Mia Knop Jacobsen: „Ich wollte loslassen“

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Mia Knop Jacobsen

Von Jacek Brun

Nach dem deutlich stärker produzierten Album "Ease" wollte Mia Knop Jacobsen bewusst in die entgegengesetzte Richtung gehen. Auf "Closer" reduziert sie ihre Musik auf Stimme und zwei Gitarren – und schafft damit einen Raum, in dem nichts verborgen bleibt. Weniger Produktion, weniger klangliche Schutzschichten, dafür mehr Nähe, Klarheit und Verletzlichkeit.

Gemeinsam mit Jeppe Holst und Rapha Braga entwickelte sie eine Besetzung, die zunächst als Experiment begann. Beide Gitarristen bringen unterschiedliche musikalische Sprachen mit, reagieren aufeinander und auf Jacobsens Stimme und funktionieren dabei stellenweise fast wie ein einziges Instrument. Aus einem ursprünglich kleinen Versuch entstand so ein ganzes Album.

Viele Songs auf „Closer“ begleiten Mia Knop Jacobsen bereits seit Jahren. Einige entstanden aus Verlust, Trauer und persönlichen Grenzerfahrungen, andere warteten lange darauf, ihren richtigen Platz zu finden. Gerade diese unterschiedlichen Geschichten bilden nun den emotionalen Kern des Albums.

Im Gespräch mit jazz-fun.de erzählt Mia Knop Jacobsen darüber, warum Verletzlichkeit für sie zugleich Freiheit bedeutet, weshalb sie technische Möglichkeiten heute bewusster zurücknimmt und wie befreiend es sein kann, einer Geschichte nicht mehr möglichst viel hinzuzufügen, sondern genau das wegzulassen, was sie nicht braucht.

jazz-fun.de:
Mia, der Titel Closer beschreibt das Album sehr genau: näher an den Gefühlen, näher an den Geschichten, näher an Dir selbst. Wann hattest Du das Gefühl, dass Du für dieses Album noch einen Schritt weitergehen und Dich musikalisch so offen zeigen möchtest?

Mia Knop Jacobsen:
Die Idee kam, nachdem ich meine Musik zum ersten Mal in der Probe in dieser Besetzung gehört hatte und gemerkt habe, wie viel stärker sie wirkte – mit mehr Raum, mehr Klarheit und mit musikalischen Entscheidungen, die ich in einer größeren Band vermutlich so nicht getroffen hätte.

Als dann klar war, dass bestimmte Songs mit zwei Gitarren umgesetzt werden, habe ich gemerkt, dass es auch von meiner Seite eine ganz andere Öffnung brauchte – und zugleich eine deutliche Veränderung in meiner Interpretation der Stücke.

jazz-fun.de:
Nach dem deutlich stärker produzierten Ease wirkt Closer fast wie ein Gegenentwurf. War diese Reduktion auf Stimme und zwei Gitarren von Anfang an eine bewusste künstlerische Entscheidung?

Mia Knop Jacobsen:
Absolut. Nach Ease war für mich auf jeden Fall klar, dass ich etwas komplett Gegenteiliges machen wollte. Das hatte weniger mit Ease selbst zu tun als mit verschiedenen Ideen und Bedürfnissen, die sich bei mir über die letzten Jahre angesammelt hatten.

Eines davon war der Wunsch, einmal ein Album zu machen, das wirklich auf das absolute Minimum reduziert ist. Dass es am Ende zwei Gitarren sein würden, wusste ich anfangs allerdings noch nicht. Diese Idee kam wahrscheinlich erst, als ich in Spanien häufig Gitarristen miteinander spielen gesehen und gemerkt habe, was für eine starke Wirkung das haben kann.

Dann habe ich angefangen zu überlegen, wie interessant es wäre, meine eigene Musik in so einer Konstellation neu zu interpretieren. Sie hat natürlich nichts mit spanischer Musik zu tun, aber bestimmte Traditionen und Spielweisen, die ich dort erlebt habe, haben meine Musik noch einmal auf ein anderes Level gebracht.

