Im Moment verwurzelt: Piotr Damasiewicz und das Klanguniversum von L.A.S.

Foto von Piotr Damasiewicz
Piotr Damasiewicz, Foto: Angela Ballhorn

Piotr Damasiewicz ist ein unruhiger Geist, ein Suchender im besten Sinne. Er ist Komponist, Trompeter, Multiinstrumentalist, Pädagoge und Kurator internationaler Musikplattformen. Der polnische Musiker studierte Trompete, aber auch Kontrabass, Klavier und klassischen Gesang – einschließlich Gregorianik –, Chor- und Kammerensembleleitung, Arrangement und Komposition. Seine Sprachen sind Jazz, klassische Musik des 20. Jahrhunderts, ethnische Musik sowie europäische improvisierte Musik und experimentelle Musik.

Klang ist sein zentrales Thema, das ist seine Suche, in und um sich. Dafür ist er 2019 als Pilgermusiker über 4000 Kilometer von der ukrainischen Grenze nach Santiago de Compostela gewandert. Während der sechsmonatigen Reise machte er über 100 Aufnahmen seiner Soloeindrücke in verschiedenen heiligen Räumen und untersuchte deren akustische Eigenschaften. Sein Label und seine Stiftung L.A.S. (Listening and Sounding) vertreibt seine Aufnahmen, roh, unbearbeitet und direkt.

Das Gespräch fand nach einem intensiven Konzert im Berliner Kühlspot Anfang Juni statt.

jazz-fun.de:
Ich würde gerne mehr über die Band von heute Abend erfahren, denn – um ehrlich zu sein –  war ich mit deiner Musik vor dem Konzert im Berliner Kühlspot nicht vertraut.

Piotr Damasiewicz (Trompete und Klavier):
Ehrlicherweise ist das keine Band, sondern ein Kollektiv, eine Idee, eine Philosophie. Eine Band ist ein autonomer Organismus, ein Kollektiv dagegen offener und es geht mehr um Philosophie. Unser Kollektiv besteht aus Personen, die zu der Idee gehören und gleichzeitig auch zum Label L.A.S. (Listining and Sounding). Erst war es ich, dann kam Chris dazu, der mit mir ein Album aufgenommen hat, dann habe ich begonnen, mehr Alben mit anderen Musikern zu produzieren. Grzegorz Lesiak (Gitarre) kam dazu, der zuerst zum Label gehörte. Unsere Philosophie geht um „geht in die Welt mit dem Sound, um Menschen zu verbinden und ein Bewusstsein zu erwecken für bessere Kommunikation zwischen den Menschen“.

Wir benutzen den Sound, unsere Musik, um uns zu verbinden. Erst kam Chris, dann Grzegorz, dann waren wir drei. Aber wir nehmen oft auch einen Künstler von dem Ort, an dem wir auftreten, dazu. An einem Punkt kam Justina dazu. Zuerst brachte sie Zeichnungen und Malereien mit, die mit den philosophischen Aspekten des Labels verbunden waren. Es waren surrealistische Zeichnungen, die die Reise der menschlichen Wesen und die Verbindung der Menschen darstellten. Zuerst waren es ihre Zeichnungen, aber da sie auch Musikerin ist, haben wir sie eingeladen, sich auch über den Klang mit uns zu verbinden.

Wir sind in Europa unterwegs, wir sind jetzt auf Tour. Und wir spielen an Ecken wie hier, bei Clubs und Vereinen und wir laden Leute ein, mitzumachen. Wir kreieren Sounds und Konversation. Es gibt keine Stil-Vorgaben. Mal spielen wir Jazz, mal ist es mehr experimentell. Gestern war es eine offene Improvisation. Und wir produzieren Aufnahmen von den Meetings, eine echte Live-Erfahrung.

Chris Kasprzyk (Saxophon):
Kurz gesagt: Wir sind Musiker, die aus verschiedenen musikalischen Welten kommen, ich komme aus dem Jazz und klassischer Musik, Grzegorz aus Folk und Rock. Wir wollen uns nicht nur auf Jazz beschränken.

