Hilde - Tide

Hilde - Tide
Hilde - Tide

Hilde
Tide

Erscheinungstermin: 15.03.2024
Label: Boomslang Records, 2024

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jazz-fun`s recap:

Hildes Musik ist ein außerordentlich farbiger, überraschender und oft sehr lyrischer Klangteppich. Trotz offener Formen, origineller Instrumentalkombinationen und überraschender Gesangspartien überwiegt der Eindruck von Ordnung und stabilen Klangstrukturen. Es ist eine eigenwillige Klangwelt - exotisch, sinnlich, voller Labyrinthe und Geheimnisse.

Julia Brüssel - Geige
Marie Daniels - Stimme
Maria Trautmann - Posaune
Emily Wittbrodt – Cello

Wer oder was ist hilde? Eine Person? Eine Idee? Ein Sound? Eine Band? Eine Kombination aus all diesen Aspekten? Auf der Suche nach hilde trifft man auf Sängerin Marie Daniels, Geigerin Julia Brüssel, Posaunistin Maria Trautmann und Cellistin Emily Wittbrodt. Sie haben sich in dem Groß-Kollektiv The Dorf kennengelernt, 2018 unter dem Logo hilde als Quartett aufgestellt und bereits 2020 mit ihrer ersten Platte „Open“ für Aufsehen gesorgt.

Soviel zur Historie, denn ihr neues Album „Tide“ ist von außen betrachtet ein absoluter Neubeginn, auch wenn die vier Bandmitglieder dieser Aussage widersprechen und es eine logische Weiterführung des ersten Albums nennen würden. Doch während sie auf „Open“ noch wild in die Welt und ihr Umland hinein revoltieren, ziehen sie auf „Tide“ wesentlich sanftere Saiten auf. Das enthemmte Drauflosspielen ihres Debüts weicht einem klaren Bekenntnis zu Schönheit und einem Verweilen im Klang. Ohne sich aus der Gegenwart fallen zu lassen, rufen sie traditionelle Lied- und Musizierformen in Erinnerung, um über den Bogen einer improvisierten Kammermusik zurück in das Lebensgefühl aktueller Pop-Musik zu führen. Und ein bisschen Revolte darf hin und wieder auch noch sein. Geblieben ist hildes absolute Unberechenbarkeit, denn jeder der 14 zumeist recht kurzen Songs überrascht mit neuen Farben, Timbres, Spielhaltungen und Dramaturgien.

So vollkommen das Quartett aufeinander eingespielt ist und so präzise die Songs auch arrangiert, produziert und umgesetzt sein mögen, geht es eben zu keinem Zeitpunkt um Perfektion. Vieles entsteht immer noch aus der kollektiven Improvisation heraus und wird erst im Nachhinein aus den Aufnahmen transkribiert. Einmal im Jahr geht hilde an einem entlegenen, von äußeren Einflüssen abgeschotteten Ort in Klausur und probiert neue Sachen aus. Bei der Arbeit zu „Tide“ überkam das Quartett eine unbändige Lust auf komplette Stücke, statt wie zuvor verschiedene Torsi ineinander zu schieben. Diesem Verlangen kam der Umstand zugute, dass „Tide“ das erste reine Studioalbum der Gruppe ist, im Gegensatz zu „Open“, das noch aus diversen Live-Mitschnitten montiert wurde.

Eine große Stärke von hilde besteht darin, völlig unerwartete, manchmal geradezu tollkühne Scharniere zwischen abstrakter Klangfindung und traditioneller Anmut zu finden. Diese seltene Gabe offenbart sich vor allem in ihren Live-Konzerten. Dabei verlieren sie nie ihr Gegenüber, den gestaltenden Hörer aus dem Ohr, mit dem sie Blickkontakt halten und auf den sie intuitiv eingehen. Für ihr neues Album hat die Viererbande ganz bewusst die Entscheidung getroffen, dieses Verhältnis ein erhebliches Stück in Richtung experimentelle Sinnlichkeit zu verschieben. Um dieses gemeinsame Anliegen zu bündeln, arbeitete man im Studio mit dem Produzenten Peter Rubel zusammen, der als Sänger der Pop-Band Düsseldorf Düsterboys bekannt ist. Im Einvernehmen mit Rubel wurden die vorhandenen Songs im Studio mit immer neuen Ideen angereichert, Overdubs eingespielt, bestimmte Stimmen und Linien gedoppelt und eine für hilde ganz neue Kompaktheit erzielt.

