"Mit Klassik spielt man nicht!" - Zur Improvisation im klassischen Konzert - ein Gespräch mit Maria I.J. Reich

Maria I.J. Reich
Maria I.J. Reich, Foto: Dovile Sermokas

Maria I.J. Reich ist eine vielseitige Geigerin, Bratschistin und Komponistin in den Bereichen Klassik, Jazz und improvisierte Musik. Sie arbeitet weltweit in internationalen und interdisziplinären Produktionen und erschafft reiche Klangwelten, die Menschen überall berühren. Maria I.J. Reich schreibt und spielt Musik für bekannte Film- und Fernsehproduktionen. Als Hochschuldozentin gibt Reich ihr Wissen weiter und pflegt den Dialog. Mit ihren Forschungspublikationen und Gedichtbänden spricht sie ein breites Publikum an.

jazz-fun.de:
Wir sprechen anlässlich der Veröffentlichung Deines neuen Buches "Mit Klassik spielt man nicht!", aber vielleicht kannst Du uns zunächst etwas über Dich erzählen. Was und wo hast Du studiert und was machst Du heute?

Maria I.J. Reich:
Ich war zunächst Jungstudentin an der UdK für klassische Violine noch während meiner Schulzeit. Nach dem Abitur und einem Frankreich-Aufenthalt ging ich dann 2010 zum Bachelor-Studium an den Bodensee. An der Zeppelin Universität studierte ich Communication & Cultural Management. Nach einem einjährigen Arbeits- und Forschungs-Aufenthalt in Peru schloss ich 2014 mein Studium am Bodensee mit Auszeichnung ab und entschied mich für ein weiteres Bachelor-Studium, das ich 2019 erfolgreich abschloss: Jazz mit Hauptfach Violine am Jazz-Institut der UdK und Hanns Eisler Berlin. Seit 2014 bin ich freischaffend als Musikerin und Komponistin tätig. Und manchmal auch als Autorin von Lyrik und Research. Ich habe außerdem kürzlich mit einem berufsbegleitenden Master an der Professional School der Leuphana Universität begonnen, ein internationaler Kulturmanagement-Master in Kooperation mit dem Goethe-Institut, sehr spannend!

jazz-fun.de:
Du bist Autorin, Musikerin, Produzentin, Dozentin und Aktivistin. Wie bringst Du all diese Aktivitäten im Alltag unter einen Hut?

Maria I.J. Reich:
Diese Tätigkeiten ergänzen sich und gehen Hand in Hand miteinander. Über Musik nachzudenken und zu schreiben inspiriert mich in meiner Spielpraxis, ebenso füttert meine Arbeit am Instrument und mit anderen MusikerInnen auch meine Beobachtungen über Musik. Genauso verhält es sich im Dialog mit Studierenden und in unterschiedlichen Rollen als improvisierende Musikerin, Komponistin oder Interpretin. Die verschiedenen Standpunkte empfinde ich als enorme Bereicherung für mein Schaffen und ich möchte keine dieser Perspektiven missen.

Aus praktischer Alltagsperspektive muss ich manchmal Prioritäten setzen: Bestimmte Projekte verdienen zuweilen besondere Beachtung. Danach kann wieder ein anderer Bereich an Gewicht gewinnen. So ist das ungefähr.

jazz-fun.de:
Welchen Stellenwert hat die Improvisation in Deinem künstlerischen Leben?

Maria I.J. Reich:
Einen großen! Ich entwickle gerne Pläne und Strategien, umso mehr reizt mich auf der anderen Seite der Anteil, der nicht kontrolliert werden kann oder soll. Improvisation kann ein Fenster sein für Einfälle und Schöpfungen, die unverhofft geschehen. Sie ist eine Einladung, in Kontakt zu treten mit dem, was uns unmittelbar umgibt. Diese Verbindung zu dem Gegenwärtigen und der lebendige Dialog ist für mein Spiel und mein Schaffen wesentlich. Es macht deutlich, dass nichts feststeht und alles miteinander in Verbindung ist. Das verhandle ich auch in meinem Solo-Album „Interdependenzen“, das im Frühjahr 2023 bei dem New Yorker Label Relative Pitch Records erscheinen wird. Es enthält ausschließlich Solo-Improvisationen. Auch unser Trio-Album „Poème“, das am 15. Dezember 2023 bei stssts records veröffentlichen wird, besteht ausschließlich aus freien Improvisationen von Mark Pringle (piano), Moritz Baumgärtner (drums&percussion) und mir. Ich finde, es ist ganz wunderbar, feinsinnig, eigenartig und spannend geworden.

Meine Kompositionen für improvisierendes Streichquartett, die im Verlag Neue Musik erschienen sind, aktualisieren die traditionelle Spielsituation des Streichquartetts und fügen ihr eine Dimension hinzu, die bei den meiste Streichquartetten heute verloren gegangen ist: die Improvisation.

jazz-fun.de:
Zurück zu Deinem Buch. Der seltsame Titel des Buches ist verwirrend. Worum geht es darin?

