Im Studio wie im Leben: Yvonne Moriel sucht den Moment – und findet eine eigene Stimme
Klang, Groove und kollektive Energie: Yvonne Moriel spricht über „SWEETLIFE III“, kreative Führung, Studioarbeit als Prozess und die Suche nach einer eigenen Stimme zwischen Struktur und Improvisation.
Yvonne Moriel - Saxophone, Flute
Lorenz Widauer - Trumpet
Stephanie Weninger - Moog & Keys
Raphael Vorraber - Drums
Guests:
Vincent Pongrácz - Bass Clariner
Tobias Meissl - Vibraphone
jazz-fun.de:
Yvonne, „SWEETLIFE III“ wirkt wie ein in sich geschlossenes Statement – nichts scheint zufällig. Mit welchem inneren Anspruch bist du an dieses Album herangegangen?
Yvonne Moriel:
Der Prozess hatte eigentlich schon sehr viel Freiheit. Ziel war grundsätzlich, mit dem bereits vorhandenen Sound des Projekts zu arbeiten und dabei aber neue Schritte zu machen, insgesamt das Projekt durch die Album-Arbeit nach vorne zu bringen, mit einer gewissen Freiheit, was das Produkt betrifft. Der Prozess an sich war mir sehr wichtig, ich habe viel Arbeitszugänge ausprobiert und viele neue Erkenntnisse gewonnen. Generell hatte ich schon einen ungefähren Leitfaden und habe im Gesamtprodukt Album gedacht. Aber ich wollte eben, dass wir auch als Band viel ausprobieren und deshalb haben wir auch ziemlich viel Zeit im Studio verbracht und gearbeitet, gejammt, verschiedene Ideen verfolgt.
jazz-fun.de:
Das Album ist über ein Jahr hinweg in gemeinsamen Sessions entstanden. Wie wichtig war dir dieser prozessorientierte, kollektive Arbeitsansatz?
Yvonne Moriel:
Dieser Ansatz war mir hier sehr wichtig, da ich die Albumarbeit eben als super Gelegenheit empfand um einfach insgesamt an dem Projekt zu arbeiten, den gemeinsamen Sound zu schärfen und eben nicht nur das Album selbst als Ziel zu sehen.
jazz-fun.de:
Du agierst sehr klar als Leaderin, lässt den Mitmusiker:innen aber spürbar viel Raum. Wie definierst du Führung in einem kreativen Kollektiv?
Yvonne Moriel:
Eine grundsätzliche Vision zu haben und diese weiterzuentwickeln ist eine der wichtigsten Aufgaben denke ich. Experimente anstoßen, Dinge zu hinterfragen, erkennen was jetzt gerade wichtig ist. Führung ist immer eine Herausforderung und immer unterschiedlich, also je nach Projekt und nach Situation. Man muss immer das große Ganze im Kopf haben und hat im Endeffekt dann halt auch die Entscheidungen zu fällen. Prozesse leiten, Ergebnisse kritisch betrachten, viel reflektieren. Ich stelle mir dabei verschiedenste Fragen: Was sind die Stärken in diesem Projekt, wo soll es hingehen, was kann man ausprobieren?
Manchmal hat man eine klare Vision und Richtung wo man hin will, was trotzdem auch viel kreativen Schaffungsraum für alle Beteiligten geben kann, weil eine Vision und eine klare Richtung ja nicht einschränkend sein müssen, sondern auch eine super Inspiration sein können. Und manchmal finde ich’s aber auch total spannend, nur so ein paar Ideen und Bread Crumbs in die Mitte zu werfen und alle einfach mal machen zu lassen, was sie nach diesem Input spüren.
Leitung/Führung ist etwas sehr Diffiziles, das glaub ich von außen oft sehr unterschätzt wird – oft hört man eher auf Leute die einfach selbstbewusst und laut reden, was aber gar nichts bedeuten muss. Führungsqualitäten sind oft nicht laut oder offensichtlich und können auch im stillen Detail liegen. Ich lerne hier stetig dazu, einerseits durch den Prozess selber aber auch viel von anderen Menschen und durch Beobachtung, oft genug stehe ich ja auch auf der anderen Seite.
jazz-fun.de:
Besonders auffällig ist der bewusste Verzicht auf einen Bass. Was hat dich zu dieser Entscheidung geführt – und wie hat sie den Klang des Quartetts verändert?
