Heiner Schmitz - Heimatstücke

Heiner Schmitz - Heimatstücke
Heiner Schmitz - Heimatstücke

Heiner Schmitz
Heimatstücke

Erscheinungstermin: 29.09.2023
Label: JazzSick Records, 2023

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jazz-fun`s recap:

Der Saxophonist hat eine Reihe von Kompositionen vorbereitet, die in jeder Hinsicht "poliert" sind. Es gibt schöne Melodien, reizvolle Harmonien, hervorragende Soloparts und viel kammermusikalisches Spiel, frei, aber nicht verrückt. Ein wenig Träumerei und Melancholie, Ruhe und Lyrik, Geschichten und Bilder sind in dieser Musik. In den melodischen Duetten hält Heiner Schmitz die pastellfarbene Stimmung der nahen Vergangenheit feinfühlig fest.

Heiner Schmitz - Saxophones
Martin Schulte - Guitars
Simon Seidl - Piano
Matthias Nowak - Upright Bass
Ralf Gessler - Drums

Ein Saxophon, das nachdenklich in die Vergangenheit blickt. Sonst nichts. Zumindest für den Moment. Dann ein Klavier, das die Richtung vorgibt, bevor die ganze Band einsteigt und die Reise zu einem kollektiven Ausflug an den Horizont des imaginierten Anfangs macht. „Blaue Datsche“ ist der Opener eines Albums, dessen Titel „Heimatstücke“ sagt, worum es geht. Der Kölner Saxophonist und Komponist Heiner Schmitz hat sich in letzter Zeit eher mit komplexeren Alben einen Namen gemacht. Auf „Heimatstücke“ versucht er mit ganz einfachen Mitteln, in einem Meer der Orientierungslosigkeit Terrain zu gewinnen und über die Erinnerung zu sich selbst und seiner Herkunft zu finden. Das Album besteht aus elf wunderbar unerschrockenen Rückblicken auf die eigene Kindheit und Jugend und Vorausschauen in die nahe Zukunft.

Mit einer faszinierend beiläufigen Hingabe lässt Schmitz die Songs einfach passieren, als wären sie ganz von selbst entstanden. Seine Heimatstücke sind direkt aus seinem Innenleben gegriffen. Sie klingen wie Jazz, funktionieren wie Songs und sind am Ende doch nur sie selbst. „Ja, die Stücke sind mir einfach passiert“, bestätigt er. „Ich habe sie nicht absichtlich geschrieben. Einige waren schon da, andere kamen dazu, und ich dachte, ich könnte sie unter dem Titel Heimatstücke zusammenfassen".

In der heutigen Zeit ein Album Heimatstücke" zu nennen, zeugt von Mut. Dabei geht es nicht um die heimatliche Scholle, auch nicht um einen ideologisch, national oder gar topografisch definierten Heimatbegriff. Vielmehr begibt sich Heiner Schmitz auf die Suche nach der verlorenen Zeit, wie sie Marcel Proust am besten beschrieben hat. Natürlich klingt dieser Albumtitel provokant und ist vor Fehlinterpretationen nicht gefeit. Aber er ist das genaue Gegenteil einer Provokation. Vielmehr beschreibt es jene Sehnsucht, die in uns allen wohnt, die ebenso gedankenverlorene wie zeitvergessene Unbeschwertheit der Kindheit zu rekapitulieren und uns an diesen nie wiederkehrenden Ort zurückzuversetzen. Heimat! In Schmitz’ Album finden sich Namen und Begegnungen, Erinnerungen und Einordnungen. Aber es gibt noch eine andere Art von Liedern. Neben den Titeln, die von der Illusion kindlicher Glückseligkeit erzählen, gibt es auch solche, in denen die Sorge um die Zukunft zum Ausdruck kommt. Sie tragen Titel wie „Zeitenwende“ oder „Tatendrang“. Heiner Schmitz weiß, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann. Letztlich zählt nur das, was vor uns liegt. Aber er träumt nicht nur von der Zukunft, er übernimmt auch Verantwortung. Dieser Dualismus prägt das Album.