Maria I.J. Reich:
„Mit Klassik spielt man nicht!“, das ist ja eine Aussage, die einem vom spielerischen Umgang mit der Klassik abhalten soll,  also eine Mahnung: das macht man nicht. Sie suggeriert, dass Klassik eine ernste Angelegenheit ist, so ernst, dass Spiel darin keinen Platz hat. Die hochgradig formalisierte Klassik-Ausbildung kann einem tatsächlich manchmal diesen Eindruck vermitteln. Kategorien wie Werk-Treue und der omnipräsente Genie-Kult suggerieren, dass die Werke der Vergangenheit nur mit Samthandschuhen angefasst werden dürfen - und gehen damit völlig an dem Geist ihrer Entstehung vorbei. Zur Improvisation im Klassischen Konzert, lautet der Untertitel des Buches und genau darum geht es: Welche Rolle hat die Improvisation im Laufe der Jahrhunderte in Barock, Klassik und Romantik gespielt und welche Faktoren haben dazu beigetragen, dass sich diese Praxis verändert hat? Welche Kategorien, die zB erst zu Zeiten von Beethoven oder noch später zB um Liszt entstanden, prägen noch heute unseren Kulturbetrieb? Und ganz wichtig: Was verlieren wir dadurch und was könnte wieder gewonnen werden, wenn man diese Kategorien wieder stärker hinterfragt?

jazz-fun.de:
An welche Leser richtet es sich?

Maria I.J. Reich:
Das Buch richtet sich an alle, die sich für die Entwicklung der klassischen Musik und für gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen im geschichtlichen Wandel interessieren. An RezipientInnen gleichermaßen wie an Kulturschaffende und VeranstalterInnen, an junge und alte LeserInnen, an Menschen, die Musik vermitteln und auch an Personen, die bisher kaum Berührungspunkte mit der Thematik hatten. Die Mischung aus akademischer Perspektive und anekdotischen Beispielen ist eigentlich für jeden aufgeschlossenen Lesenden zugänglich.

jazz-fun.de:
Was hat Dich zu diesem Thema inspiriert?

Maria I.J. Reich:
Wir haben zu Hause immer improvisiert, meine Eltern sind JazzmusikerInnen und für uns Kinder war es normal, auch ohne Noten miteinander Musik zu machen. Als Teenagerin merkte ich, dass das für viele nicht so ist, gerade für junge Menschen, die in der sogenannten klassischen Musik ausgebildet werden. Da begann mein Interesse daran, denn aus meiner Sicht war es absurd, ein Instrument einerseits sehr gut zu beherrschen und gleichzeitig auf einen Notentext angewiesen zu sein, um Musik zu machen. Es dauerte aber bis zum Ende meines ersten Studiums bis ich durch meine Forschungsarbeit entdeckte, dass auch in der westeuropäischen klassischen Musik Improvisation lange Zeit wesentlicher Bestandteil war. Für mich war das mind-blowing! Ein richtiger Befreiungsschlag! Und ist es noch heute, auch nach intensiver Beschäftigung damit.

jazz-fun.de:
Wie hat sich Deiner Meinung nach die Improvisation in der Musik im Laufe der Jahrhunderte entwickelt und welche Bedeutung hat dies für die heutige improvisierte Musik?

Maria I.J. Reich:
Grob lässt sich zusammenfassen, dass die Improvisation im klassischen Konzert vor allem in den letzten 200 Jahren an Bedeutung verloren hat. Das geschah parallel zu der Entwicklung eines veränderten Werkbegriffes, zur Entstehung des Urheberrechts, dem Erstarken des Bürgertums und einer veränderten Ausbildungs- und Aufführungspraxis. Interessant ist, dass diese Musik aber in Kontexten entstand, in denen Improvisation allgegenwärtig war und auch aus der Spielpraxis von Bach, Mozart, Beethoven,  Schumann, Liszt, uvw nicht wegzudenken war. Beethoven gab erst wegen seiner wachsenden Taubheit seine Klavierkonzerte bei seinem Verlag final heraus, Mozart improvisierte ganze Programme aus dem Stegreif und Liszt soll es schwer gefallen sein, bei seinen Darbietungen nicht zu improvisieren. Es gibt viele spannende Beobachtungen zu diesem Thema und genau darum geht es in meinem Buch.

jazz-fun.de:
Was fasziniert Dich an zeitgenössischer Musik am meisten?

Maria I.J. Reich:
Mich fasziniert das Rohe, Offene, Unkonventionelle, Eigenwillige. Auch das Vielschichtige, Farbenreiche, Differenzierte, Responsive. Mich fasziniert, wenn Menschen Spielräume für ihre Stimmen und ihren Ausdruck erschaffen und uns als ZuhörerInnen daran teilhaben lassen.

jazz-fun.de:
Wo kann man das Buch kaufen?

Maria I.J. Reich:

Das Buch kann über Amazon oder direkt bei mir bestellt werden:

Amazon

Maria I.J. Reich Internetseite

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Interview!

Text: jazz-fun.de, Maria I.J. Reich
Foto: Dovile Sermokas

Maria I.J. Reich Internetseite:
https://www.marytherichest.com/

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