein Renaissancefürst, in anderen ein kristalliner Dichter mit Bogen an Saiten. Die Hitliste seiner Musikverdienste ist so lang wie die Regale, auf denen seine Auszeichnungen im heimischen Appartement nahe des Pariser Place de la Concorde glänzen. Aber was ist schon Heimat für einen, der gestern in der Seine-Metropole bejubelt wurde, morgen in Luxemburg, übermorgen in London und nächste Woche in New York konzertiert? In die Schönheit des Einfachen wurde er 1981 in Chambéry, Savojen geboren – sans chichi. Der Griff zum Violoncello erschien ihm mit viereinhalb Jahren so selbstverständlich wie das Ski-Vergnügen in den nahen Alpen. Dass er heute als einer von drei Juroren des Solisten-TV-Wettbewerbs Prodiges Millionen französische Zuschauern am Bildschirm mit seiner Expertise begeistert, ist auch seinem Heimatverständnis geschuldet. Heimat ist für Gautier Capuçon immer dort, wohin ihn seine Intuition weist. Folgerichtig trägt sein neues Album den Titel Intuition.

Gleichsam als Bilanz seines bisherigen Schaffens und als Standortbestimmung intendiert, begreift Capuçon das Album als sein bislang persönlichstes. „In den letzten zehn Jahren meines Lebens ist viel geschehen. Ich musste ein neues Selbstverständnis als Vater zweier wunderbarer Töchter finden. Das war für einen wie mich, der bis dahin pausenlos ein Zickzackmuster als Musikreisender um den Globus zog, eine echte Herausforderung. Und vor vier Jahren litt ich kurz aber prägnant unter einem Burn Out-Syndrom, das viele Fragen aufwarf”, erklärt der 36-Jährige. „Die Suche nach mir selbst, die folgte, brachte mich meiner Intuition wieder näher. Mein neues Album ist das Destillat meiner Gefühle und meiner wiedergefundenen Selbstbestimmung als Künstler.

Intuition ist Inspiration und Inspiration ist Kunst.” Es wäre natürlich ein wenig zu plakativ, Intuition als reine Reiseplatte durch Capuçons noch junges Künstlerleben zu bezeichnen. Auf den Begriff „Huldigung an die Inspiration” lässt sich der Weltgewandte aber gerne ein. Á la bonne franquette, versteht sich. Denn für den Mann, dessen brennende Musikbegeister-ung von seinem Temperament immer wieder neu entfacht wird, zählt nur der nackte Augenblick. Wichtig ist der Moment, in dem seine Finger die Verlängerungen seiner Seele sind, die auf den Saiten seines Cellos ihren ultimativen Ausdruck findet. Die Allianz zwischen seiner Persönlichkeit und seiner Musik klingt auf „Intuition” nicht zuletzt auch deshalb so mitreißend-emotional.

Das Album spiegelt die Geschichte der Leidenschaft Gautier Capuçons. Massenets Méditation de Thaïs führt mit großem narrativem Vermögen die 15 Stücke umfassende musikbiografische Visitenkarte Capuçons an. „Meine Großmutter mütterlicherseits, deren Ehemann übrigens für den italienischen Anteil in meinem Blut verantwortlich zeichnet, liebte das Stück. Ich habe es als Hommage an sie, aber auch als Reminiszenz an meine Frühversuche auf dem Cello für mein neues Album eingespielt. In späteren Aufführungen des Stücks begleiteten mich erstmals Tänzer der Pariser Oper, ”, sagt Capuçon. „Wenn man so will, ist es ein lebenslanger Companion für mich geworden.” Das Odeur seiner Jugend verströmt auch Saint-Saëns simpler, hochmelodischer Schwan aus dem Karneval der Tiere, den Capuçon für Streichorchester, Harfe und Cello arrangierte. „Im Verlauf der Platte finden sich auch Stücke, die seit meinem Studium in Wien und Paris eine wichtige Rolle für mich spielen. Was alle Stücke verbindet ist ihre Zugänglichkeit. Die sorgt bei mir und beim Publikum für ungemeine Beliebtheit. Jeder einzelne Titel ist auf den ersten Blick recht schnell zu erfassen. Wenn die Kompositionen aber ihre melodischen Tragweiten entfalten, sind sie so sogkräftig, dass man fortan in ihren jeweiligen Schönheiten baden möchte.” Auf chronologische Verkettung der Stücke verzichtet Capuçon zugunsten des Rhythmus, dem das Album folgt. Ruhige, von Cello und Piano getragene Nummern, werden von wuchtigen Orchesterarrangements flankiert. Schwelgerischem stellt er die Tango-Weisen Piazzollas gegenüber.

