Im Gespräch mit jazz-fun.de - Mike Stern

Foto von Mike Stern
Mike Stern, Foto: Sandrine Lee

Eine Quarterback-Verletzung, so wird Mike Sterns Sturzverletzung beschrieben. Ein Footballspieler, der mit dem gesicherten Ball mit beiden Armen vor dem Körper nach vorne stürzt und sich beide Oberarmknochen fast auf Schulterhöhe bricht. Ein Alptraum für jeden, für jeden Musiker, der auf seine Hände und Arme angewiesen ist, vermutlich das Karriereaus. Doch Mike Stern ist ein Kämpfer, der Gitarrist mit den sechs Grammy-Nomimierungen arbeitete hart, seine Hände wie vor dem Sturz benutzen zu können. Mittlerweile drei Alben hat er seit seinem Unfall 2016 eingespielt, und nimmt man seine rechte Hand bei Konzerten nicht zu sehr unter die Lupe, ist kaum ein Unterschied zu „vorher“ auszumachen. „Echoes And Other Songs“ (MackAvenue) ist ein weiteres brillantes Album des mittlerweile 71jährigen Gitarristen. Der ist – kaum vorstellbar – bei Aufnahmen immer noch sehr nervös, vor allem, wenn neue Musiker dabei sind. Mit Richard Bona, Dennis Chambers und Bob Franceschini spielt Stern seit Jahren, doch Antonio Sánchez (Drums), Christian McBride (Bass) und Chris Potter waren neu dabei und haben die elf Kompositionen auf ein anderes Level gehoben. Und seit Covid-Zeiten immer dabei: Mikes deutsche Frau Leni, ebenfalls Gitarristin und Ngoni-Spielerin. Früher haben sie Musik und Tourneen strikt getrennt, jetzt geht Mike nicht mehr ohne Leni auf Tour.
Ein Interview von Angela Ballhorn

jazz-fun.de:
Mike, wie geht es Deinen Schultern und Händen?
(seit seinem Sturz hat Mike Stern immer noch mit Einschränkungen zu kämpfen. Seine rechte Hand hat noch nicht genug Kraft, das Plektrum zu halten)

Mike Stern:
Es ist eine Herausforderung, aber es wird besser. Ich nehme weiter Perückenkleber, um mein Plektrum in den Fingern halten zu können. Es ist nicht toll für einen Gitarristen. Das grösste Problem war, dass mich das Krankenhaus zum falschen Arzt geschickt hat. Ich kenne mich mit Knochenbrüchen nicht aus, ich bin Gitarrist, das war alles, was sie wissen mussten, um mich zu einem Spezialisten zu schicken. In der Notaufnahme waren meine Hände in Ordnung, der Nervenschaden tauchte erst ein paar Tage später auf. Der Arzt vertröstete mich auf nach der Operation. Als ich den ganzen Papierkram wegen der Narkose ausfüllen musste und Schwierigkeiten mit der Unterschrift hatte, sagte der Arzt nur „Oh, ich dachte, sie übertreiben.“ Der Gitarrist Wayne Krantz empfahl mir einen Spezialisten, der hat dann alles richtig gemacht. Ich hatte nicht vor, kampflos aufzugeben, anfangs war alles sehr nervig und jede OP war nicht leicht. Aber ich gewöhne mich daran, ich kann spielen.

jazz-fun.de:
Ich habe dich in der Zwischenzeit einige Male live erlebt. Wenn man nur zuhört, ist kaum ein Unterschied zu vor dem Unfall zu hören.

Mike Stern:
Das ist toll zu hören, weil es sich manchmal sehr anders anfühlt! Es gibt immer noch Sachen, die ich gerne wieder machen können möchte, die aber noch nicht gehen. Das meiste klappt, ich habe schon vorher viel mit Plektrum gespielt. Mit den Fingern ist es schwer, aber da finde ich auch noch heraus, wie ich das am besten hinbekomme. Danke, dass du mich bestärkst, dass es gut klingt und es wenig Unterschiede zur Zeit vor dem Unfall gibt. Das schätze ich sehr.

jazz-fun.de:
Und Glückwunsch zu einem weiteren tollen Album! Ist es nun Nummer 18 oder 19?

