Hotel Bossa Nova - Desordem & Progresso

Hotel Bossa Nova - Desordem & Progresso

Hotel Bossa Nova
Desordem & Progresso

Erscheinungstermin: 30.01.2015
Label: Enja, 2014

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„Der Bossa Nova gehört wie die Nouvelle Vague des französischen Kinos oder die britische Pop-Art zu jenen Bewegungen der Nachkriegszeit, die versuchten, unter den postavantgardistischen Bedingungen der Moderne die Avantgarde fortzusetzen, sie als Moderne zu verwirklichen und Kunst in Lebenspraxis zu überführen. Weitaus mehr als nur ein Musikgenre, ist der Bossa Nova dennoch nicht ohne Grund international als Musik bekannt geworden. Doch der Bossa Nova ist darüber hinaus mindestens eine musikalische Lebensweise, nämlich eine Haltung, die sich vor allem in einer musikalischen Form ausdrückt. Und auch das hat die Bewegung mit anderen postavantgardistischen Avantgarden gemeinsam: Der Bossa Nova ist kein Stil, sondern ein Ausdruck. Und zwar Ausdruck eines Modernismus, der auf besondere Weise durch Mythos, Mode und Melancholie bestimmt, ja belebt und gelebt wurde.“ Roger Behrens in „Die traurigen Tropen“

Von allen musikalischen Spielarten des lateinamerikanischen Kontinents ist der Bossa Nova zweifellos die leichtfüßigste. Was in den 1950ern mit Legenden wie Antonio Carlos Jobim und João Gilberto in Brasilien begann, hat sich im Verlauf der Jahrzehnte über die ganze Welt verbreitet und ist heute noch immer fester Bestandteil des internationalen Latin Jazz. Für Hotel Bossa Nova, dem vor neun Jahren gegründeten Jazzquartett aus Wiesbaden, ist der Bossa Nova gleichwohl lediglich der Ausgangspunkt, von dem aus sie in unterschiedlichste musikalische Richtungen des Latin Jazz aufbrechen und dabei immer wieder neue Felder mit ganz eigenen Fusion-Kreationen bestellen. Auf der Bühne wirkt die Formation, auch durch die so viel Lebensfreude ausstrahlende Sängerin Liza da Costa, noch einmal befreiter und entfesselter, was den improvisationsfreudigen und virtuosen Musikern einen exzellenten Ruf und allerorten begeisterte Konzertkritiken einbringt.

Aber auch im Studio lassen Hotel Bossa Nova ihrer Leidenschaft freien Lauf. Und freigeistiger als auf „Desordem e Progresso“ (Turbulenz und Fortschritt), ihrem nunmehr fünften Studioalbum, haben sie noch keines ihrer Werke produziert. Den Titel verdankt das Album dem Slogan „Ordem e progresso“, der auf der brasilianischen Nationalflagge steht und der während der Fußballweltmeisterschaft omnipräsent war. Die Turbulenzen des Lebens waren schon immer ein Sujet, das in den Songs von Hotel Bossa Nova eine gewichtige Rolle gespielt hat. Während die portugiesisch-indische Sängerin Liza da Costa alle Songtexte schreibt, entstehen die Songs letztendlich in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit mit ihren drei Bandkollegen Tilmann Höhn (Gitarre), Alexander Sonntag (Kontrabass) und Wolfgang Stamm (Schlagzeug, Percussion). Im Jazzuniversum des renommierten Quartetts, das stets mit viel Akribie und Verve ans Werk geht, glänzt jeder Musiker mit seiner ganz eigenen Strahlkraft.