Ich glaube aber nicht, dass ich all das von Anfang an so bewusst formulieren konnte. Vieles entstand eher experimentell. Was ich allerdings sehr klar wusste: Ich wollte mich trauen, mich genau an den Punkt zu stellen, an dem meine Stimme inzwischen sein kann – glasklar vorne.

Weniger hinter produzierten Sounds, dafür mit sehr klaren Songwriting-Entscheidungen und einer Besetzung, die fast so wirkt, als würde man mit im Raum sitzen. Diesen Wunsch hatte ich schon länger, aber bisher hatte ich dafür einfach noch nicht die richtige Besetzung gefunden.

jazz-fun.de:
Du hast gesagt, dass Du Dich nicht hinter einer Wand aus produzierten Sounds verstecken wolltest. Fühlt sich eine so reduzierte Besetzung für Dich eher befreiend an – oder macht sie Dich auch verletzlicher?

Mia Knop Jacobsen:
Ich würde sagen: sowohl als auch. Für mich ist das kein Entweder-oder. Dadurch, dass mich diese Besetzung freier macht, werde ich gleichzeitig verletzlicher – und umgekehrt entsteht gerade daraus, dass ich mich verletzlicher zeigen kann, eine gewisse Freiheit.

Ich würde nicht sagen, dass ich mich auf dem vorherigen Album nicht verletzlich gezeigt habe. Aber dort war das stärker in ein künstlerisches Gesamtwerk eingebettet, in ein Konzeptalbum mit größeren visuellen Produktionen.

Und wie ich schon gesagt habe: Closer ist für mich kein Gegenspieler zu Ease. Ich glaube einfach, dass ich als Musikerin extrem neugierig auf Dinge bin, die ich noch nicht ausprobiert habe. Eine der großen Fragen war deshalb: Was wäre eigentlich das absolute Gegenteil von dem, was ich bisher gemacht habe? Genau das wollte ich mit dieser Besetzung herausfinden.

Ich hatte noch nie so konsequent mit Gitarren gearbeitet – und schon gar nicht mit zwei Gitarren als einzigen Begleitinstrumenten. Auch die Kombination aus akustischer und elektrischer Gitarre war eher ein „Hey, let’s see how it sounds“. Ich wusste nicht, ob das funktionieren würde. Das war vor allem Bauchgefühl und Neugier.

Als ich dann gemerkt habe, dass daraus tatsächlich ein Album entsteht und dass diese Musik einen eigenen Kern hat, wurde mir auch klar, wie viel Freiheit in diesem offenen Raum steckt. Aber natürlich bedeutet das zugleich Entblößung.

Ich glaube, mein Gefühl von Freiheit entsteht auch daraus, dass ich den Platz bekomme, mit all den intensiven Gefühlen und Geschichten, die mich auf diesem Album begleitet haben, wirklich da zu sein. Deshalb gehören für mich beides zusammen: eine große Befreiung und eine große Fragilität.

jazz-fun.de:
Jeppe Holst und Rapha Braga bringen sehr unterschiedliche Gitarrensprachen mit. Was hat Dich an der Kombination dieser beiden Musiker gereizt, und wann war für Dich klar, dass daraus genau dieses Trio entstehen kann?

Mia Knop Jacobsen:
Bei mir war es so, dass ich mich zuerst mit Jeppe Holst getroffen habe, um überhaupt einmal zu hören, wie meine Musik mit akustischer Gitarre klingt. Ich kenne Jeppe schon seit vielen Jahren, aber wir hatten vorher noch nie zusammen Musik gemacht. In einer ganz bestimmten Phase haben wir uns dann wieder connected. Er arbeitete gerade an seinen Soloalben, und ich war selbst dabei, mich musikalisch neu aufzustellen. Zu der Zeit lebte ich in Barcelona und versuchte gleichzeitig, den Spagat zwischen Dänemark, Deutschland und Barcelona hinzubekommen. Ich glaube, Jeppe war für mich damals ein sehr guter Anlaufpunkt.

Wir haben uns getroffen und ein paar Stücke zusammen gespielt. Danach meinte er von sich aus, dass es schön wäre, noch eine zweite Person dazuzuholen.

