Der Berliner Saxophonist und Komponist über Live-Elektronik, String Quartets, „Hemisphere“ und die Kunst, Strukturen zu hinterfragen.

Gebhard Ullmann - Hemisphere 4
Gebhard Ullmann - Hemisphere 4, Foto: Cristina-Barbara Marx

Gebhard Ullmann gehört seit Jahrzehnten zu den prägendsten Stimmen der europäischen Improvisations- und Avantgarde-Jazzszene. Im Interview spricht er über das Spannungsfeld von Form und Freiheit, seine Arbeit mit Live-Elektronik, die Bedeutung von Stille und seine neuesten Projekte „Hemisphere 4. Kapitel Zwei“ und „String Quartets“. Ein tiefes, reflektiertes Gespräch über Klang, Kunst und das, was jenseits des Vorhersehbaren liegt.

jazz-fun.de:
Gebhard, du bist seit Jahrzehnten eine feste Größe in der europäischen Jazz- und Impro-Szene. Wenn du heute auf deine Arbeit blickst – was ist dir beim Musikmachen wichtiger geworden: Freiheit oder Form?

Gebhard Ullmann:
Das eine geht nicht ohne das andere. In jeder guten Improvisation gibt es sowohl Freiheit als auch Form.

Wenn man an das Komponieren denkt, erscheint vielleicht zuerst die Form wichtiger.
Für mich ist das allerdings im Entstehungsprozess nicht unbedingt oder nicht immer so.

So benutze ich Techniken, die ich in Jahrzehnten der improvisierten Komposition entwickelt habe. Mitunter benutze ich transkribierte Improvisationen und erstelle daraus ein großes Orchesterwerk. Oder ich denke beim Schreiben eines Orchesterwerkes: „Wie würde ich das improvisieren?“

Klar, die Form spielt dann beim Feinschliff eine große Rolle. Manchmal habe ich allerdings auch den Eindruck, dass die Form im Wege steht. Es klingt dann steif oder hölzern. Es ist wichtig, mitunter loszulassen.

jazz-fun.de:
„Hemisphere 4. Kapitel Zwei“ wirkt wie ein Labor für Klangforschung – voller Detailtiefe, Bewegung und Stille. Wie ist dieses Kapitel entstanden, und was bedeutet „Kapitel Zwei“ für dich im Kontext der Reihe?

Gebhard Ullmann:
Kapitel Zwei ist zeitgleich – also in derselben Session – mit der ersten Hemisphere-CD entstanden. Was ich allerdings gemacht habe, ist, bestimmte Takes auszuwählen und so zusammenzustellen, dass für mich – im Nachhinein betrachtet – eine viel intensivere Fokussierung entstanden ist.

Vielleicht ist es auch so, dass dadurch, dass Hemisphere 4 angefangen hat, Konzerte zu spielen, diese Fokussierung in mir gereift ist. Mit anderen Worten: Ich bin mir jetzt mehr im Klaren darüber, was ich mit diesem Projekt, das ja fast schon so etwas wie ein Spätwerk in meinen Improvisationsarbeiten ist, ausdrücken will.

Die Stille hat übrigens in meiner Musik immer eine große Rolle gespielt und ist vielleicht auf dieser Veröffentlichung – wie auch in meinem Piano-Solo-Zyklus „Impromptus und Interaktionen“ aus dem Jahr 2023 – noch einmal wichtiger geworden. Je aufgeregter und oberflächlicher alles um mich herum wird, desto mehr suche ich wohl das Gegenteil. Ich selbst brauche Zeit und Tiefe – und auch Musik im Allgemeinen benötigt: sich Zeit nehmen.

jazz-fun.de:
Deine Musik auf „Hemisphere“ scheint oft zwischen akustischer Wärme und elektronischer Abstraktion zu oszillieren. Wie gelingt dir diese Balance – und was interessiert dich an diesem Spannungsfeld besonders?

Gebhard Ullmann:
Ich beschäftige mich seit 1980 mit Live-Elektronik und allem, was dazugehört. Damals habe ich ein Lyricon mit einem Oberheim-Synthesizer gespielt. Nach einer längeren „akustischen“ Phase arbeite ich seit gut zehn Jahren wieder mit Live-Elektronik. Das Projekt Das Kondensat war die ersten acht Jahre eine Working Band, in der es darum ging, auszuprobieren, wie sich Live-Elektronik und die besonderen Anforderungen in der Improvisation – also blitzschnelles Reagieren – verbinden lassen. Für mich ist die Elektronik wie ein weiteres neues Instrument – und so viel Zeit, wie für das Erlernen eines neuen Instruments, habe ich mir auch genommen, bevor ich etwas aufgenommen habe. Ich glaube, das ist das Geheimnis.

jazz-fun.de:
Viele Stücke tragen poetische Titel, die auf emotionale Räume verweisen. Sind diese Bezüge eher metaphorisch gedacht oder entstehen sie direkt aus dem musikalischen Prozess heraus?

Gebhard Ullmann:
Das mache ich schon sehr lange so. Das erste Mal in letzter Konsequenz habe ich es für die CD „Tá Lam“ umgesetzt. Sprache, Lautmalerei, Metaphorik, Situationen aus meinem Leben, Literatur, Träume, Landschaften, Gerüche … das und noch mehr fließt in diese Titel wie ja auch in die Musik ein.

jazz-fun.de:
Zwischen „Hemisphere“ und „String Quartets“ gibt es große klangliche Unterschiede, aber beide Alben teilen eine hohe strukturelle Präzision. Wie gehst du an solche unterschiedlichen Klangräume heran – improvisatorisch, konzeptuell oder beides zugleich?