Im Gegensatz zu dem eher balladesken Vorgänger „Na Meia Luz“, das vornehmlich klassisch aufgebaute Songs rund um das weite Feld des Bossa Nova enthielt, überraschen Hotel Bossa Nova diesmal mit einer Improvisationslust und Tempovorstößen, die einfach eine helle Freude sind. Der Produktion des Albums vorausgegangen waren einige Nächte voller fruchtbarer Diskussionen, wie die Band mit ihren neuen Kreationen spürbar Fortschritte machen könnte. Eine Antwort fanden sie unter anderem mit einigen spontan im Studio entstandenen Songminiaturen, in denen auch das blinde Verständnis füreinander zum Ausdruck kommt. Da wäre zum Beispiel „Abelão (Bumblebee)“, weniger eine Anlehnung an Rimski-Korsakows berühmten „Hummelflug“ als eine aparte Bass-Schlagzeug-Variation auf ein Kinderlied. Oder die Fado-Miniatur „Flor (Flower)“, bei der Liza da Costa ihr dramatisches Talent offenbart – meisterliche Melancholie; trotz der optimistischen Lyrics über die heilbringende Kraft einer Pflanze. Oder aber „Adeus C.H.“, eine Hommage an den in diesem Sommer verstorbenen Jazz-Bassisten und Free-Jazz-Pionier Charlie Haden. Eine 8-String-Gitarre und eine maßangefertigte Aliquot Gitarre im sich zärtlich umgarnenden Zusammenspiel, untermalt von Lizas Scat-Gesang. Eine kleine Delikatesse.

Der Opener des Albums, „Largo de Camões“, benannt nach einem bekannten Platz im Zentrum von Lissabon, ist noch am ehesten ein klassischer Bossa Nova. Das impressionistische Stück beschreibt das Treiben respektive das Sich-treiben-lassen auf dem nach einem berühmten portugiesischen Schriftsteller benannten Platz, den Liza häufig überquerte, als sie in Lissabon lebte. Das zeitlose Stück über die Vergänglichkeit, berückend schön verziert vom Vibraphon-Spiel von Bernhard Hering, mit dem die Band seit Jahren befreundet ist, besticht zudem durch ein wunderbares Solo von Tilmann auf seiner Fretless-Gitarre. Wer bei diesem Bossa Nova nicht zu träumen beginnt…

„Manhã (Morning)“ gehört zu jenen Stücken, von denen man sich nur zu gerne aus den Träumen reißen lässt und sich in den Tag stürzt. Ein durch und durch sommerliches Stück mit leichtem Samba-Flair und „afrodisierender“ Percussion. „Estrada Amarela (Yellow Road)“ ist eines der vitalsten Stücke des Albums. Der Song mit den erstaunlichen Tonartwechseln gehört zu den Lieblingsstücken der Band und die leichte Affinität zu den Klassikern der Jazzikone Elis Regina ist durchaus als Ehrerbietung zu verstehen. Dieser Song, der die Wanderung durch luftige Höhen über gelb-braune Lehmwege beschreibt, macht auch im übertragenen Sinne den Kopf frei und zählt definitiv zu den tanzbarsten Nummern des Albums.

„Nadía“ ist eine poetische Fusion aus Bossa-Nova-Rhythmen und jenem elektrifizierten Jazzrock, der in den 1970ern durch Weather Report bahnbrechende Werke hervorbrachte. Besonders das furiose Gitarrensolo von Tilmann Höhn weiß hier zu überzeugen. „Nadía“ porträtiert eine fröhliche, lebenslustige Frau, die mit ihrem Temperament ihre Mitmenschen begeistert, sobald sie irgendwo auftaucht. Wie eine Antipode zu solch einer Persönlichkeit wirkt „Na Dou (I Don’t Belong Here“), eine einfühlsame Ballade über das Gefühl, nirgendwo richtig verwurzelt zu sein. Mit seinen verzögerten Rhythmen und dem Rumba-Beat ist dies einer der typischen ruhigen Hotel Bossa Nova Songs, zeigt er doch die ihnen ganz eigene Interpretation von Saudade. In beiden Stücken spiegeln sich auch Facetten von Liza wider, sie sind also in gewisser Weise autobiographisch konnotiert. Ganz erhaben und zugleich tief traurig wirkt auch „Despedidas (How To Say Goodbye)“, das die bittere Erkenntnis thematisiert, mit einer schlichten Notiz eine Liebesbeziehung beenden zu können.