Mike Stern:
Ich glaube, sogar Nummer 20, wenn ich das Album mit Jeff Lorber dazu rechne, bei ich Co-Leader war. Ich bin sehr glücklich, dass ich alle Leute, die ich für die Aufnahme haben wollte, zusammen bekommen habe. Ich war so nervös, mit diesen Typen zu spielen. Mit Christian McBride habe ich erst einmal für eines seiner Projekt gespielt, wir hatten zu Pandemiezeiten ein paar Standards gespielt. Mit Antonio Sánchez habe ich nie vorher gespielt. Er ist unglaublich. Jim Beard hatte vorgeschlagen, etwas mit Antonio Sánchez, Christian McBride und Chris Potter zu machen. Mit Jim habe ich immer zusammen gearbeitet, er hat meine Alben produziert, war ein grandioser Musiker und ein fantastischer Produzent, er sagte immer „Let me figure that out“. Er war einfach immer da, das hat mir geholfen. Er konnte im Handumdrehen mixen, er war ein Genie auf vielen Ebenen mit seiner Musik und seinen Kompositionen. Und er war ein guter Freund, mein Herz ist gebrochen über seinen plötzlichen Tod.

jazz-fun.de:
Es war auch für mich ein totaler Schock.

Mike Stern:
Er rief mich einen Monat vorher an, ich dachte, er ruft von seiner Tour an, das machte er  manchmal. Aber er rief aus dem Krankenhaus an und sagte, dass er Krebs habe. Letztlich war es nicht der Krebs, der ihn umgebracht hat, sondern eine Sepsis. Den Krebs hätten sie vielleicht unter Kontrolle bekommen. Als ich mit ihm telefoniert habe, waren wir besorgt, aber nicht im Traum hätten wir daran gedacht, dass ihn das umbringen könnte. Die Ärzte sagten, er könne in ein paar Tagen nach Hause gehen und eine Chemotherapie in Angriff nehmen. Der Tumor würde dadurch kleiner und operabel.

Es war eine Ehre für mich, so lange mit ihm arbeiten zu dürfen. Er spielt unglaublich auf dem Album, vor allem auf „Crumbles“, das eine eher harmonisch wilde Nummer ist.  Vielleicht das verrückteste, das ich je geschrieben habe, da kann man richtig frei gehen, und Jim hat den Nagel auf den Kopf getroffen! Die Situation im Studio war ziemlich speziell, weil wir keine Zeit für Proben hatten. Jeder ist beschäftigt. Vor allem Christian, der ist eigentlich dauernd auf Tour! Mit Antonio und Chris Potter hatte ich mich eine Woche vorher getroffen. Christian konnte nur einen Tag vorher kommen, er hat die Stücke gespielt, als wären es seine eigenen, er ist ein unglaublicher Musiker. Christian hat so grossartig E-Bass gespielt. Ich wollte, dass er ein paar Stücke auf dem Kontrabass spielt und ein paar auf dem E-Bass, weil ich das liebe. Dann hatte ich Dennis (Chambers, Drums), Bob Franceschini (Saxophon) und Richard Bona (E-Bass) auf drei Stücken. Meine Live-Musiker wollte ich natürlich auch auf meinem Album haben, sie waren genau richtig für die Stücke, die ich ausgesucht hatte. Sie hätten auch das ganzen Album spielen können, aber ich bin froh, dass ich mit neuen Leuten aufnehmen konnte. Das Projekt war eine Menge Spass, auch wenn ich ein nervöses Wrack war. Ich bin immer nervös zu Beginn, aber in dem Fall war es extrem. Da war ich extra nervös, eben weil ich mit diesen Jungs gespielt habe, die extragute Musiker sind. Aber alle haben mich sehr unterstützt und natürlich wusste jeder von meinem Unfall. Wir haben viel auf den letzten Drücker gemacht, zum Beispiel habe ich Christian gebeten, zu einem Stück ein Intro zu spielen, ganz spontan. Es kommt selten vor, dass ein Musiker nachträglich Tracks einspielt, grundsätzlich nehme ich mit allen Musikern zusammen im Studio auf.

jazz-fun.de:
Also eine Art Live-Recording?

Mike Stern:
Ja, ich brauche das. Dann passiert etwas zwischen den Musikern, vor allem wenn jemand ein Solo spielt, da ist das Zusammenspiel zwischen dem Bassisten und dem Drummer wichtig. Oder Jim Beard, wie er begleitet. Eigentlich ist alles so, wie wir es in den paar Tagen aufgenommen haben. Dann haben wir noch ein paar Sachen gefixt, haben ein paar Overdubs gemacht, ein bisschen Rhythmusgitarrensachen addiert. Leni hat auch ein paar Dubs mit Ngoni (afrikanisches Saiteninstrument) gemacht. Ich wollte eigentlich, dass sie auch Gitarre auf dem Album spielt, aber das heben wir uns für ein späteres Album auf. Eines mit ihren Songs und ein paar von meinen Stücken, das haben wir schon lange vor. Auf der Tour spielen wir das ja auch. Jetzt spielen wir ja die ganze Zeit zusammen.