Die in Präzision getauchte Freude, der sich Gautier Capuçon in jedem einzelnen Stück bedient, klingt in ihrer Intuition-Summe wie eine Fete, die das Leben in all seinen Facetten zelebriert: Frohnatürlich, reflektierend, zaghaft, resolut, forschend, aber immer dem eigenen Kompass, der Intuition zugewandt. Ganz schön mutig für einen Mittdreißiger. „Ich bin der Überzeugung, dass eine alte Seele in mir lebt”, charakterisiert Capuçon sich selbst. „Eine alte Seele, die in einem relativ jungen Körper lebt und die gerade wegen ihres Erfahrungsschatzes nach passionierte Erfüllung sucht. Am Ende des Tages, ganz gleich, ob ich ihn mit meinen Kindern oder auf einer Konzertbühne verbringe, stelle ich mir die Frage, ob ich ihn mit Liebe begegnete. Das klingt ein wenig altmodisch, vielleicht sogar kapriziös in Zeiten, die von Ängsten geprägt sind. Aber ich habe nach meinem Burn Out gelernt, dass ich nur glücklich bin, wenn ich mit dem Herzen bei der Sache bin. Pflichtgefühl ist in Maßen gesund. Viel gesünder ist es jedoch, darauf zu hören, was das Herz will. Folgt man dessen Rhythmus und dessen Sprache, zieht es Kreise, die das Umfeld, die Familie, das Publikum, die Freunde bereichern können, weil man imstande ist, deren Herzen zu berühren. Natürlich bin ich den schönen Dingen zugewandt. Selbstverständlich liebe ich einen guten Wein. Das gebietet alleine schon meine Herkunft. Auch der Haute Couture bin ich keineswegs abgeneigt. Letztendlich wird man aber nur glücklich, wenn man wahrhaftig ist und aus der Seele schöpft. In jedem Moment.”

Disk 1

  1. Méditation (From Thaïs)
  2. Encore
  3. Le Cygne (From Le Carnaval des animaux, R. 125)
  4. Violoncelles, Vibrez!
  5. Lasst mich allein (From 4 Lieder, Op. 82, B. 157)
  6. Salut d'amour, Op. 12 (Transc. Walter)
  7. Elfentanz, Op. 39 (Transc. Ludmány)
  8. El cant dels ocells (Arr. Casals)
  9. Variations on One String on a Theme from Rossini's Mosè in Egitto (Transc. Fournier)
  10. Andante cantabile (From String Quartet No. 1 in D Major, Op. 11)
  11. Vocalise (From 14 Romances, Op. 34)
  12. Original Rags (Arr. Förster)
  13. Silent Woods (From the Bohemian Forest, Op. 68)
  14. Après un rêve (From 3 Songs, Op. 7)
  15. Le Grand Tango

Disk 2

  1. Le Carnaval Des Animaux, R. 125: Xiii. Le Cygne
  2. Making of Le Cygne
  3. Thaïs, Act 2: Méditation (Highlight)
  4. 3 Songs, Op. 7: I. Après un rêve
  5. Original Rag: No. 1
  6. Elfentanz, Op. 39
  7. Salut d'amour, Op. 12

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