Gulli Gudmundsson - Flóð og Fjara

Gulli Gudmundsson - Flóð og Fjara - Albumcover
Gulli Gudmundsson - Flóð og Fjara

Gulli Gudmundsson
Flóð og Fjara

Erscheinungstermin: 17.01.2025
Label: Challenge Records, 2024

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jazz-fun`s recap:

Diese Musik ist wie eine Entdeckungsreise zu sich selbst. Mal intellektuell, mal emotional und romantisch. Auf diesem Album entdecken wir das ausgefeilte Handwerk des Trios Gulli Gudmundsson, Jeroen van Vliet und Koen Smits, ihre reiche Vorstellungskraft und ihre Praxis, gemeinsam Musik zu schaffen, die innovativ, anspruchsvoll, offen und doch strukturiert ist. Nicht nur Jazzfans werden dieses zugängliche Album voller Harmonie, Lyrik und klassischer Eleganz zu schätzen wissen. (Jacek Brun, 17.01.2025)

Besetzung

Gulli Gudmundsson - double bass
Jeroen van Vliet - piano
Koen Smits - trumpet

Über das Album "Flóð og Fjara" von Gulli Gudmundsson

„Flóð og Fjara“, das sind Ebbe und Flut, die Gezeiten, die in ständiger Wiederholung und doch immer wieder anders sind.

„Flóð og Fjara“ ist das Album des neuen Projekts von Gulli Gudmundsson. Der isländische Bassist ist seit vielen Jahren ein Eckpfeiler in der niederländischen Jazzszene. Sein neues Trio ist kammermusikalisch besetzt. Mit Pianist Jeroen van Vliet und Trompeter Koen Smits hat er zwei Musiker gefunden, die auf der Suche nach gleichen Soundidealen sind.

Der isländische Bassist Gulli Gudmundsson (Jahrgang 1971) spielt seit jungen Jahren Kontrabass. Zum Studium zog er in die Niederlande, um am Königlichen Konservatorium in den Haag Jazzkontrabass bei Jacques Schols, Frans van der Hoeven und Hein van de Geyn Unterricht zu nehmen. Schon vor seinem Studienabschluss 1999 war er in der holländischen Jazzszene verankert und ist bisher auf über 40 Alben zu hören.

Tourneen führten ihn durch ganz Europa und über die Kontinente. Er spielte sowohl am North Sea Jazz Festival wie auch an Festivals in Korea, Japan und Hong Kong.
Besonders erwähnt werden muss Gulli Gudmundssons Mitwirken in der Band Gatecrash des Trompeters Eric Vloeimans, im Acoustic Quartet des Saxophonisten Yuri Honing und im Trio des Pianisten Wolfert Brederode, mit dem er das Album „Black Ice“ für das renommierte deutsche Label ECM aufnehmen konnte.
Seit 2018 unterrichtet er selber am Königlichen Konservatorium in Den Haag.

Mit Jeroen van Vliet verbindet den Kontrabassisten eine lange Zusammenarbeit, schon in Eric Vloeimans Gatecrash spielten die beiden zusammen und lernten sich gegenseitig schätzen. Seit 2009 spielen die beiden Musiker auch im Duo zusammen.

Während der Pandemie arbeiteten Gulli Gudmundsson und Jeroen van Vliet gemeinsam mit dem Klangkünstler Michel Banabila an der EP Glow/Speck of Dust. Beim neuen Festival Make It Jazz 2022 schloss sich der Tilburger Trompeter Koen Smits dem Duo an, das Trio war geboren.

Klavier, Kontrabass und Trompete schaffen neun Kleinode auf dem aktuellen Album, sechs der neun Stücke stammen aus der Feder des Bassisten, eines vom Pianisten, eines vom spanischen Komponisten Federico Moreno Torroba und eines vom isländischen Komponisten Þorkell Sigurbjörnsson.

Kleine Effektspielereien wie grosser Hall geben den Stücken noch mehr Tiefe. Die beiden „alten Hasen“ nehmen den jungen Trompeter Koen Smits (Jahrgang 1991) unter ihre Fittiche und binden ihn perfekt ein. Grosse emotionale Bögen, traumwandlerisches Zusammenspiel und beeindruckende emotionale Tiefe nehmen den Zuhörer auf eine Reise durch Klanglandschaften mit.

Gulli Gudmundsson scheint eine grosse Vorliebe für Trompeter zu haben, denn er spielte nicht nur mit Eric Vloeimans, sondern auch mit Arve Henriksen zusammen

Und den sehnsuchtsvollen Klang übernimmt Koen Smits sehr gut: mit sehr luftigem Trompetenton steht er in einer Linie mit skandinavischen Blechbläsern wie Arve Henriksen, Mathias Eick oder Nils Petter Molvaer. Smits Solos haben lyrische Tiefe, sehr melodische Improvisationsbögen und sind oft so sophisticated, dass sie als zweite Melodie durchgehen könnten.