Zeitgleich war ich in Lissabon in eine große TEDx-Produktion involviert, bei der ich ein ganz anderes Projekt vorgestellt habe. Dort bin ich eher zufällig auf Rapha Braga gestoßen – zunächst gar nicht musikalisch, sondern weil er mir bei einem Konzert geholfen hat, für das uns eine Anlage fehlte. Er hat die nötigen Kontakte hergestellt. Danach wurde aber schnell klar, was für ein großartiger Musiker Rapha ist. Ich habe ihn später noch einmal live gehört und bin zu einer seiner Shows gegangen.

Dann habe ich überlegt, welchen meiner Gitarristenkollegen ich mit Jeppe kombinieren könnte. Es gab verschiedene Ideen, auch von Jeppes Seite, aber mein Bauchgefühl sagte mir: Ich brauche jemanden, der nicht aus der Berliner Musikszene kommt, sondern eine ganz andere Perspektive mitbringt. Rapha hat – genau wie Jeppe – eine starke Verbindung zur brasilianischen Gitarrentradition. Da dachte ich: Lass mich einfach mal schauen, ob die beiden miteinander können.

Ich hatte das Gefühl, dass Rapha genau die richtige Energie mitbringt – vor allem dieses Gespür für Details innerhalb eines Songs – und dass seine musikalische Herkunft meiner Musik guttun würde.

Es war aber wirklich ein Experiment. Ich habe meinem Bauchgefühl vertraut, aber bevor wir uns zu dritt zur ersten Probe getroffen haben, wusste ich überhaupt nicht, wie die beiden zusammen spielen würden. Das wussten sie selbst auch nicht.

Und dann war es für uns alle fast wie eine Explosion: Die beiden haben sich sofort verstanden, einen gemeinsamen Groove gefunden und klangen teilweise fast wie ein einziges Instrument. Gleichzeitig haben sie auch meine Musik auf eine Weise verstanden, die mir selbst noch einmal einen ganz neuen Blick auf meine Kompositionen eröffnet hat.

Das Ganze war also ein Versuch – getragen von Bauchgefühl, Spekulation und einem gewissen Risiko. Niemand wusste vorher genau, wohin die Reise führen würde.

jazz-fun.de:
Du komponierst am Klavier, auf dem Album werden die Stücke aber von zwei Gitarren getragen. Hat dieser Wechsel des klanglichen Ausgangspunkts auch Deine eigene Wahrnehmung der Songs verändert?

Mia Knop Jacobsen:
Absolut. Das Ziel dieses ganzen Projekts war, dass alles, was ich am Klavier komponiere, am Ende nicht mit Klavier performt wird.

Der Ausgangspunkt war die Frage: Welches Instrument beherrsche ich selbst nicht und hatte ich für meine eigene Musik bisher noch nie wirklich auf dem Schirm? In dieser Kombination und in diesem Kontext war das die Gitarre.

Gleichzeitig wollte ich Songs schreiben, die bewusst anders besetzt werden, um meine eigenen Muster zu durchbrechen. Ich wollte weiterhin am Klavier komponieren, aber durch die neue Besetzung meine Songs noch einmal ganz neu kennenlernen.

Genau deshalb habe ich auch bewusst auf ein Klavier im Ensemble verzichtet.

jazz-fun.de:
Viele Texte auf Closer handeln von Verlust, Trauer, Liebe und Erinnerung. Wie entscheidest Du beim Songwriting, wie persönlich Du werden möchtest – und wo vielleicht doch eine Grenze bleibt?

Mia Knop Jacobsen:
Beim Songwriting war mir diesmal wichtig, weniger darüber nachzudenken, wie sehr ich mich selbst schützen möchte. Stattdessen wollte ich jedem Song und jeder Erfahrung genau den Raum geben, den sie verdienen.

Das ist auch der Grund, warum die Stücke nicht alle zur gleichen Zeit entstanden sind. Das Album ist eine Art Kompilation aus Songs der letzten sechs Jahre, die aus unterschiedlichen Gründen in keinem meiner bisherigen Projekte oder Produktionen ihren Platz gefunden haben.

Ease war zum Beispiel ein Album, dessen Musik innerhalb eines bestimmten Projektzeitraums entstanden ist. Dadurch gab es eine klarere gemeinsame Storyline und eine einheitlichere Ebene. Bei Closer geht es dagegen um viele verschiedene Momente von Trauer, Verlust und anderen Erfahrungen, die mich in den letzten Jahren begleitet haben.

