Rezension des Albums "Timbre" von Hilde
Hilde
Timbre
Erscheinungstermin: 08.05.2026
Label: Boomslang Records, 2026
Wie vibrierende Luft am Horizont – Hildes poetische Klangwelt
Es gibt Alben, die sich einer schnellen Einordnung konsequent verweigern. Timbre von Hilde gehört genau zu dieser seltenen Kategorie. Die Musik des Quartetts bewegt sich frei zwischen Klangkunst, Kammermusik, improvisierter Musik und atmosphärischen Songformen – ohne jemals wirklich in einer dieser Welten anzukommen. Diese Offenheit macht den besonderen Reiz dieses Albums aus.
Timbre besitzt eine bemerkenswerte innere Spannung, die nicht aus dramatischen Gesten oder plötzlichen Brüchen entsteht, sondern aus einer tiefen Konsequenz im Umgang mit Zeit, Raum und Balance. Alles scheint bewusst gesetzt und gleichzeitig erstaunlich frei zu fließen. Die Musik sucht keine Eindeutigkeit – vielmehr lebt sie von Übergängen, Schwebezuständen und feinsten Veränderungen.
Besonders faszinierend bleibt dabei der Umgang mit Stille. Pausen wirken nie leer, sondern werden Teil der musikalischen Sprache. Der Raum zwischen den Tönen bekommt fast dieselbe Bedeutung wie die Klänge selbst. Dadurch entsteht eine Atmosphäre von außergewöhnlicher Fragilität und Konzentration.
Wer die Musik von Hilde bereits kennt, wird sofort den unverwechselbaren Charakter des Quartetts erkennen. Und doch überrascht Timbre immer wieder aufs Neue. Mit jedem Hören öffnen sich weitere Schichten, neue Verbindungen und feine Details, die sich erst nach und nach erschließen.
Die Besetzung trägt wesentlich zu dieser besonderen Klangwelt bei: Julia Brüssel an der Violine, Maria Trautmann an der Posaune, Emily Wittbrodt am Violoncello und die Stimme von Marie Daniels erschaffen gemeinsam ein faszinierendes Geflecht aus Klangfarben, das gleichzeitig zart, körperlich und überraschend greifbar wirkt.
Diese Musik wirkt wie eine feine Brise im Gesicht – leicht, beinahe schwebend und doch spürbar nah. Sie erzählt Geschichten, ohne Worte zu benötigen, wirkt fast märchenhaft und bleibt zugleich tief in einer emotionalen Wirklichkeit verwurzelt.
Timbre ist ein außergewöhnlich poetisches, sensibles und eigenständiges Album – Musik voller feiner Nuancen, stiller Intensität und klanglicher Schönheit.
Ein Werk, das Zeit braucht – und genau deshalb lange bleibt.
(Jacek Brun, 24.05.2026)
Besetzung
Julia Brüssel - Geige
Marie Daniels - Stimme
Maria Trautmann - Posaune
Emily Wittbrodt – Cello
Titelliste
- Love Letter
- SixtyFour
- Taneen
- Three
- Timbre
- Eleven
- Barranco
- TwentyEight
- Eighty
- Agree
- Clouds
- NineteenTwelve
- Harvest
- FourtyThree
- Hope
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