Foto von Mike Stern
Mike Stern, Foto: Sandrine Lee

jazz-fun.de:
Ich mag eure Entscheidung. Früher waren eure Bands ja strikt getrennt. Leni erzählte mir, dass ihr in der Corona Zeit entdeckt und entschieden habt, dass ihr so gerne zusammen seid und spielt, dass ihr ab jetzt zusammen auf Tour seid.

Mike Stern:
Es ist so toll, dass wir jetzt zusammen spielen, ich glaube, die Musik ist dadurch viel besser geworden. Ich mochte immer lyrische Sachen, aber auch Burning Rock Geschichten - mit einer Menge Energie, aber auch lyrische Energie mit Balladen. Wenn ich Solo spiele, kann es sein, dass der Drummer zuerst mit Besen spielt. Dennis zum Beispiel kann toll mit Besen spielen, bevor alles explodiert. Dennis war viel mit Leni  auf Tour, er kennt eine Menge ihrer Songs. Jetzt spielen wir mehr Sachen, die sie kürzlich geschrieben hat, die afrikanischen Sachen, und das bereichert meine Musik so sehr. Auf dem Album spielt sie Ngoni, das macht sie auch live. Das wirkt wunderbar mit den Klangfarben. Sie war zum Zeitpunkt der Aufnahmen gar nicht in der Stadt, sie war in Deutschland, aber sie hat ein paar Overdubs aufgenommen. Es ist erstaunlich, wie sehr sich der Charakter eines Stückes durch eine andere Klangfarbe ändern kann. Wenn du  eine Ngoni dazu nimmst, es bekommt sofort World Music Vibes. Ich bin so froh, dass wir das so gemacht haben, Leni ist eine so wundervolle Musikerin, ich werde auf keinen Fall jemals wieder Gigs ohne sie spielen, das ist sicher.

jazz-fun.de:
Ich habe drei Songs rausgesucht, über die ich sprechen wollte, die nicht typische Mike Stern Kompositionen sind: „Gospel Song“ wäre der erste, das quirlige „Crumbles“ mit der verrückten Melodielinie und dem tollen Klaviersolo von Jim hast du schon angesprochen, und das Stück „Could Be“ mit den Monk-Vibes.

Mike Stern:
Du hast recht, die sind alle drei total unterschiedlich, du hast genau die drei rausgesucht, die anders sind als meine „normalen“ Kompositionen. Ich habe früher schon neue Themen über eine Bebop-Tune geschrieben. Wie heisst das noch gleich? Contrafacts? Der Song „Could Be“ hat die Changes von „It could happen to you“. Ich wollte unbedingt genau so etwas auf dem Album haben, weil Christian, Antonio und Chris Potter auf dem Album spielen und den  Song killen würden. Ausserdem wollte ich unbedingt ein Stück haben, bei dem Christian McBride Kontrabass spielt. Er spielt grossartig bei dem Song wie bei  „Gospelsong“ auch. Diesen Song habe ich eigentlich für ein anderes Projekt geschrieben, da hatte er ein anderes Feel. Jetzt habe ich es quasi abgeschlossen, es ist mehr eine Ballade geworden. Mir bedeutet eine Ballade viel, sie schreiben sich ein bisschen selber, finde ich. Das war hier genauso. Ich habe den Working Title behalten, das Stück hiess lange so – und es war eine Menge Arbeit, warum dann auch noch einen anderen Titel finden? Aber es hat dieses Gospel-Feeling. Ich würde es gerne später einmal nochmal aufnehmen, mit Richard Bona, der auch singen könnte, das bekäme einen ganz anderen Vibe.

Ich hatte eine Menge Stücke geschrieben, wollte wieder ein Album machen und Jim hatte die Musiker vorgeschlagen. Ich war schlagartig sehr nervös aber auch aufgeregt, vielleicht mehr aufgeregt als nervös, sonst hätte ich mir  wahrscheinlich in die Hosen gemacht (lacht). Ich bin glücklich, wie sich alles gefügt hat, ich mag die Platte mit all ihrer Variatät.

