Hildegunn Øiseth Quartet - Garden On The Roof

Hildegunn Øiseth Quartet - Garden On The Roof  - Albumcover
Hildegunn Øiseth Quartet - Garden On The Roof

Hildegunn Øiseth Quartet
Garden On The Roof

Erscheinungstermin: 24.05.2024
Label: Clap Your Hands, 2024

Hildegunn Øiseth Quartet - Garden On The Roof - bei bandcamp kaufen

jazz-fun`s recap:

Das eingespielte Ensemble erreicht auf diesem Album künstlerische Höhen, die man so noch nicht gehört hat. Der einzigartige Klang der Instrumente von Hildegunn Øiseth fasziniert vom ersten Ton an. Wunderschön geformte Harmonien und lyrische Soloparts, die manchmal zu vulkanischen Eruptionen ausarten, bilden ein homogenes Ganzes. Melancholie und Gesang, Landschaften und Geschichten. Ein wunderschönes Album, wir sind begeistert! (Jacek Brun, 24.05.2024)

Hildegunn Øiseth - trumpet, goat horn, vocals
Espen Berg - piano
Magne Thormodsæter - bass
Per Oddvar Johansen - drums

Um die 1966 im norwegischen Kongsvinger geborene Jazztrompeterin Hildegunn Øiseth wirklich zu verstehen, muss man wissen, dass sie ihre musikalische Forschung am liebsten selbst betreibt. Nach ihrem Musikstudium spielte sie in den 1990er Jahren Trompete in der Bohuslän Big Band in Schweden, bevor sie für zwei Jahre nach Südafrika ging. Dort tauchte sie nicht nur in die Jazz- und traditionelle Musikszene rund um Kapstadt ein, sondern begann auch, die Musik der samischen Ureinwohner im Norden Skandinaviens zu erforschen. Dabei entdeckte sie die Ähnlichkeit ihrer Musik mit der traditionellen Musik Südafrikas.

Auf mehreren Reisen durch Pakistan suchte Øiseth nach Ähnlichkeiten zwischen den dortigen Ragas und den für die norwegische Folklore typischen Tonleitern. Bei einer Sufi-Veranstaltung in Pakistan entdeckte sie die Verbindung zwischen dem südasiatischen Land und ihrer nordeuropäischen Heimat: Das Ziegenhorn, das in Pakistan bei Sufi-Zeremonien gespielt wird, ist ein traditionelles norwegisches Instrument, das auch von Hirten als Signalhorn verwendet wird.

Einerseits hat Øiseth den dunklen, archaischen "Schrei" des Ziegenhorns gewissermaßen domestiziert, um ihn im Kontext ihres modernen Jazz zu spielen. Andererseits will sie die Trompete als zeitgemäße Konstruktion des Ziegenhorns verstanden wissen und verfremdet dessen Klang mitunter durch verschiedene Effektgeräte, die sonst nur für die E-Gitarre verwendet werden, um ähnlich emotional und tiefgründig zu klingen wie auf dem Bukkehorn, wie es in Norwegen genannt wird. Mittlerweile spielt sie beide Instrumente mit einer Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit, die sich auf alle Tonleitern überträgt.

Die Gründung des Quartetts geht auf einen Tipp des norwegischen Tontechnikers Jan Erik Kongshaug zurück. Er fragte Øiseth eines Tages, warum sie noch nie mit einem Quartett im Studio gespielt habe. Damals hatte sie die Vorteile dieser Besetzung für sie als Trompeterin noch nicht erkannt - zum Beispiel, wie homogen und harmonisch der Klang ihres Blechblasinstruments mit dem warmen, holzigen Sound einer Rhythmusgruppe aus Klavier, Bass und Schlagzeug verschmelzen würde, oder wie diskursiv und eloquent in dieser Besetzung improvisiert werden könnte.

Seit ihrer ersten Veröffentlichung Stillness im Jahr 2011 ist dieses Quartett zu ihrer bevorzugten Formation geworden. In diesem Quartett kann Øiseth ihre ästhetischen und stilistischen Vorlieben ausleben und ihre Vorstellung von modernem Jazz nach Belieben mit den Musikkulturen der Welt und der Folklore Norwegens und Skandinaviens verbinden. Und mit ihrem Landsmann Espen Berg hat sie einen Pianisten an ihrer Seite, der ihre starken Themen auf Trompete und Bukkehorn und ihre dynamisch differenzierte Improvisationskunst adäquat und harmonisch zu erden weiß.

Auf ihrem neuen, fünften Quartett-Album Garden on the Roof hat Øiseth die Parameter ihrer Jazzmusik verfeinert. Während sie im Opener "Prelude to Waking" im offenen Dialog mit Berg und dem Schlagzeuger Per Oddvar Johansen deutlich macht, dass das Ziegenhorn längst zu einem integralen Instrument ihrer Improvisationsmusik geworden ist, spielt sie im folgenden Stück "Luringen" ein geschicktes Täuschungsspiel, "In Kombination mit Øiseths lyrischem Gesang, einer oszillierenden Harmonik und einem fast tänzerischen Groove von Johansen und dem Bassisten Magne Thormodsæter entwickelt sie eine einfache und singbare Melodie, erst auf dem Ziegenhorn, dann auf der Trompete, wie es in skandinavischen Volksliedern oft vorkommt.

Ihre Vorliebe für Täuschungsmanöver zeigt sich einmal mehr, wenn sie den Gitarristen Nils-Olaf Johansen als Gast ins Quartett holt. Während sich Øiseth in "Pups and Cups" mit dem Gitarristen auf ein freies Spiel der improvisatorischen Kräfte einlässt, spielt Johansen auf seiner Gitarre Soli aus fast klassischen Single-Note-Linien über den Akkorden des Titelstücks, während er in "In Limbo" in einen oszillierenden Dialog mit dem Trompeter tritt.

Dass Øiseth auch eine politische Künstlerin ist, wird gegen Ende von Garden on the Roof deutlich. Während sie in "About Peace" dazu aufruft, die vielen bewaffneten Konflikte in der Welt differenziert zu betrachten und die Opfer aller Seiten anzuerkennen, will sie in "Refugee Anthem" den namenlosen Flüchtlingen, die ihr Leben auf dem Weg in eine bessere Zukunft geopfert haben, eine Stimme geben - ein eindringliches Statement von Hildegunn Øiseth und den Musikern ihres Quartetts.

Text: Clap Your Hands

  1. Prelude To Wakening
  2. Luringen
  3. Forest Finns
  4. Pubs And Cups
  5. Garden on the Roof
  6. In Limbo
  7. For No Reason
  8. About Peace
  9. Refugee Anthem

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