Christy Doran im Gespräch: Rückblick auf ein vergessenes Meisterwerk

Christy Doran
Christy Doran, Foto: Christy Doran/Unit Records

Der Schweizer Gitarrist und Klangvisionär Christy Doran spricht im Interview mit jazz-fun.de über sein kürzlich veröffentlichtes Album Same But Different, das auf Aufnahmen aus dem Jahr 1995 basiert – mit einer außergewöhnlichen Besetzung rund um Herb Robertson, Fredy Studer, Urs Leimgruber und andere. Entstanden ist ein dokumentarisches Klangkunstwerk zwischen Komposition und freier Improvisation, das seine Aktualität nicht verloren hat. Doran erzählt von der Wiederentdeckung der Aufnahmen, der Magie spontaner Momente und von zwei verstorbenen Weggefährten, deren Spiel auf diesem Album verewigt ist.

jazz-fun.de:
Der Albumtitel „Same But Different“ – was bedeutet er für Sie? Ist es ein Kommentar zu Ihrer eigenen musikalischen Entwicklung oder zu Jazz im Allgemeinen?

Christy Doran:
„Same But Different“ ist eine Redewendung – in diesem Zusammenhang bedeutet sie: Wir verfolgen mit der Musik dasselbe Ziel, gehen dabei aber einen anderen Weg. Wir erfinden Musik nicht völlig neu, aber wir spielen sie so, dass daraus etwas Neues entsteht

jazz-fun.de:
Die Aufnahmen stammen aus dem Mai 1995 – warum erscheinen sie erst jetzt? Gab es einen besonderen Anlass, diese Musik gerade jetzt zu veröffentlichen?

Christy Doran:
Es war damals 1995 überhaupt nicht geplant, dieses Projekt zu veröffentlichen. Mit der Zeit hatte ich es völlig aus den Augen verloren. Dann stieß Jim Meneses, der daran beteiligt war, beim Aufräumen seiner Aufnahmen auf ein Band. Er hörte es sich an und rief mich sofort an: Ich müsse das unbedingt anhören – es sei unglaublich. Ich hörte hinein, war begeistert und gab es auch Urs Leimgruber zum Anhören. Es war ein Konzert in meiner Heimatstadt Luzern – und wir beide waren mehr als überrascht. Jim hatte recht. Urs sagte sofort: „Das musst du veröffentlichen, es ist großartig.“ Ich halte es selbst für eine meiner besten Produktionen – und so erschien es jetzt, 30 Jahre später, bei UNIT Records.

jazz-fun.de:
Mit Herb Robertson und Fredy Studer spielen auf dem Album zwei herausragende Musiker, die leider inzwischen verstorben sind. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit diesen Aufnahmen und der Zusammenarbeit?

Christy Doran:
In den 90ern habe ich sehr viel gespielt – auch mit amerikanischen Musikern wie Ray Anderson, Robert Dick, Mark Helias, Hank Roberts, Tim Berne u.a. Herb war in dieser Szene eine feste Größe, über die alle sprachen. Ein ganz besonderer Mensch. Bevor die LP erschien, fragte ich ihn, ob er mit einer Veröffentlichung einverstanden sei. Er sagte Ja – und heute, wo er nicht mehr unter uns ist, bin ich froh, dass sein Spiel auf dieser Aufnahme dokumentiert ist. Er fehlt!

Natürlich fehlt auch Fredy. Kurz vor seinem Tod hatten wir noch unser 50-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert. Fredy war in vielen meiner Projekte aktiv – neben unserer gemeinsamen Band OM (mit Urs Leimgruber und Bobby Burri) auch in Formationen, die oft von seinen Ideen ausgingen, etwa RED TWIST & TUNED ARROWS (zwei E-Gitarren & Schlagzeug) oder DORAN-STUDER-BURRI-MAGNENAT (zwei Kontrabässe, E-Gitarre & Schlagzeug). Er war auch Teil meines Hendrix-Projekts und hat es stark unterstützt. Obwohl viele Stücke von mir stammten, brachte er großartige Ideen ein – auch kritische Anmerkungen, aber immer konstruktiv. Wir waren ein starkes Team. Auch auf dieser Aufnahme bilden Jim Meneses und Fredy ein perfektes Gespann: Fredy so kraftvoll wie eh und je, und Jim mit dem nötigen Raum für Kreativität.

jazz-fun.de:
Das Sextett klingt nicht wie ein klassisches Jazzensemble, sondern eher wie ein kollektives Klanglabor. War das von Anfang an Ihre künstlerische Vision?

