Hannes Zerbe Jazz Orchester – Berliner Jazzfest 2021 Kleiner Sendesaal des rbb

Hannes Zerbe Jazz Orchester
Hannes Zerbe Jazz Orchester, Foto: Gregor Baron

Hannes Zerbe - Piano, Leitung
Jürgen Kupke - Klarinette
Friedemann Matzeit - Altsaxofon, Bassklarinette
Nico Lohmann - Altsaxofon, Flöte
Dirk Engelhardt - Tenorsaxofon
Gebhard Ullmann - Bassklarinette, Flöte
Alexander Beierbach - Saxofon
Damir Bacikin - Trompete
Nikolaus Neuser - Trompete, Flügelhorn
Fritz Moshammer - Trompete
Morris Kliphuis - Horn
Gerhard Gschlössl - Posaune
Sören Fischer - Posaune
Philipp Krüger - Tuba
Jörg Schippa - Gitarre
Horst Nonnenmacher - Bass
Christian Marien - Schlagzeug
Taiko Saito - Xylofon
Heide Bartolomäus - Stimme

Welche Genres vom Jazz Orchester aktuell im Konzert auch „bedient“ werden, es entsteht stets ein kompakter, dicht gewebter Sound in den die vielen ausgezeichneten Solisten, ihre individuellen Klangfarben einsprühen können. Das diese historischen Spielweisen - neben klassischem und zeitgenössischem Jazz - so rüberkommen, liegt an der hohen musikalischen Substanz der Kompositionen und den Arrangements von Hannes Zerbe. Der besitzt bezüglich dieser Musik ein Alleinstellungsmerkmal oder neudeutsch: Unique Sales Point. Zusätzlich verfügt das Orchester über hochkarätige Solisten, die wie Gebhard Ullmann, Dirk Engelhardt, Jürgen Kupke, Jörg Schippa oder Horst Nonnenmacher den Berliner Jazz seit Jahrzehnten prägen, um nur einige zu nennen. Es ist überfällig, dieses Orchester auf einem Berliner Jazzfest zu präsentieren.

Übertragenes Live-Konzert mit Ansage des rbb-Moderators Ulf Drechsel.

Die Combo in der Big Band legt los, dezent swingender Rhythmus, der das unbändige Alt von Nico Lohmann zu solistischen Schleifen drängt. Die Bläser fallen ein, ziemlich schräg tönend. Themenwechsel. Stakkatohafte Rhythmen, polyphone Bläserstimmen, wobei die Soli von Posaune und Trompete mit fanfarenartigen Klängen herausstechen. Die Drums erzeugen einen harten, festen Beat, die Bläser sind mit ungemein verschachtelten Sätzen zu hören und nach einem fulminanten Klarinettensolo beschließen die Fanfaren des Blechs den ungewöhnlichen Auftakt. Für „Dimitri“ (Schostakowitsch), so der Titel.

Sanfte Bläserwelten starten den 2. Titel, der den Charakter einer ausgiebigen Suite annehmen wird. Die Band kreiert einen großorchestralen, geradezu klassischen Sound, der eine treffliche Vorlage für die vielen Soli liefert. Der Rhythmus zieht sich zurück, überlässt harmonischen Klängen den Vortritt, in die sich Melodielinien sanft einnisten. Wechsel. Drums sowie Bass produzieren jetzt einen swingartigen Rhythmus, in den die Bläser ihre Sätze überfallartig hinein werfen. Mittlerweile ist ein dunkler Sound mit einem Klecks Melancholie zu hören, dem das Altsax balladenhafte Klänge anbietet. Die Drums spielen einen - eher untypischen - Big Band-Stil, während die übrige Band im Hintergrund raunt. Erneuter Themenwechsel. Zusammen mit dem ruppigen Spiel des Basses, schlagen die Drums eine Art Funky-Beat, in den die Posaune ihre schmetternden Figuren verkündet. Und die Suite dauert an. Stark akzentuierte Rhythmen, voller Bläser-Einsatz und weitere Soli von Baritonsax und Xylofon sorgen für große Themen- und Ideenvielfalt. Gebhard Ullmann legt mit seiner Bassklarinette noch eine Schippe Free Playing darauf. Seine entfesselten Improvisationen sind spitze Dolchstiche in den Gruppen-Sound. Dann besänftigen knappe, kurz angeblasene Bläsersätze das Gehörte. Es beginnt leicht zu swingen, das Blech erzeugt tieflagige Klangwelten: Featuring Waldhorn und Tuba. Es sind noch einzelne lyrische Stimmen zu vernehmen, dann ist auch die längste Suite vorbei.