Es geht um Musik und Kommunikation, mit Musikern aus verschiedenen Genres. Als wir uns getroffen hatten, war es Piotrs Idee, das Label und die Stiftung zu gründen. Im letzten Jahr waren wir einen ganzen Monat in Europa und in England auf Tour. Wir haben immer Musiker aus der Gegend eingeladen und haben im Sinne des Labels aufgenommen: Live, ohne Nachbearbeitung. Der wichtigste Aspekt für uns ist das Natürliche.

Piotr Damasiewicz:
Keine Postproduktion oder Editing, nur Live-Aufnahmen.

Chris Kasprzyk:
Die Teilnahme des Publikums ist uns sehr wichtig, die Interaktion. Das ist das Herz unserer Botschaft.

Piotr Damasiewicz:
Der visuelle Aspekt ist uns auch sehr wichtig, wir laden Künstler ein, an unserer Musik teilzunehmen, zu malen oder durch Bilder zu kommunizieren. Social Creators gehören da auch dazu. Vor Justina hatten wir einen anderen Künstler im Kollektiv, der mit seiner Kunst zu uns sprach. Wir sind offen, die Rolle der Musik in der heutigen Welt zu diskutieren, in einer Zeit, wo es fast nur darum geht, Produkte zu vermarkten. Es ist wichtig, mit Menschen über die geopolitische Bedeutung von Musik zu sprechen oder den politischen Problemen. Ganz konkret im Zusammenhang mit Kriegen, Terrorattacken und Migration.

Das ist die grundsätzliche Frage, wie Künstler mit der Situation und den Problemen umgehen können, und ob man Musik als wichtigstes Werkzeug verwenden kann, um zu verbinden.

Chris Kasprzyk:
Musik ist verbindet jeden, jeder hat Musik in seinen unterschiedlichen Kulturen.

Piotr Damasiewicz:
Auf Tour durch Europa hatten wir diese Fragen auch an andere kulturelle Verbände oder Stiftungen gestellt. Über den Zustand der Kunst, den Zustand der Musik heutzutage und die Rolle der Musik.

Chris Kasprzyk:
... was nichts neues ist, aber alles wird momentan ein Produkt. Leute wollen nur das, was sie schon erwarten. Nichts unerwartetes mehr. Die Bedeutung von Musik hat aber eine andere Sprache, eine andere Bedeutung. Musik im kommerziellen Radio hat nur den Zweck, etwas zu verkaufen, den Leuten etwas zu geben, das sie schon kennen. Das ist kontraproduktiv zur Evolution. Das sollte unbequem sein, wie experimentelle Musik. Bestimmte Komponisten waren zur Barockzeit unkomfortabel zu hören, aber die Leute lernten, die Musik zu mögen.

Freejazz kann als Sprache auch sehr eingeschränkt sein, es gibt unendliche Wege, eine Melodie zu finden im 12 Ton System. Es gibt noch mehr, es gibt noch viel mehr, weil es kein Ende gibt in der Suche und der Evolution. So  ist es das natürlichste. Kontrollierte Produkte sind am anderen Ende der Skala, das ist Stagnation.

jazz-fun.de:
Wieviel für das Set heute Abend war vorbereitet? Oder war alles aus dem Moment heraus?

Piotr Damasiewicz:
Es war nichts vorbereitet. Diese Musik haben wir im Sugarcandy Studio in Berlin aufgenommen. Das wird auf Vinyl erscheinen und wird an der Jazz Jamboree in Polen vorgestellt. Dieses Konzert war die Vorbereitung, wir versuchen, in einem ähnlichen Zustand zu sein wie bei der Aufnahme.

Chris Kasprzyk:
Im Label gibt es unterschiedlichste Sachen. Wieviele LPs haben wir jetzt veröffentlicht?

Piotr Damasiewicz:
Zehn Vinyls...

Chris Kasprzyk:
… in vier Jahren, und dann noch CDs dazu. Wir spielen auch komponierte Musik. Die hat Formen und die proben wir natürlich auch.

Piotr Damasiewicz:
Aber wir öffnen sie auch wie Jazzkompositionen.

Chris Kasprzyk:
Ja, für Improvisationen oder andere Sounds. Dazu kommen dann vorher komponierte Melodien dazu. Doch was in anderen Bands passiert, ist frei und unvorhersehbar.