Christy Doran:
Der Schlüssel zu dieser Musik liegt in genau dieser Besetzung. Natürlich gab es anfangs eine Vision. Die Verbindung von Komposition und Improvisation hat mich schon immer fasziniert. Um diesen Sound zu erreichen, habe ich sehr genau überlegt, wen ich dafür ansprechen sollte.

Man kann das Sextett auch als drei Duos sehen: Urs und Herb, Fredy und Jim, Kevin Bruce und ich. Einige Stücke hatte ich zuvor bereits mit Formationen wie dem ADD Trio (mit Robert Dick und Steve Argüelles) oder mit Ray Anderson und Han Bennink gespielt. Durch die Arbeit mit Musikern wie Phil Minton hatte ich inzwischen viel Erfahrung darin, Räume für Improvisationen zu schaffen – sei es Solo, Duo oder kollektiv. Ich hatte einfach großes Glück mit dieser Besetzung – sie passte perfekt zusammen, etwa Urs Leimgruber mit Herb Robertson oder Kevin Bruce Harris mit mir.

jazz-fun.de:
Elektronische Effekte und unkonventionelle Strukturen spielen eine zentrale Rolle. Wie finden Sie die Balance zwischen klanglicher Experimentierfreude und musikalischer Aussage?

Christy Doran:
Ich habe mich immer für Klang und Klanglandschaften interessiert und viel mit Delays experimentiert – etwa, um einen Drei-gegen-vier-Effekt zu erzeugen. Aber es hängt auch von der Erfahrung der Musiker ab, die Balance zwischen Groove und klanglicher Erkundung zu halten.

jazz-fun.de:
Stücke wie Instinct oder New Outline – Shorter Cuts haben sehr unterschiedliche Strukturen. Entstehen solche Kompositionen aus Improvisationen oder auf Basis eines festen Rahmens?

Christy Doran:
Ich beginne völlig ohne Struktur – from scratch. Am Ende hat jedes Stück seine ganz eigene Form.
New Outline – Shorter Cuts gehört zu den neueren Stücken dieser Zeit. Zwei Jahre später habe ich es auch mit Christy Doran’s New Bag (mit Bruno Amstad, Wolfgang Zwiauer und Fabian Kuratli) auf Confusing the Spirits aufgenommen. Solche Stücke bestehen oft aus zwei völlig unterschiedlichen musikalischen Ideen, teils komplett ausnotiert. Der offene Teil überlässt es dem Improvisator, wie er die beiden verbindet. So endet das Stück an einem anderen Punkt, als es beginnt – und bleibt dadurch frisch.

jazz-fun.de:
Improvisation als „klangliche Meditation“ – inwiefern ist dieser Prozess für Sie persönlich oder spirituell bedeutsam?

Christy Doran:
Ich suche in der Improvisation nach magischen Momenten – oft in den offenen Passagen. Das ist eine Art klangliche Meditation, bei der alles wie von selbst an seinen Platz fällt. Je älter ich werde, desto mehr bedeutet mir das!

jazz-fun.de:
Sie haben im Laufe der Jahrzehnte viele sehr unterschiedliche Projekte realisiert. Wo verorten Sie Same But Different in Ihrer musikalischen Biografie?

Christy Doran:
Für mich dokumentiert Same But Different eine wichtige Übergangsphase – vom Höhepunkt meiner elektrischen Jazzzeit hin zu offeneren improvisatorischen Konzepten.

jazz-fun.de:
Hat sich die Offenheit für radikalere Klangexperimente in der Jazzszene seit den 1990er-Jahren verändert?

Christy Doran:
Ja. Einerseits ist die Jazzszene traditioneller und in gewisser Weise kommerzieller geworden, andererseits ist die Impro- und Elektro-Szene enorm gewachsen. Jazz und verwandte Musikformen haben sich stark ausdifferenziert, und die Verbindung von Komposition und Improvisation wie bei Same But Different ist heute eher selten. Es passiert heute viel Musik in unterschiedlichen Feldern – oft ohne voneinander zu wissen.

jazz-fun.de:
Was möchten Sie, dass die Hörer aus diesem Album mitnehmen – eine Emotion, einen Denkanstoß oder einfach das Staunen über den Klang?

Christy Doran:
Die Energie! Die großartigen Soli, die Kompositionen, die Interaktion, den Raum, den Spaß – einfach alles!

Das Gespräch führte Jacek Brun
Foto: Christy Doran/Unit Records

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