„Aproxima“ lautet der nächste Titel, den Hannes Zerbe vorstellt und der Texte von Volker Braun beinhaltet. Was jetzt kommt, ist ein hervorragendes Zeugnis, wie Lyrik und Jazz zu verbinden sind. Die Stimme von Heide Bartolomäus lässt sich von einer kleinen Besetzung begleiten. Begleiten? Nein, das ist mehr, das ist gemeinsame Synthese von Text und Musik. Der Text handelt von der nicht mehr öffentlich stattfindenden Kultur in der dunklen, noch nicht ganz überwundenen, Corona-Zeit, also einer Zeit der Nicht-Kultur, die zur Un-Kultur wird. Dazu spielen Kontrabass und Gitarre „nette Weisen“, wohltönende Melodien, die im Gegensatz zum bitter-ernsten Inhalt des Textes stehen. Der Bassklarinette von Gebhard Ullmann obliegt es, die gesprochenen Worte zu kommentieren. Mal ergänzend, mal verstärkend oder gegensätzlich meckernd. Wenn das nicht reicht, so ist bissige Ironie angesagt. Ein hervorragendes Solo, dass die lyrische, harmonische Seite des musikalischen Freigeistes Ullmann betont. Das jetzt Gehörte ist eine exzellente Verarbeitung der Pandemie durch Sprache und Musik. Jetzt macht auch die Big Band wieder mit, verdichtet den Sound. Die Musik klingt lustig und unbeschwert, konträr zur inhaltlichen Aussage des Textes. Es gibt noch einen, bedeutend kürzeren 2. Text, dessen Sprache von der Trompete im ähnlichen Geist kommentiert wird, der nicht ganz die meisterliche Tiefe des 1. Textes erreicht.

Rhythmischer Wechsel. Markanter, wuchtiger Funk-Beat mit ein wenig Latin-Einschlag. Diesen Rahmen nutzt Dirk Engelhardt, um mit seinem Tenorsax-Solo den Sound auszuschmücken. Nach anfänglicher Unterstützung durch die Big Band darf das Tenor unbegleitet seine ausgedehnten Improvisationen präsentieren: Variationen auf dem Tenorsax. Dann fällt die Band mit großorchestralen Klängen ein, wobei sich Holz und Blech trefflich ergänzen. Der Rhythmus ist in einen leicht ruppigen Swing übergegangen, in den Nico Lohmann erneut agile Figuren mit dem Altsax blasen kann. Last not Least gehört zum Sound einer so großen Formation auch die Gitarre, die von Jörn Schippa hier bestens bedient wird.

Ja, es blitzte in den bisherigen Stücken schon hier und da auf: Humor nebst Ironie. Der folgende Titel präsentiert diese Geisteshaltung in der Musik am deutlichsten. Juni-Juli-Aug schimpft sich der Titel. Der geht fetzig ab, beinhaltet viele Musikstile der vergangenen Jahrzehnte. Da steckt viel von der Musik großer europäischer Komponisten und deren Genres drin. Wer will, der kann in diesen „entfremdet“ gespielten Titeln neben Schostakowitsch, Hans Eisler auch Kurt Weil oder Paul Linke heraushören. Na, wenn da nicht noch der Schalk eines Thelonious Monk irgendwo steckt. Diverse Soli, die nicht alle gewürdigt werden können, bereichern mit unterschiedlichsten stilistischen Ausprägungen diesen sowie die anderen Titel.

Text: Cosmo Scharmer
Foto: Gregor Baron

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Kommentar von Engelhardt Dirk |

Hallo Ihr,
vielen Dank für die Rezension!
So eine detaillierte Kritik ist selten, aber sehr willkommen - beste Grüsse!
Dirk Engelhardt

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