Manche Songs habe ich ursprünglich nur für mich geschrieben, um etwas zu verarbeiten, ohne überhaupt daran zu denken, dass sie einmal Teil eines Albums werden könnten. Als Closer dann entstand, haben diese Stücke plötzlich ihren Platz gefunden, weil sich daraus doch ein übergeordnetes Thema ergeben hat.

Deshalb lässt sich das Album auch keinem einzelnen Genre wirklich zuordnen. Manche Songs gehen stärker in Richtung Jazz, andere eher in eine brasilianische oder poppige Richtung. Der rote Faden entsteht für mich durch unsere gemeinsame Interpretation.

Und genau darin liegt für mich die Schönheit dieses Albums: Diese Songs sind unglaublich ehrlich. Vielleicht haben sie gerade deshalb früher auf keiner anderen Platte Platz gefunden – und genau aus diesem Grund gehören sie jetzt hierher.

jazz-fun.de:
„Wish It Were Yesterday“ und „Curtains“ entstanden nach dem Tod Deines Vaters. Welche Rolle kann Musik für Dich spielen, wenn Worte allein nicht ausreichen, um mit einer solchen Erfahrung umzugehen?

Mia Knop Jacobsen:
Ich glaube, das ist eine dieser Klischee-Aussagen, die ich für mich aber sehr gerne annehme: Musik ist wahrscheinlich die einzige Art und Weise, wie ich mit solchen Emotionen wirklich umgehen kann.

Es war eine absolute Grenzerfahrung. Natürlich war es für die ganze Familie eine Grenzerfahrung, aber ich selbst war noch relativ jung in der Erfahrung, was es bedeutet, ein Elternteil zu verlieren. Für mich und meinen jüngeren Bruder war es das erste Mal, dass wir uns so intensiv mit einer so tragischen Situation auseinandersetzen mussten – mit etwas, das auch Monate nach dem Tod noch deutliche Spuren hinterlassen hat.

Kurz nach dem Verlust fühlte sich mein Körper wie gelähmt an, und ich wusste überhaupt nicht, wohin mit mir. Dass ich es überhaupt geschafft habe, daraus einen Song zu machen, ist für mich ehrlich gesagt immer noch Wahnsinn.

Ich glaube, ich habe dabei verstanden, dass solche sehr harten Lebenserfahrungen bei mir zu so unmittelbaren Gefühlen führen, dass ich im Kompositionsprozess gar keine andere Wahl habe, als ganz direkt zu erzählen, worum es gerade geht. In solchen Momenten versuche ich gar nicht erst, etwas besonders kunstvoll oder „fancy“ zu machen. Dadurch entstehen Songs, die vielleicht viel stärker dem klassischen Songwriting zuzuordnen sind – und dazu gehören auf diesem Album ganz besonders „Wish It Were Yesterday“ und „Curtains“.

Es hat mir sehr geholfen zu wissen, dass ich mich selbst in einer der schwersten Zeiten meines Lebens trotzdem ans Klavier setzen und diese Songs schreiben konnte. Gleichzeitig konnte ich sie eine Zeit lang überhaupt nicht hören, weil sie mich jedes Mal wieder zurückgeworfen haben.

Deshalb war es auch ein sehr spannender Prozess, sie später wieder hervorzuholen, sie den Jungs zu geben und die Songs dadurch fast noch einmal neu kennenzulernen.

jazz-fun.de:
Einige Songs stammen aus früheren Phasen Deines Lebens und haben in dieser neuen Besetzung eine andere Form bekommen. Was interessiert Dich daran, ältere Stücke noch einmal neu zu betrachten, statt sie als abgeschlossen zu behandeln?

Mia Knop Jacobsen:
Auch das ist tatsächlich eher etwas, das unbewusst passiert ist. Für mich ist es immer sehr schön, wenn Songs irgendwann in irgendeiner Form den Weg in die Öffentlichkeit finden. Meistens entstehen aus meinen Stücken auch digitale Versionen, sodass die Leute sie online hören können.