Yvonne Moriel:
Naja es ist ja kein Verzicht auf einen Bass, sondern die Verbindung der Position Bass und Keys in einer Person. Eigentlich ist in diesem Projekt der Fokus sogar sehr auf dem Bass, die Wahl des Synthbass war sehr bewusst und prägt den Sound sehr. Ich wollte den Stamm des Liveprojektes ganz nah und quasi in drei Personen haben, wir haben mit Drums, Keys & Moog und Saxophon begonnen. Die wichtigsten Elemente des Projekts sind für mich auch Bass, Groove und Melodie.
jazz-fun.de:
Deine Musik bewegt sich zwischen Groove, texturalen Räumen und offener Improvisation. Wie findest du die Balance zwischen Struktur und Offenheit?
Yvonne Moriel:
Ich finde es spannend, diese Räume auszutesten – hier liegt für mich sehr viel Potential, also wenn man komplette Freiheit und Erfassen bzw. Ausdruck des Moments mit sehr detaillierter Arbeit mischt. Bei sweetlife gibt es manchmal nur sehr grobe Richtlinien und der Rest passiert einfach, und manche Teile sind aber wirklich sehr ausgecheckt. Wir arbeiten wie gesagt viel im Studio bzw. Proberaum und das hat auch zufolge, dass man dann eben auch die Zeit hat, an Arrangements so intensiv zu arbeiten und verschiedene Ideen und Zugänge auszuprobieren und herumzutüfteln. Wir reißen auch immer wieder Arrangements von schon bestehenden Tunes wieder auf.
jazz-fun.de:
In eurer Musik schwingen viele Haltungen und Einflüsse mit – von Ornette Coleman bis Radiohead, von Dub bis zeitgenössischem Jazz. Wie bewusst arbeitest du mit solchen Referenzen?
Yvonne Moriel:
Also teilweise bewusst, z.B. im Sound-Bereich. Das ist ein wichtiger Faktor im Projekt über den wir viel sprechen, und Lukas Klement, der das Projekt von Anfang an produziert bzw. aufnimmt ist auch sehr eingebunden in den ganzen Prozess. Hier finden wir sehr viel Inspiration in Zugängen wie eben den alten Blue-Note-Aufnahmen, oder eben auch Nirvanas In Utero, Radiohead etc – das sind zum Teil eben mehr Haltungen und Zugänge als ein direkter stilistischer Einfluss auf die Musik. Wir versuchen generell, den Moment, das Raue und Spontane auf eine Art und Weise in der Musik einzufangen, da das einen großen Reiz ausmacht für mich im Jazz – und das probieren wir eben auch in der Art wie wir den Sound gestalten und wie wir aufnehmen.
Gewisse Einflüsse passieren aber auch ganz spontan und unbewusst – Künstler*innen die mich geprägt haben und prägen tauchen dann oft auch unbewusst in aus Arbeit auf, das kann aus jeder Kunstrichtung kommen. Jeder*r Beteiligte bringt seine jeweiligen Einflüsse mit rein, und daraus entsteht dann was Eigenes.
Aber es ist für mich immer das Ziel, eine eigene Stimme zu entwickeln, Inspiration zu nehmen aber selber zu denken und weiterentwickeln sozusagen.
jazz-fun.de:
„SWEETLIFE III“ klingt sehr körperlich und präsent, fast wie eine Live-Situation. Welche Rolle spielt für dich die Energie des Moments im Studio?
Yvonne Moriel:
Wie gesagt ist es mir extrem wichtig, diesen Spirit, diesen „im Moment sein“, „Entscheidungen einfach so treffen wie man sie gerade fühlt“ -Geist einzufangen. Das macht Jazz aus, um das geht’s mir – das ist eigentlich das was ich erreichen will, wenn ich im Studio arbeite. Ich habe das auch immer sehr faszinierend gefunden an den alten Blue Note-Aufnahmen, wo das sehr spürbar ist. Die sind ja teilweise mit den Artists nach den Konzerten direkt ins Studio marschiert, um eben genau diese Stimmung einzufangen, dieses „im Moment sein“, das man im Jazz bei Live-Konzerten findet. Und das ist es auch, was ich auf eine Platte bringen möchte, was natürlich eine große Kunst ist nach der man irgendwie stetig strebt.
jazz-fun.de:
Du bist nicht nur Saxophonistin, sondern auch Improvisatorin mit starkem kompositorischem Zugriff. Wo beginnt für dich ein Stück – im Klang, im Rhythmus oder in einer Idee?
