Donos Kulturalny: der Musik auf der Spur
Krzysztof Komorek über das Geschehen in der polnischen Jazzszene.
Krzysztof Komorek - Gründer und Herausgeber der Donos kulturalny. Moderator der Radiosendung „Co w jazzie piszczy“ [„Was im Jazz steckt“] des Radiosenders Jazzkultura. Autor der Zeitschriften Jazz Forum und JazzPRESS, der Websites jazzin.pl, jazzarium.pl, jazzpress.pl, jazzvalley.com, polishjazz.blogspot.com und upolujebooka.pl. Host der Kino-Jazz-Veranstaltungen.
Krzysztof Komorek, Foto: Klaudia Krupa
Coincidentia Oppositorium – Anna Gadt & Warsaw Cello Quartet
Coincidentia Oppositorium
Anna Gadt / Warsaw Cello Quartet / Milan Rabij
Fundacja Słuchaj, 2025
Mit den musikalischen Reisen von Anna Gadt bin ich schon lange „auf einer Linie“. Mich hat immer interessiert, wohin mich das nächste Album führen wird, welche Figuren, Ideen und Inspirationen sich hinter der jeweiligen Musik verbergen.
In der Vergangenheit tauchten dabei unter anderem polnische Renaissance-Komponisten wie Wacław z Szamotuł, Gerwazy Gorczycki oder Mikołaj Gomółka auf, ebenso der exzentrische Carlo Gesualdo da Venosa oder literarische Gestalten wie Bolesław Leśmian und Witold Gombrowicz. Prägend waren auch die Musikerinnen und Musiker, mit denen Anna Gadt zusammenarbeitete: Łukasz Ojdana, Maciej Garbowski, Krzysztof Gradziuk, Zbigniew Chojnacki oder Marcin Olak. Eine echte Entdeckung war das vokale Projekt VoiceAct, das vier starke Persönlichkeiten der polnischen Vokalszene aus unterschiedlichen stilistischen Umfeldern zusammenführte. Ebenso überzeugend waren ihre Gastauftritte auf Alben anderer Künstler – etwa beim Quartett von Aleksandra Kutrzepa oder zuletzt bei Unleashed Cooperation. Auch die improvisierten Alben Spontaneus Chamber Music und Just Friends hinterließen einen nachhaltigen Eindruck.
Die „Coincidentia Oppositorium“, also die Koinzidenz der Gegensätze, beschreibt den Inhalt dieses Albums erstaunlich präzise. Tatsächlich treffen hier zwei unterschiedliche künstlerische Pole aufeinander: eine improvisierende Vokalistin und ein klassisch spielendes Streichquartett, das von komponiertem Material ausgeht. Beide starten klar aus ihren je eigenen stilistischen Welten. Ziel dieses Aufeinandertreffens ist jedoch kein Konflikt, sondern die Suche nach gemeinsamen Berührungspunkten – nach Räumen, in denen Koexistenz möglich wird. Dieses Streben nach kreativem Miteinander äußert sich im Entdecken neuer Techniken, Harmonien und in der Balance zwischen unterschiedlichen musikalischen Sprachen. Musikalisch gelingt das auf beeindruckende Weise.
Der Titel lässt sich allerdings noch weiter fassen. Man kann ihn ebenso als bewusste Rückbindung an frühere Alben von Anna Gadt verstehen, die hier in einem neuen Kontext erscheinen. Auf Mysterium Lunae spielte das Cello – damals verkörpert durch Annemie Osborne – eine zentrale Rolle. Coincidentia Oppositorium stellt nun die Stimme von Anna Gadt gleich vier Violoncelli gegenüber. Literarische Bezüge ziehen sich erneut durch die Stücke. Im eröffnenden Collapse #1 gehen Zitate von Jaume Cabré, Bolesław Leśmian, Emily Dickinson und Walt Whitman fließend ineinander über. Sie schlagen eine Brücke zu früheren Veröffentlichungen und öffnen zugleich den Raum für neue Entdeckungen.
Eine besondere Besonderheit ist die Aufnahmetechnik: Während der Sessions waren Mikrofone auch außerhalb des Studios platziert und zeichneten das Geschehen in der Umgebung mit auf. Aufmerksame Hörerinnen und Hörer entdecken im Hintergrund Geräusche vorbeigehender Menschen oder das Prasseln von Regen. Für mich ist das eine faszinierende Verbindung der beiden zuvor genannten Ebenen – der klanglichen und der literarischen. Dieses akustische Umfeld erinnert an literarische Erzählweisen, in denen neben der Hauptgeschichte auch Alltägliches und Zufälliges Platz findet: Dinge, die scheinbar nebenbei passieren und doch das Gesamtbild vertiefen.
All diese Elemente fügen sich hier zu einer dichten, nuancenreichen und emotionalen Erzählung zusammen – einer Musik, von der man sich kaum lösen kann und zu der man ohne Zögern immer wieder zurückkehrt.
Anna Gadt – voice
Warsaw Cello Quartet: Jakub Pożyczka, Dominik Frankiewicz, Filip Sporniak, Wojciech Bafeltowski
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