Rezension des Albums "Live at Morphine Raum" von immerweiter

immerweiter - Live at Morphine Raum - Album cover
immerweiter - Live at Morphine Raum

immerweiter
Live at Morphine Raum

Erscheinungstermin: 20.03.2026
Label: Unit Records, 2025

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Julius Windisch und die Suche nach einem neuen Klang

jazz-fun`s recap:

Mit Live at Morphine Raum öffnet das Projekt immerweiter um den Pianist und Komponisten Julius Windisch einen Raum, der sich bewusst jeder einfachen Kategorisierung entzieht. Was hier entsteht, ist weniger ein klassisches Live-Album als vielmehr ein dokumentierter Moment musikalischer Suche.

Schon zu Beginn wird deutlich, dass sich diese Musik Zeit nimmt. Eine sich wiederholende, langsam wandelnde Trompetenlinie bildet den Ausgangspunkt – reduziert, fast fragil. Nach und nach treten weitere Instrumente hinzu, verschieben das rhythmische Gefüge, überlagern sich, reiben sich aneinander. Es entsteht eine Klangfläche, die zugleich roh und fein gezeichnet wirkt.

Die Stücke entwickeln sich nicht entlang traditioneller Dramaturgien. Stattdessen entstehen sie aus Prozessen: aus Wiederholung, Verschiebung, Verdichtung. Polyrhythmische Strukturen laufen parallel, kreuzen sich, lösen sich auf und finden sich neu. In dieser Offenheit erinnert die Herangehensweise stellenweise an die rhythmischen Experimente von Aphex Twin, ohne jedoch deren elektronische Welt direkt zu zitieren.

Auch ästhetisch öffnet sich die Musik über den Jazz hinaus. Die Referenzen reichen von der frühen Techno-Kultur der 1990er-Jahre bis hin zu den visuellen Arbeiten von Wolfgang Tillmans – fragile Momentaufnahmen, die zwischen Dokumentation und künstlerischer Verdichtung oszillieren. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich auch dieses Album.

Dabei ist Live at Morphine Raum keine leicht zugängliche Musik. Sie fordert Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf ungewohnte Strukturen einzulassen. Doch genau darin liegt ihre Stärke. Jeder Moment wirkt offen, ungesichert, suchend – und dadurch umso lebendiger.

Julius Windisch zeigt sich hier als Komponist mit klarer künstlerischer Haltung. Er verlässt bewusst die vertrauten Wege des Jazz und entwickelt eine eigene Sprache, die sich aus Brüchen, Überlagerungen und neuen Verbindungen speist.

So entsteht ein Album, das nicht gefallen will, sondern entdeckt werden muss. Ein Werk, das Fragen stellt, statt Antworten zu geben – und gerade dadurch nachhaltig wirkt.

Ein herausforderndes, eigenständiges und bemerkenswertes Kapitel im zeitgenössischen Jazz – und ein weiterer konsequenter Schritt auf einem künstlerischen Weg, der sich nicht an Konventionen orientiert.

(Jacek Brun, 21.04.2026)

Besetzung

Julius Windisch - piano, synth, electronics, compositions
Pascal Klewer - trumpet
Sofia Eftychidou - double bass
Marius Wankel - drums

Titelliste

  1. Instagram
  2. Aphex Twin
  3. Lichtblick
  4. Calm & Kind
  5. Verteilen
  6. Striving
  7. Schweben

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