Einige Songs – zum Beispiel „All Night“, „Wish It Were Yesterday“, „Curtains“ oder das schon länger bekannte „Honeyland“ von 2019 – habe ich aber nie für eine bestimmte Besetzung oder ein konkretes Projekt geschrieben. Deshalb waren das Stücke, die ich über die Jahre immer wieder spielen konnte, ohne sie wirklich auf einem Album oder in einer festen Besetzung zu verorten.

Umso schöner ist es, dass genau diese Songs jetzt ein Zuhause gefunden haben. Für mich fühlt es sich an, als würde eine bestimmte Ära in einem Kapitel festgehalten – wie in einem Buch, in dem ich verschiedene Kapitel endlich zusammenbringen konnte, obwohl sie sehr unterschiedlich sind.

Ich finde den Gedanken schön, Songs die Zeit zu geben, die sie brauchen, um herauszufinden, wohin sie gehören. Das hat mich noch einmal sehr inspiriert. Stücke, die nicht für ein bestimmtes Projekt geschrieben wurden, dürfen manchmal einfach ein paar Jahre liegen bleiben, bevor man sie wieder hervorholt und neu kennenlernt. Das hat auch damit zu tun, dass man selbst im eigenen Prozess weitergekommen ist und dadurch wieder neuen Raum geschaffen hat.

Für mich ist daraus eine sehr bedeutsame Reise geworden. Sie hat auch weitere Interessenfelder wieder geöffnet – zum Beispiel Gedichtvertonungen, die ich früher geschrieben habe und die ebenfalls lange herumlagen. Die möchte ich irgendwann wieder aufgreifen und schauen, ob sie nicht auch ihren Weg in eine digitale Form finden können.

Ich finde diesen Prozess einfach sehr besonders.

jazz-fun.de:
Besonders spannend ist, dass die Gitarren auf dem Album nicht einfach begleiten, sondern Räume öffnen und auf Deine Stimme reagieren. Wie wichtig ist Dir dieses Gefühl eines echten musikalischen Gesprächs innerhalb des Trios?

Mia Knop Jacobsen:
Mir ist dieses musikalische Gespräch tatsächlich wichtiger, als einfach die größten Namen als Features zu holen. Als Komponistin und Sängerin ist es für mich nicht immer leicht, genau die richtigen Musiker für das zu finden, was ein Song wirklich braucht.

Natürlich kann man sich in einer Tradition wie dem Jazz bewegen und fantastische Spieler zusammenbringen, die einen Song instinktiv großartig spielen. Aber bei diesem Projekt ging es um etwas anderes: Wir haben einen Song, wir haben eine Geschichte – was braucht diese Geschichte, was braucht dieser Song? Und was braucht in diesem Zusammenhang die Erzählerin, also ich als Sängerin, damit die Botschaft wirklich zu hundert Prozent ankommt? Das ist mir mit dieser Besetzung wichtiger denn je geworden.

Genau deshalb hatte ich das Gefühl, dass Rapha und Jeppe so gut zusammenpassen würden – und vor allem auch so gut zu meiner Musik. Beide legen als Künstler großen Wert darauf, nicht einfach nur zu zeigen, was sie alles können. Sie sind außergewöhnliche Gitarristen, aber für dieses Projekt haben sie sich bewusst zurückgenommen – und das meine ich im besten Sinne –, um gemeinsam fast wie ein einziges Instrument zu funktionieren und herauszufinden, wer welche Räume und Farben übernimmt.

Das war für mich ein unglaubliches Geschenk. So etwas findet man nicht jeden Tag. Ich hatte wirklich das Gefühl, in eine Art Goldgrube gefallen zu sein, und habe das entsprechend ernst genommen. Ursprünglich wollte ich daraus nur ein Demo oder vielleicht eine EP machen, noch gar kein ganzes Album.

Dann habe ich gemerkt, dass ich zwei Musiker gefunden hatte, die mit unglaublich viel Präzision und Liebe an meine Musik herangegangen sind. Das hat mir geholfen, viele der Themen besser zu verarbeiten, sie stärker in meinem Gesang zu verankern und dadurch auch in meiner Interpretation neue Räume zu öffnen.