Piotr Damasiewicz:
Eine wichtige Information zu unserem Label ist, dass es nicht kommerziell ist, wir haben keine Business-Richtung, es geht um unsere Community. Wir brauchen Aufnahmen, um mit mit unserer Community zu kommunizieren. Wir benutzen sie als Botschaft, nicht als Produkt. Wir arbeiten nicht als professionelles, kommerzielles Label, es ist eine Idee. Wir wollen uns mit Menschen verbinden und die Vinyls sind ein Dokument dieser Treffen. Es geht um uns. Zu Beginn war es mein Label, es ging es um mich, dann kamen Grzegorz und Chris, dann war es unser Kollektiv und unsere Connections.

Chris Kasprzyk:
Jetzt haben wir sehr viele Freunde, die uns auch für Residencies einladen, an ihren Plätzen in den Bergen, das ist toll.

Piotr Damasiewicz:
Du kannst es mit einem Haus vergleichen, wir haben ein kleines Haus gebaut, und jetzt laden wir Leute ein, Zeit mit uns zu verbringen - aber nicht, weil wir Häuser zum Verkauf bauen.

Chris Kasprzyk:
Das ist nicht einfach, wenn du zum Beispiel in Wien lebst und in der Musik arbeitest. Das ist schwer, die Geduld zu haben, dass Leute deine Musik anhören, und nicht schon nach den ersten drei Takten urteilen.

Piotr Damasiewicz:
Es geht darum, eine Association zu kreieren, eher eine kleine Gesellschaft um diese Idee herum zu schaffen, als Musik als Produkt zu verkaufen. Das geht eigentlich wirklich nur mit Musikern, die an der Grenze zu Avantgarde Musik und alternativer Musik und nicht kommerzieller Musik agieren. Wir haben unsere (finanziellen) Mittel, wir können auch mit anderen Verbänden zusammenarbeiten, die ähnliche Ideen oder eine ähnliche Philosophie haben. Die, die ganz tief in die Essenz eintauchen wollen.

Chris Kasprzyk:
Und diese Idee wollen wir verbreiten, indem wir weiter weggehen von Polen.

Piotr Damasiewicz:
Wir treffen uns mit Leuten, wir machen Workshops, wir bringen bei, wie man zuhört, wie man mit der Natur kommuniziert und wie man sich selber zuhört.
Workshops sind ein sehr präzises Programm. Chris und ich sind Pädagogen. Ich habe an Seminaren in Nepal, in Dänemark, in Polen teilgenommen. Ich versuche, die Stimmen der Teilnehmer zu finden. Die Stimmen sind wichtig, es geht nicht darum, jemand anders zu sein. Dann bist du wieder in der Strömung der kommerziellen Produktionen.

L.A.S. Listening and Sounding
L.A.S. Listening and Sounding, Foto: Angela Ballhorn

jazz-fun.de:
Ich mag die Idee hinter L.A.S., auch das Einbeziehen von Musikern vor Ort.

Chris Kasprzyk:
Ich versprechen etwas, das schwieriger zu konsumieren ist, von daher ist es nicht so leicht, es zu verkaufen. Aber wir wollen nicht in einer Blase stecken.

jazz-fun.de:
Eure Musik ist ja auch nicht als Background-Musik zu konsumieren.

Chris Kasprzyk:
Nichts gegen Background-Musik. Es geht um Bewusstsein und Wahrnehmung. Die Punkte waren ja immer schon wichtig, sind heutzutage aber noch schwieriger zu pflegen.
Ich finde es wichtig, Leute zu erziehen, dass sie still sitzen und zuhören, dem Vogelzwitschern zuhören oder eben keinem Geräusch. Das ist schwierig geworden für Leute.

jazz-fun.de:
Was umfasst L.A.S. jetzt ganz genau, es ist ein Label, ein Kollektiv, es sucht den Kontakt mit Musikern vor Ort und gibt Seminare?

Piotr Damasiewicz:
Was wir machen: Ich habe mein eigenes Festival in den Bergen, das sich mit L.A.S verbindet. Ethnojazz und Berge - wir versuchen den Spirit traditioneller Musik und Jazz zu verbinden. Aus den Karpaten mit anderen Teilen der Welt, durch Jazz. Jazz ist eine universelle Sprache, die alle verbindet. Das findet im Herbst statt. Und wir werden in diesem Jahr Teil der Jazz Jamboree sein, wir werden einen Festivaltag bekommen. Dabei sind mein L.A.S Ensemble, einige Musiker werden auch von außerhalb kommen wie zum Beispiel der berühmte Saxophonist Antoine Roney. Ich werde meine Power of the Horse Band zeigen.

