Ina Forsman - All There Is

Ina Forsman - All There Is

Ina Forsman
All There Is

Erscheinungstermin: 24.06.2022
Label: Jazzhaus, 2022

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Eine Stimme ist immer eine Stimme. Kein anderes Instrument der Musikwelt ist seinem Inhaber oder seiner Inhaberin so zweifelsfrei zuzuordnen wie der menschliche Gesang, denn die Stimme ist die akustische Vereinigung von Seele und Gesicht. Wenn eine außergewöhnliche Stimme dann auch noch mit der Gabe verbunden ist, in verschiedene Gestalten schlüpfen zu können und obendrein außergewöhnliche Geschichten in petto hat, dann kommt am Ende ein so facettenreiches, tiefgründiges und verwundbares Album raus wie Ina Forsmans „All There Is“.

Das Genre, in dem „All There Is“ angesiedelt ist, muss erst noch erfunden werden. Aber wer braucht schon Genres oder Kategorien, wenn er sie mit Persönlichkeiten kompensieren kann? Ina Forsman selbst beschreibt ihre Musik als Cinematic Soul, womit sie keine neue Schublade aufziehen will, sondern deskriptiv den Nagel auf den Kopf trifft. Denn ihre Lieder sind einerseits vom Soul der sechziger und siebziger Jahre beeinflusst und geben unverhohlen Einblicke in Seelenzustände. Andererseits jedoch greifen sie Raum, haben Dramaturgie, Handlungsfaden, eine explosive Farbpalette und Charakter. All das verlangt nach der großen Leinwand, ähnlich einer Shirley Bessy. Doch kein Vergleich mit bisher Bestehendem oder Vertrauten will so richtig greifen, weil Ina Forsman ihre ureigenen Geschichten zum Besten bringt, und die spielen im Hier und Jetzt.

„All There Is“ ist das dritte Album der in Berlin lebenden Finnin. Auf ihren bisherigen Alben „Ina Forsman“ (2016) und „Been Meaning To Tell You“(2019) etablierte sie sich zunächst als stimmgewaltige Summe ihrer Vorbilder. Auf „All There Is“ zündet sie eine neue Stufe ihrer expressiv introspektiven Selbstverwirklichung, indem sie komplett bei sich selbst ankommt. Die mit dem Lockdown verbundene Isolation mag dieser Entwicklung Vorschub geleistet haben, doch in der jungen Sängerin schlummerten Kräfte, die ohnehin entfesselt werden wollten. „Wer bin ich, was mache ich hier“, scheint sie uns in jedem Song zu fragen. Die Betonung liegt auf ICH. Sie verlässt sich nicht mehr auf Formeln, die für die letzten 50 Jahre getaugt haben, sondern vertraut für die nocturnen Atmosphären ihrer Großstadtlieder – mal im schrillen Neonlicht, mal im Zwielicht des Nachtschattens – auf ihr ureigenes Vokabular.

„Ich suche nach Melodien, die so soulful und organisch wie möglich sind“, bekennt Ina Forsman. „Diesmal habe ich alle Songs allein geschrieben. Ich hatte diese Entscheidung sowieso für mich getroffen, aber durch die Pandemie hatte ich plötzlich gar keine andere Option mehr. Auf meinen früheren Alben schrieb ich den Text und meine Gesangsmelodie, überließ es aber den anderen Musikern, ihre Parts um meine Idee herum zu schreiben. Diesmal musste ich all dies allein tun. Ich produzierte meine eigenen Demos, lernte Piano spielen, entwickelte darauf die Bläser- und Streicher-Arrangements. Für mich war es eine große Herausforderung, das gesamte Material auf diesem Album selbst zu schreiben. Auf diesem Weg fand ich aber endlich heraus, welche Musik tatsächlich zu mir passt.“

Auf der Reise zum Mittelpunkt ihrer selbst hat Ina Forsman viele Versionen ihrer eigenen Persönlichkeit entdeckt. Ein Album ist normalerweise der Spiegel des jeweiligen Interpreten oder der Interpretin. Ina Forsman geht viel weiter, denn „All There Is“ ist eine Art Kaleidoskop mit unzähligen variablen Farben, Formen, Timbres und Referenzen. Die Geschichten für ihre Lieder lauscht sie dem eigenen Leben ab. Sie nennt „All There Is“ ein Liebesalbum, das aber auch die unterschiedlichen Umstände im Leben einer unabhängigen Künstlerpersönlichkeit abbildet. „Gerade hinter den größten Liebesgeschichten verbirgt sich meist ein Kampf“, betont sie. „In manchen Songs erzähle ich, wie Menschen zusammen kämpfen und dann gemeinsam ihren Weg zum Glück finden. Die beiden Hauptaspekte dieser Platte sind eine lebensverändernde Liebe und lebensverändernde Kämpfe.“

Aber wie jede große Storytellerin findet Ina Forsman für ihre Charaktere immer einen Ausweg in ihren Songs. Die Lebenskraft jedes einzelnen Liedes wirkt wie eine vitalisierende Injektion. Ina Forsman zuzuhören, heißt, auf höchst unterhaltsame Weise etwas über das Leben zu lernen. Zugleich findet sie in jedem Song neue Verabredungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Aus ihrem Bekenntnis zu Old School Soul und Jazz macht sie keinen Hehl. Instrumentation, Mix und Klangumgebung des Albums mögen tatsächlich sehr an die Sixties erinnern, und genau so ist es gewollt. Doch Dank Ina Forsmans unfassbarer Präsenz in jeder einzelnen Silbe, die sie singt, die sich aber eben auch gerade in ihren Arrangements ausdrückt, führt diese Reise eben nicht geradewegs in die Vergangenheit, sondern lotet die Sixties und Seventies immer durch das Fenster der Gegenwart aus. „Ich schreibe meine Songs so intuitiv wie möglich. Wenn ich mich hinsetze, um ein Lied zu schreiben, denke ich nicht darüber nach, was Aretha Franklins oder Dusty Springfields Produzent tun würde, sondern schreibe auf, was mir als finnisches Mädchen in Berlin in den Sinn kommt.“

Das Leben ist komplex, und was wir als Augenblick empfinden, ist nichts anderes als eine Gondel auf der Seilbahn zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ina Forsmans Lieder führen uns zu unserer Erinnerung zurück und tragen uns kraft ihrer Stimme und Imagination unseren Hoffnungen und Erwartungen entgegen. Ein Album über und für das Leben in seiner unendlichen schöpferischen Vielfalt.

Text: Jazzhaus Records

jazz-fun.de meint:
Die Musik ist beispielhaft aufgenommen, gut umgesetzt, mit durchdachter Dynamik und allgemeiner Dramatik, zugeschnitten auf ein breiteres Publikum. Das Album ist gut anzuhören, leicht zugänglich und unterhaltsam. Das nimmt der Musik aber nichts von ihrer Wirkung. Ein toller Vorschlag für Sommertage.

  1. Love Me
  2. Don't Lose Today
  3. All There is
  4. We Could Be Gold Diggers
  5. Poor Heart
  6. One Night In Berlin
  7. Promises
  8. Dive
  9. April Song
  10. Raw Honey

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