Yvonne Moriel:
Ganz grundsätzlich habe ich immer unterschiedliche Zugänge zum Schreiben und meine Stücke beginnen oft in ganz unterschiedlichen Elementen, ein Melodiefragment, ein Vibe, ein Groove, eine Akkordprogression… komplett verschieden. Aber Sound ist im Allgemeinen ist sehr sehr wichtig für mich, löst viel Inspiration aus – sowohl was Improvisation als auch Komposition betrifft.
jazz-fun.de:
Die Gäste auf dem Album – Bassklarinette und Vibraphon – setzen gezielte Akzente. Wie entscheidest du, wann eine zusätzliche Stimme nötig ist?
Yvonne Moriel:
Das ist verschieden. Bei Dom hatte ich von Anfang an die Klangfarbe Vibraphon als sehr passend für die Komposition im Kopf, schon beim Schreiben. Und das war generell eine Klangfarbe die ich als spannende Ergänzung für das Projekt empfand, Tobias Meissl hat auch schon öfters bei uns mitgespielt. Oft habe ich auch direkt nicht nur das Instrument sondern auch bestimmte Artists und ihren Spielstil im Kopf, z.B. auch bei Vincent Pongrácz – bei dem Track Wood habe ich mir plötzlich gedacht, dass ich den Bassklarinetten-Sound höre und auch sein spezifischen Zugang zu Solieren die perfekte Ergänzung für den Tune ist.
jazz-fun.de:
Deine Musik wirkt zugleich entschieden und offen, mutig und reflektiert. Ist diese Haltung auch ein Spiegel deiner eigenen künstlerischen Entwicklung?
Yvonne Moriel:
Das freut mich zu hören. Ich versuche meiner künstlerische Entwicklung freien Lauf zu lassen und mich von meinem Umfeld inspirieren aber nicht lenken zu lassen. Bei mir passiert eh alles nicht so linear und auf typischen Wegen im Leben, das macht manchmal Dinge sicher komplizierter, aber gleichzeitig schöpfe ich auch genau daraus. Ich probiere einfach zu erfassen und auszudrücken, was ich fühle und gerade machen möchte und mir die künstlerische Freiheit zu geben, einfach verschiedenste Dinge auszuprobieren und danach vielleicht zu sagen okay da möchte ich weitergehen und da nicht.
Wichtig war mir dabei nur schon immer, was Eigenständiges zu machen. Danach suche ich. Ich probiere, eine gewisse Neugierde und Offenheit zu bewahren, zu riskieren und experimentieren, auf meine spontanen Emotionen und Gefühle einzugehen und das Ganze eigentlich nicht zu sehr zu beurteilen oder hinterfragen.
jazz-fun.de:
Du wirst oft als eine der spannendsten Stimmen der jungen österreichischen Jazzszene bezeichnet. Wie nimmst du selbst deine Position innerhalb dieser Szene wahr?
Yvonne Moriel:
Darüber denke ich ehrlich gesagt eigentlich gar nicht so nach. Ich finde, dass es ganz viele sehr sehr spannende Artists gibt in Österreich und freue mich, dass ich inzwischen mit so vielen tollen Menschen zusammenarbeiten kann. Ich versuche generell, verschiedene Zugänge kennen zu lernen und hier ganz offen zu bleiben und eben nicht nur in einem bestimmten Umfeld zu sein, und auch mich selber nicht zu ernst zu nehmen oder zu sehr etwas entsprechen zu wollen. Es ist wirklich erstaunlich, was man in den verschiedensten Szenen und Bubbles lernen kann und was es für verschiedene Wahrnehmungen gibt. Das finde ich spannend und es freut mich, wenn das auch von außen als spannend wahrgenommen wird.
jazz-fun.de:
Wenn du dir wünschst, dass Hörer:innen „SWEETLIFE III“ mit einem Gedanken oder Gefühl verlassen: welches wäre das?
Yvonne Moriel:
Ich glaub ich fände es cool, wenn man das Album hört und dann inspiriert daraus hervorgeht. Ich liebe das, wenn ich was höre und danach das Gefühl habe, dass ich jetzt selber was schaffen oder machen oder sonst was tun will. Ich möchte eigentlich vor allem, dass die Musik einen irgendwie greift und dazu bringt, dass man sich einfach darauf einlässt und sich im besten Falle sogar anfängt mit etwas zu beschäftigen, was man sonst vielleicht nicht getan hätte.
jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.
Das neue Album
Sweetlife Quartet - sweet life III
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