„Heimatstücke“ ist ein sehr subjektives Album. Vieles, was man im Rückspiegel der Zeit als gut und positiv verortet, wird in der Realität des konkreten Moments ganz anders empfunden. Mit dieser Unschärfe der Erinnerung spielt Schmitz bewusst. Er setzt sich über die Chronologie des Biografischen hinweg und montiert den unübersichtlichen Sack des Erinnerten zu einer spannenden Geschichte im Hier und Jetzt. „Als Kind konnte man frei von kapitalistischen Zwängen und Leistungsdruck existieren“, hält er aus der Perspektive des 40-Jährigen fest. „Ich kann dankbar auf das zurückblicken, was war. Selbst die langweiligen Ferien bei Oma kommen mir paradiesisch vor. Heute versuchen wir, unseren Kindern in den Ferien ein tolles Aktionsprogramm zu bieten. Früher wurde man einfach für ein paar Wochen bei Oma abgeladen. Andererseits bringt es nichts, immer nur zurückzublicken. Meine Philosophie war immer, die Vergangenheit mitzunehmen und zu überlegen, wie man es in Zukunft besser machen kann. Was kommt als nächstes?

Bei all diesen sehr grundsätzlichen Fragen und Gedanken bewahren sich der Kölner und seine Mitstreiter einen wunderbaren Sinn für Leichtigkeit und Optimismus. Die Kompositionen kommen ohne jeden Anflug von Sentimentalität aus. Die Songs schweben am Ohr vorbei wie die Außenwelt hinter dem Fenster bei einer Zugfahrt. Dabei kommt Schmitz eine Eigenschaft zugute, die seine Musik seit jeher auszeichnet. Die Wärme seiner Melodien und Arrangements ist überaus wohltuend. Als Zuhörer fühlt man sich von seinen Liedern unweigerlich verstanden, geborgen und umhüllt. Es sind Lieder, die man schon nach wenigen Momenten mitsingen kann. Schmitz ist ein Freund einfacher Formen. Während seine letzten beiden Alben „Sins & Blessings“ und „Tales From The Wooden Kingdom“ das Ohr eher vor Herausforderungen stellten, sind die „Heimatstücke“ ein großes Zugeständnis ohne Kompromisse. „Das sind alles Stücke, die ich einfach so schreiben musste“, sagt er. „Bei meinen letzten Projekten habe ich immer versucht, mich mit größeren Besetzungen zu erweitern. Heimatstücke' dagegen kann man wunderbar im Auto laufen lassen."

Natürlich haben die beteiligten Musiker einen entscheidenden Anteil am Sound des Albums. Nach zwei großformatigen Alben kehrt Heiner Schmitz wieder zur handlichen Quintettbesetzung zurück. Mit Schlagzeuger Ralf Gessler und Gitarrist Martin Schulte ist er seit Studienzeiten verbunden. An Gessler schätzt er dessen Affinität zu grooveorientierter Musik. Schulte ist auf dem Album prominent vertreten. Mit seinem sehr vokalen Gitarrenton fungiert er an einigen Stellen des Albums gewissermaßen als Sänger. Gitarre und Saxophon verbinden sich oft zu einer magischen Doppelhelix. Mit dem Pianisten Simon Seidl hat Schmitz bereits auf „Sins & Blessings“ zusammengearbeitet. Er hat auf dem Album zwar kein klares Feature, grundiert aber kontinuierlich den Gesamtsound der Band. Der fünfte im Bunde ist Bassist Matthias Nowak, der Schmitz’ Kompositionen Kraft und Tiefe verleiht.

„Heimatstücke“ ist ein Soundtrack zum Film des Lebens. Es ist eine Sammlung von Klangerzählungen aus der sehr persönlichen, ungeschönt erzählten Lebensgeschichte von Heiner Schmitz, der tief in sich gegangen ist, alle Scheuklappen abgelegt hat, sich einen Dreck um die Erwartungen der Fachwelt schert und rauslässt, was sowieso raus muss. Aber gerade deshalb synchronisiert sich dieser Soundtrack auf einzigartige Weise mit den Erfahrungen und Erinnerungen der Zuhörerinnen und Zuhörer. „Heimatstücke“ ist die ebenso verführerische wie ehrliche Quersumme aller gelebten und imaginierten Leben.

Text: JazzSick Records

  1. Blaue Datsche
  2. Adolestanz
  3. Zeitenwende
  4. Traumwanderung
  5. Tatendurst
  6. Ferien bei Oma
  7. Sonnabend
  8. Noahs Tag
  9. Marli macht Launen
  10. Pilzernte
  11. Für Sabine

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