The Art of Precision – Francesca Tandoi und Gerhard Richter in Paris

The Art Of Precision
The Art Of Precision, Grafik: Julie Lobo, Collage: Izabela Olejniczak

Im Sunset/Sunside verbirgt sich nichts. Jeder Ton liegt offen.
In diesem kleinen Pariser Club scheint der letzte Klang stets länger nachzuhallen, als er tatsächlich existiert.

Das Konzert von Francesca Tandoi in der vergangenen Woche war ein Beweis dafür, dass Musik auch dann noch wirkt, wenn sie längst verklungen ist. Nur wenige Tage später schloss die Fondation Louis Vuitton ihre große Ausstellung eines der bedeutendsten lebenden bildenden Künstler – Gerhard Richter. Der deutsche Maler und die italienische Pianistin verließen Paris mit einer ähnlichen Art von Stille: einer Stille, die genaues Hinsehen und Hinhören verlangt.

Der erste Gedanke beim Hören von Francesca Tandoi war Eleganz: die Klarheit ihres Anschlags, die Präzision ihrer Phrasierung, die architektonische Geschlossenheit des Ganzen. Und doch wirkte nichts starr. Sie improvisiert mit Leichtigkeit, aber nichts ist zufällig. Es gibt keine musikalische oder emotionale Distanz. Alles ist unmittelbar und transparent. Selbst ihr Gesang bringt einen Hauch von Freude und Leichtigkeit in die Musik.

Was spontan erscheint, gründet auf tiefer Disziplin. Ihr Trio spielt seit über elf Jahren zusammen – diese gemeinsame Geschichte ist hörbar. Die Vertrautheit auf der Bühne wird zum Geschenk für das Publikum. Präzision ist hier kein Selbstzweck und keine Kontrolle um der Kontrolle willen; sie ist Ausdruck von Vertrauen.

In der Fondation Louis Vuitton zeigte die Retrospektive von Gerhard Richter mehr als sechs Jahrzehnte künstlerischen Schaffens: Ölgemälde, Glas- und Stahlskulpturen, Zeichnungen, Aquarelle, übermalte Fotografien. Die Dimension ist mitunter überwältigend. Und doch spürt man vor seinen abstrakten Arbeiten etwas, das an Jazz erinnert. Was spontan, verwischt oder beinahe zufällig wirkt, ist in Wirklichkeit geschichtet, überdacht und bewusst gesteuert.

Richters Oberflächen verbergen Komplexität. Hinter jeder Geste steht eine Entscheidung. Wie im Jazz, in dem geschriebene Standards Raum für Erfindung und Abstraktion öffnen. Struktur ermöglicht Freiheit. Disziplin macht Risiko erst möglich.

Sowohl der zeitgenössische Maler als auch die Jazzpianistin bewegen sich zwischen Kontrolle und Hingabe. Der eine verwischt Realität auf der Leinwand, die andere formt sie neu durch Rhythmus und Atem. In beiden Fällen ist Präzision keine Einschränkung. Sie ist Befreiung.

Das Konzert endete. Die Ausstellung schloss.
Der Klang löste sich auf. Die Gemälde wurden abgehängt. Und doch fühlte sich der Raum nicht leer an. Was blieb, war ein Gefühl von Fülle – jene stille Bewunderung, wenn man etwas erlebt hat, das in sich vollkommen war.

Kunst mag aus dem Blickfeld verschwinden oder aus der Luft verwehen.
Doch Präzision hinterlässt eine Spur.
Und diese Spur wirkt in uns weiter.

Text und Fotos: Jazzabela (Izabela Olejniczak)

Hier finden Sie frühere Episoden von „Lost in Paris with Jazzabela”

Lost in Paris with Jazzabela

Geschichten, die den Jazz lebendig machen

Einen Kommentar schreiben

Was ist die Summe aus 6 und 5?