Ich denke, dass dürfte für jüngere Generationen interessant sein, da es ist die zweite Generation der Free Jazz Bigbands in Polen ist. Mit Into the Roots verbinde ich verschiedene Kulturen in einer Band, durch Jazz und Improvisation. Das sind meine Projekte der nächsten Zeit.

jazz-fun.de:
Du bist also sehr beschäftigt.

Piotr Damasiewicz:
Sehr. Ich habe ich ein paar Aufnahmen, die ich Dir mitgeben möchte – wir haben auch Cassetten.

jazz-fun.de:
Ich weiss, dass ich einen Kassettenrecorder habe, aber nicht mehr, wo.

Chris Kasprzyk:
Such ihn, Kassetten kommen wieder zurück!

Piotr Damasiewicz:
Ich habe eine interessante Aufnahme mit alter polnischer Lyrik aufgenommen, auf einem alten Klavier aufgenommen. Der Flügel ist über 100 Jahre alt und gehörte früher Artur Rubinstein. Er hat auf diesem Klavier geübt. Die Aufnahme hat Klavier und Trompete samt einer sehr bekannten Schauspielerin und Lyrikerin aus Polen. Es ist auf polnisch, aber es ist analog aufgenommen. Ich denke, du solltest nach deinem Kassettenrecorder suchen, um es anzuhören.

Das ist ähnlich wie mit dem Essen, du kannst überall Essen bekommen, du gehst zu Lidl oder Aldi. Aber wenn du aufs Land gehst und direkt vom Bauern kaufst, schmecken die Kartoffeln ganz anders. CD ist ok, aber...

jazz-fun.de:
Das ist dann die polierte Version

Piotr Damasiewicz:
Ja, es hinterlässt einen ganz anderen Geschmack. Es ist nicht dasselbe. Junge Leute haben vielleicht keinen CD-Spieler, aber die Kassette kommt wieder zurück! Das sollten wir nutzen. Das ist exotisch für sie und deshalb finden sie das spannend. Ich habe Freude beim polnischen Radio. Die fragen, warum ich wieder zum analogen System zurück will, da sie gerade das Gefühl hatten, dem ganzen Analogbänderkram entkommen zu sein. Es war schwer, das Zeug zu schneiden. Am Computer geht es einfacher.

Ich habe ihnen gesagt, dass ihre Perspektive am anderen Ende des Spektrums ist. Natürlich ist es einfacher, digital zu arbeiten, aber der Geschmack ist anders! Das ist wie in synthetisches Zeug beissen, das schmeckt einfach nicht. Wir haben jetzt Kassetten und Vinyl, für Leute die Sushi oder Fish’n’Chips mögen. Verschiedene Leute, verschiedene Geschmäcker. Mit den Kassetten, das ist ein Spiel, das wir mit dem Publikum spielen. Hast du einen Kassettenrecorder, kannst du alles anhören. Wenn du das besondere haben möchtest, musst du Arbeit einstecken.

Chris Kasprzyk:
Heutzutage hast du digital zu allem Zugang und kannst alles abgrasen. Andererseits hast du aber nie die Zeit, alles anzuhören. Das ist wie zu sich überfressen. Auf den Kassetten musst du suchen, zurückspulen. Du musst aktiv sein, nicht nur passiv konsumieren.

Das Gespräch führte Angela Ballhorn
Foto: Angela Ballhorn

www.piotrdamasiewicz.com
www.listeningandsounding.com

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Sylwia Kessels-Mazur |

Ein sehr interessantes Interview. Ich hatte das Vergnügen, schon viele Konzerte von L.A.S. als Zuhörer zu besuchen. Es ist ein wirklich fesselndes Projekt, das viele Musikgenres vereint, von Folk und Free Jazz bis hin zu experimenteller Musik auf höchstem Niveau. Ich kann es wärmstens empfehlen. Die Alben sind hervorragend produziert, das Konzept ist interessant, und obwohl ich polierte Studioaufnahmen bevorzuge, fesseln mich die Live-Aufnahmen mit ihrer lebendigen und authentischen Botschaft.

Bitte rechnen Sie 2 plus 8.