Am Beispiel von „Heyr, himna smiður“ (Höre, Baumeister des Himmels) vom isländischen Komponisten Þorkell Sigurbjörnsson (1938 bis 2013) kann man wunderbar erklären, was die Zusammenarbeit in diesem Trio so besonders macht:
Es ist nur ein kleines Stück ist, dem Titel nach wie ein Kirchenlied, ein kleiner Hymnus, das aber durch die Verzahnung von Klavier und Kontrabass in der Einleitung mit allen quirligen Akkorden schon eine wunderbare Atmosphäre bekommt. Eine kleine Bass-Einlage führt in die Melodie, die vom Klavier übernommen wird, während die Trompete im Hintergrund mit langen Noten auffüllt und die Auflösungen zu den Terzen in der Melodieführung übernimmt, bevor sie als Solistin in den Vordergrund rückt und der klaren Stimmführung in den Akkorden Glanzlichter aufsetzt.

Wie sich hier das Trio zeigt, ist stellvertretend für das Album, jeder Musiker weiss genau, was genau von seinem Instrument gebraucht wird, wann der richtige Moment ist, in den Vordergrund zu treten und wann den anderen der Vortritt gelassen werden muss. In der letzten halben Minute von „Heyr, himna smiður“ finden sich alle drei und stellen die komplette schlichte Melodie vor. Eine meisterliche Bearbeitung.

Manche Stücke wie „Komdu Heim“ bekommen durch ihre technische Bearbeitung noch eine weitere Ebene, in Jeroen van Vliets Komposition „Panta“ bekommt das Klavier so viel Hall, dass es fast keyboardähnliche Sounds erzeugt.

Die zusätzlichen Klangflächen passen sich gut in den akustischen Sound des Trios ein, das zu einer kammermusikalischen Einheit zusammengeschmolzen ist.
Dieses besondere Trio wird mit dem ebenso besonderen Album 2025 sicher von sich reden machen.

Gulli Gudmundsson schildert die Inspiration durch seine besondere Familiengeschichte:
„Die Musik hat ihre Wurzeln in der Geschichte meiner Großeltern, die sich 1911 im Norden Islands trafen. Er war ein Seemann aus Deutschland, sie eine junge Frau aus einer Bauernfamilie. Sie heirateten schnell, bekamen ein Kind und zogen gemeinsam nach Bremerhaven, wo ein zweites Kind geboren wurde. Auf einer Reise in die USA blieb er im Hafen von New York City stecken und durfte nicht an Land gehen, weil während der Schifffahrt der Erste Weltkrieg ausgebrochen war. Es war kein Kontakt zu ihm und der Besatzung möglich und wir wissen nicht, wie er aus dieser Notlage herausgekommen ist.

Ohne zu wissen, was mit ihm passiert war, nahm meine Großmutter ihre beiden Kinder und zog zurück nach Island.
Das nächste, was wir erfahren haben ist, dass meine Großmutter einen Brief von ihm erhielt, in dem es hiess, dass er Manager einer Zuckerplantage in Kuba sei und Geld sammele, um zu seiner Familie zurückzukehren. Es vergingen mehrere Jahre, doch bevor er die Heimreise antreten kann, erkrankte er an Cholera oder Malaria und starb. Er ist irgendwo in Kuba begraben, wir wissen nicht wo. Meine Großmutter hatte einen deutschen Nachnamen, was in Island ungewöhnlich ist, und meine Mutter benutzte ihn als zweiten Vornamen.

Die tragische Geschichte meiner Großeltern diente als Inspiration für dieses Album: Ihre Liebesbeziehung, der Umzug mit ihrem Kind auf den großen Kontinent und der anschließende Kontaktverlust aufgrund des Ersten Weltkriegs, ihr Warten auf eine Nachricht von ihm...

Ein weiterer roter Faden im Stoff der Lieder ist das Ziehen und Drücken wie Ebbe und Flut unserer Gefühle für die Heimat.
Was ist Heimat? Warum wird oft Sehnsucht geweckt nach unserem alten Zuhause?

Warum kehren manche Menschen an ihren Geburtsort zurück? Welche Gefühle löst es in uns aus? Sind sie wichtig? Wo ist Zuhause? Kann man in einem fremden Land ein neues Zuhause finden? Wo gehören wir wirklich hin? Gehört man dazu, nachdem man lange Zeit als Ausländer im Ausland gelebt haben? Wo sind die Wurzeln, wenn sie abgeschnitten wurden?

Ebbe und Flut steht für mich hier für das Ziehen und Stoßen deiner Heimat in deinem Herzen.“

Text: Challenge Records

Titelliste

  1. Fjarri
  2. Philip
  3. Glima
  4. Heyr, himna smiður
  5. Panta
  6. Floð og fjara
  7. Alcaniz
  8. Solveig
  9. Komdu heim

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