Ich freue mich, dass du das Album magst, es kommt ja jetzt erst raus, und noch nicht allzu viele Leute haben das Album gehört, ein paar Musiker natürlich, die hatten alle positives Feedback.

jazz-fun.de:
Die drei Stücke, die ich ausgesucht hatte, haben alle eine besondere Einleitung, die einen neugierig macht, was kommen mag.

Mike Stern:
Wir haben verschiedene Intros aufgenommen, die wir dann der Musik vorangestellt haben, das passierte aber erst am Ende der Produktion. Es gibt einem einen kleinen Vorgeschmack auf das, was passieren wird. Die Intros machen es interessanter. Jim sagte, dass wir das probieren könnten, er mochte die Idee, und dann ging es ziemlich schnell, Leni spielt auf zwei Song-Intros Ngoni. Auf einer Aufnahme habe ich das noch nie gemacht, live spiele ich sowas schon, ich oder die Band spielen ein paar Sachen, bevor das richtige Stück losgeht.

jazz-fun.de:
Es ist ein bisschen geheimnisvoll, weil du sonst Kompositionen hast, die gleich zu Beginn ein markantes Thema haben. Bei den Intros weisst du nicht genau, wo es hingeht.

Mike Stern:
That’s good to hear! Danke dafür, das war genau das, wofür ich gehofft hatte.
Zu „Crumbles“ noch: Ich wollte immer so ein Stück schreiben, wollte den Song schon auf „Trip“ haben und es John Abercrombie widmen. Aber dann ist er gestorben, als der Song fast fertig war. Jetzt sollte er auf der Aufnahme sein, Leute, die John kannten, wussten, dass Crumbles sein Spitzname war! Er hätte diese Melodie geliebt, er war offen für alle Arten von Musik, aber dieses Stück hätte er bestimmt gemocht. Das freiere spielen fand er gut, er konnte schnell auf alles reagieren, er war wie eine leere Leinwand, er konnte aus Nichts etwas machen. Deshalb hat das Stück einen so offenen Charakter, und Jim Beard hat es in dem freien Teil genagelt.

jazz-fun.de:
Und du bist deinem Sound immer noch treu geblieben.

Mike Stern:
Ja, und den mag ich, ich verwende ihn schon so lange, ich finde, dass er fast wie eine Stimme klingt. Wenn ich komponiere, mache ich das auf der Gitarre, oft singe ich die Melodie dazu, quasi wie ein Singer Songwriter. Auch wenn meine Melodien oft nicht so leicht zu singen sind. Manche schon, deshalb hat Richard Bona damals initiiert, das Album „Voices“ zu machen. Er fand, dass alle Stücke gut zu singen wären und er wollte das machen. Danach suche ich auf der Gitarre, egal, was für Effekte ich verwende, es muss einen vokalen Approach haben. Wie ein Blasinstrument, mit der Luft, das muss meine Gitarre haben, obwohl es ja auch ein sehr perkussives Instrument ist. Ich möchte, dass mein Instrument wie eine Flöte oder wie ein Saxophon klingt.

Jim Hall ist da ein tolles Beispiel, er wollte immer den stimmenähnlichen Sound haben. Ein singender Sound, da konntest du sein Plektrum nur hören, wenn er das wollte, aber er hatte einen sehr lyrischen Sound. Das machte natürlich auch die Gitarre, die er verwendete. Ich liebe Rock, deshalb brauche ich eine Solid Body Gitarre. Mit der Telecaster bekommt man den Straight Ahead akustischen Sound ohne Effekte fast nicht hin. Wenn du deine Stimme gefunden hast, kannst du dein Herz rausspielen. Das geht auch über Equipment und Effekte. Wenn du aufnimmst, bringst du mit, was du kennst, vor allem, wenn du Leute dabei hast, mit denen du noch nie gespielt hast. Dann möchtest du vertrautes Equipment um dich haben. Nicht zu viele Experimente, nicht noch mehr Aufregung. Dann möchtest du dich gut fühlen und genau die richtige Menge Energie haben, um gute Musik zu spielen.

jazz-fun.de:
Wie sieht es mit Konzerten in Deutschland aus?

Mike Stern:
Wir werden hoffentlich bald wieder da sein, wir sind im Herbst auf Tour. Und im Frühling 2025 werde ich mit Darryl Jones (Bass) auf Tour sein. Und mit Leni, Keith Carlock (Drums) und Bob Fracheschini.

jazz-fun.de:
Danke für das nette ausführliche Gespräch.

MIKE STERN
Echoes And Other Songs
(Mack Avenue)

Text: Angela Ballhorn
Fotos: Sandrine Lee

https://www.mikestern.org/

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