Love in Circulation – Kunst, Jazz und Liebe in Paris
Verlieben wir uns in Paris leichter? Kann Kunst uns lehren, wie man liebt? Ist ein Liebeslied jemals nur ein Lied? Und fühlt sich Liebe in einem Jazzclub anders an?
Für einen Großteil der Welt ist Paris ein Synonym für Liebe und Romantik. Es gibt eine bestimmte Zeit im Jahr – meist im Frühling –, in der ein Spaziergang an der Seine zu einer filmreifen Parade wird: Paare aus aller Welt posieren vor dem Eiffelturm, irgendwo kniet immer jemand nieder, irgendwo hält jemand etwas Herzförmiges in der Hand. Legt man dazu den Soundtrack alter französischer Liebeslieder, entsteht die Postkarten-Version der „Hauptstadt der Liebe“.
Wenn dann der 14. Februar kommt, wirkt er in Paris fast wie jeder andere Tag. Fast. (Sagen wir: mit einer doppelten Portion herzförmiger Pâtisserie.) Und doch bleibt es ein ganz normaler Tag in einer Stadt, die sich dauerhaft in einer Beziehung mit der Romantik befindet.
In diesem Jahr beschloss ich, meinen 14. Februar ganz im Zeichen von L I E B E zu verbringen – und in Gesellschaft von Frauen. Zum Lunch: die Ausstellung All About Love von Mickalene Thomas. Zum Abend: ein wunderbares Konzert von Dana Masters im Duc des Lombards.
Wer einmal im Grand Palais war, weiß um die besondere Atmosphäre dieses historischen Bauwerks, nur wenige Schritte von den Champs-Élysées entfernt. Seit 1900 schlägt hier ein kulturelles Herz der Stadt. Heute beherbergt es mehrere Ausstellungen gleichzeitig und schafft stets einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Nun ehrt das Grand Palais erstmals eine große Ausstellung einer afroamerikanischen Künstlerin: Mickalene Thomas.
Nach Stationen in Los Angeles, Philadelphia, London und Toulouse hat Thomas nun ihren leuchtenden Raum in Paris gefunden. Die Retrospektive umfasst mehr als zwei Jahrzehnte künstlerischen Schaffens: Malerei, Collage, Fotografie, Video und Installation. Im Zentrum ihres Universums steht die Liebe – als Kraft der Befreiung, der Freude und der Selbstbehauptung. Romantische Liebe, Selbstliebe, familiäre Liebe, kulturelle Liebe – all das.
Ihr Werk ist zutiefst persönlich, eine Erweiterung ihrer eigenen Biografie. Thomas würdigt die Autonomie, Schönheit und Widerstandskraft Schwarzer Frauen: ihre Mutter, ihre Familie, ihre Musen, kulturelle Ikonen und frühere Partnerinnen. Sie untersucht, wie sich Liebe in Beziehungen manifestiert, wie Schönheit und Begehren in unterschiedlichen Narrativen erzählt werden können. Jedes Werk wirkt wie ein intimes Gespräch: kraftvoll, glamourös und zugleich unapologetisch zärtlich. Die Ausstellung ist in Paris noch bis zum 5. April zu sehen.
Als ich das Grand Palais verließ, erwischte ich mich bei einem neuen Wunsch: eine der Frauen in einer Collage von Mickalene Thomas zu sein. Glänzend. Strahlend. Selbstbewusst. Umgeben von Licht und Möglichkeiten. Bereit, der Welt zu sagen, dass Schönheit unendlich viele Formen hat, dass Begehren neu definiert werden kann – und dass Selbstliebe vielleicht das stärkste Stil-Statement überhaupt ist. Meine neue Ambition? In einer ihrer Collagen zu leben.
Noch erfüllt von dieser intensiven Begegnung mit der Kunst, eilte ich weiter in einen Jazzclub.
Das i-Tüpfelchen dieses Februarabends war Dana Masters im Duc des Lombards. Die in South Carolina geborene und heute in Nordirland lebende Sängerin präsentierte ein warmes, elegantes Programm voller Liebeslieder und Geschichten. Bekannt wurde sie unter anderem durch ihre Zusammenarbeit mit Van Morrison; nun kehrte sie zum zweiten Mal als Solokünstlerin nach Paris zurück und umarmte ihr Publikum mit einer Stimme, die zugleich wie ein nächtliches Geständnis und eine tröstende Umarmung klang.
Mit ihrem Repertoire und ihren Erzählungen erinnerte sie daran, sich immer wieder neu in das eigene Leben zu verlieben – in Menschen, in Musik, in jene Momente, die unsere volle Aufmerksamkeit verdienen.
Denn Paris wäre ohne die Künstlerinnen, Künstler und Träumer, die diese Stadt bewohnen, kaum so verzaubernd. Sie spiegeln uns unsere leuchtendsten Seiten und erinnern daran, dass Liebe kein Postkartenklischee und keine Pflichtübung im Februar ist. Sie ist etwas, das wir wählen: zu erschaffen, zu teilen, aufzuführen und zu leben.
Und vielleicht ist genau das die größte Stärke von Jazz und Kunst in dieser Stadt: Sie halten die Liebe in Bewegung. Davon kann es nie zu viel geben.
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