Rahel Talts im Interview – Back and Forth | Zeitgenössischer Jazz zwischen Erinnerung und Zukunft

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Rahel Talts

Mit "Back and Forth" hat die estnische Pianistin und Komponistin Rahel Talts ein Album vorgelegt, das von Bewegung, Übergängen und innerer Offenheit geprägt ist. Die Musik entstand in einer Phase persönlicher Veränderung – zwischen Abschied und Neubeginn, zwischen Dänemark und Litauen, zwischen Erinnerung und Zukunftsentwurf.

Talts verbindet klare kompositorische Konzepte mit organischer Improvisation und einer atmenden Ensemblekultur. Ihr Quartett – erweitert um den britischen Gitarristen Rob Luft – bewegt sich souverän zwischen traditioneller Jazzästhetik, nordischen Klangfarben und Einflüssen baltischer Folklore.

Im Gespräch spricht Rahel Talts über künstlerische Reife, das Loslassen von Kontrolle, die Bedeutung von Emotion im Spiel – und darüber, warum Musik für sie wie eine persönliche Zeitlinie funktioniert.

jazz-fun.de:
Rahel, „Back and Forth“ wirkt sehr lebendig und offen – fast wie Musik in ständiger Bewegung. In welcher Phase deines Lebens und deiner künstlerischen Entwicklung ist dieses Album entstanden?

Rahel Talts:
Vielen Dank – das freut mich sehr zu hören! Die Musik auf diesem Album ist über etwa zwei Jahre hinweg entstanden, vor allem in der Zeit meines Umzugs von Dänemark nach Litauen. Einige Stücke oder Ideen sind noch in Dänemark entstanden, andere bereits in Litauen.

Es war eine Phase des Übergangs: Ich habe ein sehr schönes Kapitel meines Lebens hinter mir gelassen – über fünf Jahre in Dänemark – und gleichzeitig ein neues begonnen. Dieses Gefühl von bittersüßer Nostalgie, Aufregung und auch ein wenig Angst vor dem Neuen hat die Musik stark geprägt.

Ich bin grundsätzlich ein anpassungsfähiger und abenteuerlustiger Mensch, daher überwiegt bei solchen Veränderungen meist die Neugier. Dennoch gehörte auch die Traurigkeit über das Zurücklassen vertrauter Zeiten dazu – ebenso wie die Unsicherheit gegenüber dem Unbekannten.

jazz-fun.de:
Der Titel „Back and Forth“ deutet Bewegung an – zwischen Orten, Erinnerungen und Zukunftsbildern. Was bedeutet er für dich persönlich?

Rahel Talts:
Für mich steht er für Vergangenheit und Zukunft. „Going Back“ bedeutet, sich an schöne Zeiten, Menschen und Orte zu erinnern. Das bringt Wärme, Dankbarkeit und manchmal auch eine gewisse Wehmut mit sich.

„And Forth“ steht für das Träumen von der Zukunft – für Möglichkeiten, neue Projekte, Ziele und Visionen. Diese Gedanken inspirieren und motivieren mich sehr.

Auf dem Album gibt es auch zwei Stücke – „Going Back“ und „And Forth“ –, die thematisch direkt darauf Bezug nehmen.

jazz-fun.de:
Deine Musik wirkt frei, aber nie zufällig. Wie findest du die Balance zwischen klarer Komposition und improvisatorischem Raum?

Rahel Talts:
Wenn ich Musik schreibe und mit in die Probe bringe, habe ich meist sehr konkrete Vorstellungen vom Klangbild. Natürlich kann man nicht erwarten, dass alles exakt so umgesetzt wird, wie man es im Kopf hört – und das ist auch gut so.

Es ist wunderschön, wenn die Band eigene Ideen einbringt. Ehrlich gesagt fiel es mir anfangs nicht leicht, Kontrolle abzugeben. Doch je mehr Freiheit ich zugelassen habe, desto organischer klang die Musik.

Heute bringe ich weiterhin klar ausgearbeitete Kompositionen mit, gebe aber viel mehr Raum für individuelle Gestaltung. Ich möchte, dass jede und jeder im Ensemble glänzen kann – das Publikum soll hören, wie großartig diese Musiker sind.

jazz-fun.de:
Dein Klavierspiel verbindet jugendliche Offenheit mit künstlerischer Reife. Ist das bewusst oder einfach deine natürliche Stimme?