Gebhard Ullmann:
Wie oben bereits ausgeführt: beides zugleich. Ich bin immer schon ein Konzeptionalist gewesen und definiere mich auch mehr als Komponist/Künstler denn als reiner Spieler.

jazz-fun.de:
In „String Quartets“ arbeitest du mit Stephan Thelen, Udo Agnesens und dem Al Pari Quartett zusammen. Wie verlief dieser kreative Austausch – besonders im Hinblick auf Komposition und Struktur?

Gebhard Ullmann:
Eigentlich war das recht unspektakulär. Mit großen Künstlern ist es in meiner Erfahrung meistens unkompliziert. Jeder hat seine eigene Sprache entwickelt und setzt diese um. Das macht es einfach. Und wenn man dann noch mit einem so fabelhaften Streichquartett wie den Al Paris zusammenarbeiten darf...

jazz-fun.de:
Das Zusammenspiel mit klassischen Streichern verändert automatisch den Atem und die Zeitlichkeit der Musik. Wie hast du diesen Übergang vom improvisatorischen Denken zum kammermusikalischen Erleben empfunden?

Gebhard Ullmann:
Ich schreibe ja jetzt schon viele Jahre für klassische Streicher, Orchester usw. Es gibt drei Streichquartette und über zwei Stunden Orchestermusik von mir – neben diversen kammermusikalischen Werken für andere Ensembles oder auch kleinere Besetzungen. Für mich ergänzt sich alles, und es gab bei mir auch nie diese Grenze zwischen den Ästhetiken von „Jazz“ und klassischer Musik.

Ich finde, alles gehört zusammen, und insofern ist es für mich ganz natürlich, für alle Bereiche zu schreiben oder in diesen selber als Musiker zu spielen. Gut sollte es aber schon sein, sonst interessiert es mich nicht.

jazz-fun.de:
Die Musik auf „String Quartets“ klingt gleichzeitig streng gebaut und frei atmend. Wie viel Raum bleibt hier für spontane Entscheidungen oder intuitive Eingriffe?

Gebhard Ullmann:
Die Musik ist komplett durchkomponiert – im besten Sinne eines Streichquartetts. Natürlich gibt es in der Interpretation Freiheiten, aber nicht innerhalb der eigentlichen Kompositionen.

jazz-fun.de:
Du hast oft gesagt, dass dich die „Grenzen der Form“ interessieren. Was bedeutet für dich Struktur im heutigen Jazz – und wo beginnt für dich das Unvorhersehbare?

Gebhard Ullmann:
Struktur ist wichtig, eine ästhetische Fokussierung ist ebenso wichtig. Und es ist auch wichtig zu wissen, wann es nötig ist, die Struktur zu verlassen, um die gewünschte Fokussierung zu erreichen. Ebenso interessant kann es aber auch sein, mit dem Prinzip des Zufalls zu arbeiten. Das tue ich oft.

Das Unvorhersehbare in der Musik bedeutet für mich, dass zwei und zwei im besten Fall eben mehr als vier ist. Natürlich gibt es unzählige Wege, das zu erreichen.

jazz-fun.de:
Sowohl in „Hemisphere“ als auch in „String Quartets“ gibt es Momente von fast körperlicher Stille. Wie arbeitest du mit diesem Raum zwischen den Tönen – und welche Bedeutung hat Stille in deinem Denken?

Gebhard Ullmann:
Musik ist manchmal ganz einfach: hoch – tief, laut – leise, dicht – sparsam, abstrakt – konkret und so weiter. Und sie arbeitet mit Emotionen ebenso wie mit Assoziationen, die bei jedem Menschen anders ausfallen können – sogar unterschiedlich bei der gleichen Person je nach emotionalem Zustand. Damit arbeite ich schon mein Leben lang. Man muss sich als Komponist, aber auch als Spieler, dieser Dinge bewusst sein, sich manchmal überraschen und manchmal über lange Zeit zielgerichtet verhalten.

Stille hat in diesem Zusammenhang eine ganz besondere Kraft. Die Pausen zwischen den Klängen, aber auch die Pausen zwischen den Kompositionen, den Sätzen, sind für mich essenzieller Bestandteil des Gesamtkunstwerks. Ich gehe mit Stille sehr sorgsam um. Die eine Sekunde länger kann den Unterschied machen. Ich habe CDs neu gemastert, weil mir eine Pause zu lang oder zu kurz war.

jazz-fun.de:
Deine Musik wird oft als „zeitlos“ beschrieben – unabhängig von Trends oder Moden. Wie hältst du über so viele Jahre diese künstlerische Unabhängigkeit lebendig?

Gebhard Ullmann:
Ich habe unzählige noch nicht umgesetzte Ideen im Kopf. Manchmal träume ich sie, manchmal sind sie plötzlich da. Es scheint, mein Kopf arbeitet permanent im Hintergrund daran. Daneben ergeben sich natürlich – so wie jetzt bei Hemisphere 4 – aus dem Tun neue Ideen.

Also zum Beispiel, was ich für Hemisphere 4 an Musik schreiben könnte, wie ich die Besetzung verändern könnte. Solche Dinge. Und genau daran arbeite ich zurzeit: Hemisphere 4 PLUS mit sieben Musiker:innen.

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Gebhard Ullmann Internetseite:
https://www.gebhard-ullmann.com/

Das Gespräch führte Jacek Brun
Foto: Cristina-Barbara Marx

Einen Kommentar schreiben

Was ist die Summe aus 8 und 1?