Diese Kompaktheit drückt sich auf sehr unterschiedliche Weise aus. Zum einen geht es immer um den Gesamtsound bzw. um die Bedürfnisse eines jeden Songs und niemals um die spielerischen oder solistischen Egos der vier Beteiligten. hilde – und damit kommen wir auf die eingangs gestellte Frage zurück – ist immer hilde. Von wem welcher spielerische Impuls, welche Klangfarbe, Komposition oder spontane Idee kommt, spielt kaum eine Rolle. Vier Musikerinnen wachsen zu einer Person zusammen, zu hilde, einem Individuum mit vier Köpfen und acht Armen, das uns auf „Tide“ mit massiver Sanftheit gegenüber tritt.  

Dasselbe trifft auch auf den kompletten Bogen des Albums zu. Jeder Song steht für sich selbst, doch die Reihenfolge ist nicht beliebig. hilde erzählt eine Geschichte, die vom ersten bis zum letzten Ton genau so gehört werden will. Nimmt man einzelne Tracks heraus oder schaltet auf Zufallsprogrammierung, wird eine andere Geschichte daraus, die nur noch bedingt etwas mit hildes Plot zu tun hat. Es geht nicht um ein Narrativ der gemeinsamen Mitte, sondern immer um ein kollektives Ganzes, das sich in jeder der vier individuellen Persönlichkeiten zu 100 Prozent abbildet.

„Wir mögen schöne Sachen“, ruft hilde unisono aus. Improvisation ist für sie ein Ausdruck von Freiheit, der nichts ausschließt und alles zulässt. Was an sich wie eine Selbstverständlichkeit klingt, ist das – wie uns 60 Jahre frei improvisierter Musik ernüchternd vor Augen führen – ganz und gar nicht. Schöne Sounds, Wohlklang und einprägsame Liedstrukturen sind auf „Tide“ keine peinlichen Ausrutscher, sondern überaus gewollt. Der Grundstein für diese intuitive Geschlossenheit liegt viel tiefer als das viel zitierte gegenseitige Vertrauen innerhalb einer Band. Er beruht auf einer in dieser Unverbrüchlichkeit selten gelebten wohlwollenden Verlässlichkeit, welche jeder der vier Musikerinnen ein Gefühl der Sicherheit gibt, die sie braucht, um als hilde zum Äußersten gehen zu können und immer das Innerste zu erreichen – und umgekehrt.

Das Periodensystem der Elemente umfasst 118 Komponenten, um die gesamte materielle Wirklichkeit unseres Planeten zu erfassen. Führt man sich hildes neues Album „Tide“ vor Ohren, bedarf es der genauen Zahl von vier Elementen, nämlich Cello, Geige, Posaune und Stimme, um die Welt in ihrer ganzen Komplexität auszudrücken. Es gibt nichts, das hilde uns nicht erzählen könnte, keinen Winkel, kein Ding und kein Gefühl, das sich nicht mit ihrer Musik beschreiben ließe. hilde evoziert gleichermaßen ein- und nachdrückliche Bilder im Klang und führt uns über imaginär Erinnertes zu einer neuen Wahrnehmung der Wirklichkeit. Nicht zuletzt beweist hilde mit ihrem zweiten Album ebenso anschaulich wie hörenswert, dass uns Schönheit und Anmut, mögen sie auch noch so abstrakt, herausfordernd und vielleicht provokant sein, Perspektiven öffnen, die ein Ansatz zur Lösung, wenn auch vielleicht nicht aller, so doch einer Vielzahl von Problemen dieser Welt sein können.

Text: Wolf Kampmann

  1. Fragility
  2. Tide
  3. Tomorrow
  4. Blau
  5. Lull
  6. Kostouxjak
  7. Equity
  8. Leak
  9. River
  10. Body
  11. Lime
  12. Once
  13. Melt
  14. Newborn

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