Rahel Talts:
Was für ein schönes Kompliment – danke!

Früher lag mein Fokus stark darauf, eine technisch versierte Pianistin zu werden. Während meines Studiums habe ich viel geübt. Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, dass eine eigene Klangsprache und Individualität noch wichtiger sind.

Technik allein reicht nicht – es geht darum, eine eigene Stimme zu entwickeln. Gleichzeitig finde ich, dass man sein Instrument beherrschen sollte. Beides gehört für mich zusammen.

Auf der Bühne denke ich nicht zu viel nach. Ich versuche, dem Moment zu folgen und zu spielen, was die Musik verlangt – nicht, um zu beeindrucken, sondern um ihr zu dienen.

jazz-fun.de:
Die Band ist außergewöhnlich stark und international besetzt. Was war dir bei der Auswahl wichtig?

Rahel Talts:
Mit meinem Quartett – Jesper Lørup (Drums), Mariusz Praśniewski (Bass) und Donatas Petreikis (Saxophon) – spiele ich seit fast sechs Jahren zusammen. Sie sind nicht nur fantastische Musiker, sondern auch enge Freunde.

Als besonderer Gast kam Rob Luft hinzu. Wir haben uns 2024 beim Jazzkaar Winter Jazz Festival in Tallinn kennengelernt. Die Zusammenarbeit fühlte sich sofort organisch an – musikalisch wie menschlich. Seine Gitarre bringt eine neue Klangdimension ins Ensemble.

jazz-fun.de:
Wie hat Rob Luft den Sound verändert?

Rahel Talts:
Er hat der Musik zusätzliche Kraft und Schönheit verliehen. Ich liebe den Klang der Gitarre – vielleicht auch, weil mein Vater Gitarrist ist.

Natürlich bedeutet ein zweites Harmonieinstrument weniger Raum – aber ich empfinde das als Bereicherung. Es entstehen neue Klanglandschaften und Möglichkeiten.

jazz-fun.de:
Denkst du beim Spielen eher in Geschichten oder in Emotionen?

Rahel Talts:
In Emotionen. Ich versuche, ganz im Moment zu sein, die Musik körperlich zu spüren. Es ist ein wunderbares Gefühl, vollständig im Klang aufzugehen.

Rahel Talts Band - Foto
Rahel Talts Band - „Back and Forth“

jazz-fun.de:
Wie wichtig ist diese atmende Interaktion im zeitgenössischen Jazz?

Rahel Talts:
Sie ist essenziell. Musik muss fließen und leben. Wenn man das Gefühl hat, auf der Bühne ein Gespräch zu führen – wenn alle zuhören, reagieren und einander unterstützen – entstehen magische Momente. Das gehört für mich zu den schönsten Erfahrungen.

jazz-fun.de:
Wie stark fließen biografische Erfahrungen in deine Musik ein?

Rahel Talts:
Sehr direkt. Meine Musik ist wie eine Zeitlinie meines Lebens. Wenn ich ältere Stücke höre, erinnere ich mich sofort daran, wo ich damals stand und wie ich mich fühlte.

Ich hoffe, dass Hörerinnen und Hörer ebenfalls eigene Emotionen oder Erinnerungen darin entdecken.

jazz-fun.de:
Gibt es musikalische Grenzen, die du dir bewusst setzt?

Rahel Talts:
Eigentlich nicht. Wir haben als eher traditionell geprägte Jazzband begonnen, sind später melodischer geworden, haben Einflüsse aus nordischem Jazz und baltischer Folklore aufgenommen.

Besonders die Bearbeitung baltischer Volksmelodien interessiert mich derzeit sehr. Unser Stil lässt sich schwer definieren – das überlasse ich gerne dem Publikum.

jazz-fun.de:
Was wünschst du dir, dass Hörer:innen nach dem letzten Ton von „Back and Forth“ empfinden?

Rahel Talts:
Ich wünsche mir, dass die Musik etwas auslöst – irgendeine Emotion. Vielleicht hebt sie die Stimmung oder berührt jemanden tief.

Die schönsten Momente nach Konzerten sind jene, in denen jemand sagt, dass ihn die Musik zu Tränen gerührt hat. Wenn ich auch nur einer Person den Abend verschönern kann, hat sich alles gelohnt.

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Jacek Brun
Foto: Rahel Talts

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