In „Caminhoes (Different Paths)“, einem Song über die Zwangsläufigkeit, sich an bestimmten Punkten im Leben für eine Wegrichtung entscheiden zu müssen, entfalten Hotel Bossa Nova ihre ganze Klasse und Könnerschaft: innerhalb eines Stücks vereinen sie diverse Stile, erzeugen unterschiedlichste Stimmungen und überraschen mit unerwarteten Tempowechseln. Was verhalten, ja fast filmmusikalisch düster beginnt, entfaltet im Refrain einen mitreißenden afrokubanischen Sog, der schließlich in einer Art feuriger World-Music-Fusion mündet, die von Herings Vibraphonspiel noch perfektioniert wird. Ähnlich vertrackt und voller beeindruckender rhythmischer Verzahnungen wartet das sphärisch-rhythmische „Ceu Aberto (Open Sky)“ auf, ein Lied über das befreiende Gefühl, die Natur einfach unter offenem Himmel genießen zu können. Die Kunst, das Komplexe leicht und mühelos klingen zu lassen, beherrschen Hotel Bossa Nova mit überzeugender Perfektion. Nachgerade symptomatisch zeigt sich dieser musikalische Ansatz in „Seja Agora (It Is Now)“, auf dem sich die Band mit so beeindruckender Dramatik wie schlüssiger Dramaturgie in eine wahre Fusion-Orgie hineinsteigert. Unterstützt wird sie dabei von Hering am Vibraphon, Steffen Weber von der Big Band des Hessischen Rundfunks auf der Bassklarinette und von dem portugiesischen Perkussionisten Ruca Rebordão. Letztgenannter Musiker spielt sonst bei der portugiesischen Band Luis Caracol und hat auch schon mit Melody Gardot musiziert.

Hotel Bossa Nova sind zweifellos einen langen gemeinsamen Weg gegangen, der sie rückblickend zu wunderbaren Stationen geführt hat. Mit „Ao Vivo“ (2006), „Supresa (2009), „Bossanomia“ (2011) und „Na Meia Luz“ (2013) haben sie ein Oeuvre geschaffen, das den Bossa Nova fürwahr zu neuen Ufern geführt hat. Was sie an Fado, Samba und afrokubanischen Einflüssen mit leichter Hand in ihren europäischen Bossa-Nova-Exkursionen verarbeitet haben, hört sich immer wieder beschwingt an, ohne jemals ins bloße Easy Listening abzugleiten. Bei aller Komplexität entschwinden ihre Songs dabei nie ins Verkopfte, sondern bleiben immer bodenständig und nachvollziehbar. Live sind Hotel Bossa Nova ohnehin längst eine Klasse für sich, was etliche überschwängliche Kritiken immer wieder unterstreichen. Mit „Desordem e progresso“ haben sie ihren künstlerischen Ambitionen neue kreative Räume ermöglicht. Der Zugewinn an Variabilität und Virtuosität, den das neue Album auszeichnet, hat jedoch zu keinerlei Einbußen in puncto spielerischer Leichtigkeit geführt. Der Enthusiasmus, mit dem Hotel Bossa Nova ihr Jazz-World-Music-Fusion-Feuerwerk zünden, ist im höchsten Maße ansteckend. Bossamaniacs at their best!

  1. Largo de camoes
  2. Manha (The morning)
  3. Estrada amarela (Yellow road)
  4. Nao dou (I don't belong here)
  5. Caminhos (Different paths)
  6. Abelao (Bumblebee)
  7. Despedidas (How to say goodbye)
  8. Nadía
  9. Momento
  10. Ceu aberto (Open sky)
  11. Adeus C.H.
  12. Seja agora (It is now)
  13. Flor (Flower)

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