Henning Neidhardt Trio - First On The Roll

Henning Neidhardt Trio - First On The Roll

Henning Neidhardt Trio
First On The Roll

Erscheinungstermin: 22.10.2021
Label: Double Moon, 2021

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Henning Neidhardt - Piano
Duy Luong - Double bass
Karl F. Degenhardt - Drums

Ein weiteres Klaviertrio, könnte man zunächst meinen, doch spätestens nach ein paar Minuten kommen noch weitere Klänge hinzu, die zu dieser Charakterisierung nicht so recht passen wollen. Elektronische Effekte und ein Synthesizer übernehmen in improvisierten Zwischenspielen die Regie, versehen aber auch manchmal die „richtigen“ Songs mit einer Ambient-ähnlichen Stimmungslage.

„Auf dem Album verbinden wir die Jazztradition mit Elektronik, was für mich eine sehr gesunde Mischung ist“, stellt der Pianist Henning Neidhardt, der dem Trio seinen Namen gegeben hat und die meisten Stücke komponiert hat, fest. „Wir sind alle in den Neunzigern aufgewachsen und wollen gar nicht abstreiten, dass wir davon beeinflusst sind. Das steckt in uns und deshalb lassen wir es auch zu.“

Neidhardt geht diesen Weg zusammen mit dem vietnamesischen Bassisten Duy Luong und dem Schlagzeuger Karl F. Degenhardt. Kennengelernt haben die Drei sich während ihres Studiums an der Folkwang Universität der Künste in Essen, Neidhardt hatte vorher schon in Amsterdam und Enschede studiert. Zu seinen Lehrern zählten unter anderem Karel Boehlee, Sebastian Altekamp, Thomas Rückert und Ryan Carniaux.

Mit dem Klavierspiel begonnen hat er allerdings schon als Kind. „In der musikalischen Früherziehung wurde meine Blockflötenlehrerin auf meine langen Finger aufmerksam und meinte, dass ich doch Pianist werden könnte“, erzählte er. „Das leuchtete mir direkt ein und ich ging zum Klavierunterricht.“

Nach viel Mozart hatte der jugendliche Henning schließlich eine Art Erweckungserlebnis mit Scott Joplins „The Entertainer“ und er wechselte zu einem Lehrer, der seinen Schülern vor allem Blues, Jazz und Pop vermitteln wollte. Das stieß auf offene Ohren, denn Neidhardt hatte seinen Weg zum Jazz über den Umweg der Frauenzeitschrift „Brigitte“ gefunden. „In einer Fernsehwerbung machten die auf ihre CD-Beilage aufmerksam, und dabei lief Ella Fitzgerald“, erinnert Neidhardt sich noch gut. „Ich bekniete meine Mutter, mir das Heft zu besorgen, das war dann meine erste Jazz-CD. Als Nächstes habe ich mir Charlie Parker gekauft und fand ihn super.“

Noch während der Schulzeit formte sich in Neidhardt der Entschluss, professioneller Musiker werden zu wollen und das erwähnte Studium schloss sich an. „Drei unterschiedliche Städte, viele unterschiedliche Lehrer und Einflüsse, das hat sich im Nachhinein als genau richtig erwiesen“, zeigt sich der Pianist zufrieden. „Kurz vor meinem Examen habe ich dann meinen musikalischen Weg gefunden. Bis dahin hatte ich immer versucht, ein Bebop-Spieler zu sein, bis ich dann so ehrlich zu mir war, dass ich das gar nicht bin. Ich bin mehr jemand, der mit Farben spielt und auf diesem Weg haben mir Duy und Karl auch sehr geholfen. Die beiden hatten genau die richtige Haltung für mich: Wir müssen jetzt nicht rhythm changes auf 300 bpm spielen, sondern es ist in Ordnung, wenn man viele Balladen spielt und sich Platz lässt. Schließlich haben wir auch begonnen, Elektronik in unsere Musik einzubauen. Manchmal ist es nur ein langer Ton vom Synthesizer, der einem genau das richtige Gefühl gibt.“

Diese Vielfalt macht „First of the Roll“ zu einem auch dramaturgisch schlüssigen Album. Viele der vornehmlich von Neidhardt komponierten Songs - eine Ausnahme ist „Mild“ des dänischen Gitarristen Jakob Bro - gehen ineinander über und verleihen der CD eine innere Kohärenz. Das ist Neidhardt nicht nur wichtig, das hat er sich auch bei einer anderen Tätigkeit, die er ausübt, abgeguckt. „Ich begleite den Mentalisten Timon Krause“, erzählt er, „da habe ich viel gelernt, was musikalische Dramaturgie und theatralisches Denken angeht - dass eben alles einen Rahmen haben muss.“

Das geht so weit, dass die kurze Sequenz „Rewind“ am Ende von „First of the Roll“ wieder auf das „Intro“ am Beginn des Albums verweist. In diesem Fall mehr als ein zarter Hinweis darauf, dass man das Album am besten gleich noch einmal hört.

Text: Double Moon

jazz-fun.de meint:
Das Album erfordert Konzentration und Offenheit. Es entzieht sich Stereotypen, überrascht und fesselt. Bei jedem weiteren Abspielen entdeckt man neue Nuancen und Noten, man könnte es endlos anhören.

  1. Intro
  2. Epilogue
  3. Milo
  4. Interlude I
  5. The cleaners
  6. Interlude II
  7. Doris' day
  8. Featuring
  9. Muffin boy
  10. Rewind

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