Für mich war das eine enorme Bereicherung. Ich wusste das am Anfang noch nicht so genau, aber irgendwann wurde mir klar, was dieses Album besonders macht: Es ist nicht einfach nur ein Jam. Wir haben sehr intensiv an den Arrangements gearbeitet. Den beiden war wichtig, dass etwas Eigenständiges entsteht und dass meine Stimme wirklich zur Geltung kommt.

Es ist etwas sehr Schönes, Musiker an seiner Seite zu haben, die genau das bewusst unterstützen wollen.

jazz-fun.de:
Auf Closer scheint es weniger darum zu gehen, technische Fähigkeiten zu zeigen, sondern vielmehr darum, einer Geschichte möglichst wahrhaftig zu dienen. Hat sich damit auch Dein Verständnis davon verändert, was eine starke Sängerin oder Songwriterin ausmacht?

Mia Knop Jacobsen:
In meiner Interpretation auf jeden Fall. Ich möchte aber nicht sagen, dass diese Einfachheit, die ich jetzt stärker zulasse, nicht auch ein absolutes Maximum an Arbeit und Perfektion über viele Jahre gebraucht hat.

Denn dieses Loslassen – bis hin zu der bewussten Entscheidung gegen bestimmte Fertigkeiten, Runs oder technische Brillanz, um in eine fragilere Richtung zu gehen – ist für mich nur deshalb möglich, weil ich meinem Instrument vertraue. Ich bin inzwischen an einem Punkt, an dem ich der Welt nichts mehr beweisen muss, sondern den Songs einfach das geben möchte, was dazu führt, dass sie wirklich gefühlt werden.

„Honeyland“ ist dafür das beste Beispiel. Ursprünglich hatte ich den Song als richtige Powerballade geschrieben, mit viel Belting und der Möglichkeit zu zeigen, was ich technisch mit meiner Stimme alles machen kann. Dass daraus jetzt ein so intimes Stück geworden ist, fast ein bisschen Elliott-Smith-inspiriert, zeigt sehr gut, wie wir uns als Team bewusst gegen ein „too much“ entschieden haben.

Wir haben verstanden, dass die Botschaft und das Gefühl dieser Stücke stärker zur Geltung kommen, wenn wir uns alle fragen: Was braucht dieser Song genau in diesem Moment? Auf der Bühne kann man später immer noch andere Wege gehen, aber für diese Aufnahme haben wir uns ganz bewusst für Reduktion entschieden.

Ich wollte loslassen. Denn wenn ich die Hörerinnen und Hörer so nah wie möglich an mich heranlassen möchte, dann hat das für mich auch damit zu tun, sie mit meiner Stimme einzuladen – und keine Art Maske aufzusetzen, um zu zeigen, was technisch noch alles möglich ist.

Das heißt nicht, dass das eine besser ist als das andere. Es gibt Songs, bei denen man groß auffahren darf und soll. Ich habe für mich nur gelernt, dass es in diesem Prozess wichtiger war, mir selbst zu vertrauen und weniger zu geben – mit dem Effekt, dass dadurch viel mehr ankommt.

Das hat mit den Geschichten, den Botschaften und meiner Motivation zu tun, aber auch mit dem Gefühl, dass man mir diese Geschichten dadurch vielleicht eher abnimmt.

Und es ist schön zu merken, dass ich ein Album gemacht habe, mit dem ich niemandem in der Musikwelt beweisen wollte, dass ich meinen Job beherrsche oder meine Hausaufgaben gemacht habe. Die habe ich gemacht, und ich bin ein Hardworker.

Dass ich mich stattdessen getraut habe, der Musik wirklich den Raum zu geben, den sie braucht, und meinen Mitmusikern zu vertrauen, dass weniger mehr sein kann – und dass genau das jetzt so viel Resonanz bekommt –, ist für mich ein Zeichen, dass dieser Schritt genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen ist.

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Jacek Brun ist Gründer und Herausgeber von jazz-fun.de sowie seit vielen Jahren als Journalist, Fotograf und Jazzförderer aktiv. Sein Netzwerk reicht von Künstlern und Festivals bis zu Medienpartnern in ganz Europa.

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