Janning Trumann 4 - Roots & Riots

Janning Trumann 4 - Roots & Riots

Janning Trumann 4
Roots & Riots

Erscheinungstermin: 28.01.2022
Label: Tangible Music, 2021

Janning Trumann 4 - Roots & Riots - bei bandcamp kaufen

Janning Trumann - trb, effects, comp.
Lucas Leidinger - p/synth
Florian Herzog - b
Thomas Sauerborn - dr

Musik, die nach innen geht, statt bestaunt auf der Oberfläche zu verdampfen, ein Sound, der gehört werden muss, weil er gehört werden will, der aufhorchen lässt, weil er das Ergebnis einer langen und intensiven Einlassung aufs Wesentliche ist.

Der Ton macht die Musik. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Posaunist Janning Trumann, Pianist Lucas Leidinger, Bassist Florian Herzog und Drummer Thomas Sauerborn spielen als Janning Trumann 4 bereits seit sechs Jahren zusammen. Gemeinsam haben sie sich den guten Ton auf die Fahnen geschrieben. Ihr Sound lässt aufhorchen, weil er das Ergebnis einer langen und intensiven Einlassung aufs Wesentliche ist.

Bislang arbeitete die Janning Trumann 4 rein akustisch. Auf ihrem neuen Album „Roots & Riots“ wird der Sound des Quartetts nun teilweise durch E-Bass, Synthesizer und einige Effekte auf der Posaune elektrifiziert. Entsprechend umfangreicher wird nicht nur die Klangpalette der Gruppe, sondern auch ihr Ausdrucksspektrum. Jedes Stück geht in eine andere Richtung. Geplant war das so keineswegs. Die Vielfalt der musikalischen Farbmuster ergibt sich aber nicht allein aus den zusätzlichen Instrumenten, sondern viel mehr aus der Arbeit des letzten Jahres. „Wir haben uns vorgenommen, das Material ein wenig zu reduzieren“, erinnert sich der Posaunist. „Das komponierte Material ist weniger geworden, dafür erhöht sich von Stück zu Stück der Unterschied der Farben und Strukturen. Ich lasse uns die größtmöglichen Freiheiten, um jeweils ausdrücken zu können, was uns wichtig ist.“

Bei der Wahrnehmung von Jazz geht es ja meist um die Gemengelage von Komposition und Improvisation, der Sound bleibt dabei allzu oft auf der Strecke. Trumann hingegen betont, er habe mit seinen Kollegen noch nie zuvor so viel über Klang geredet wie im Vorfeld dieser Produktion. Das Timbre hat die Kompositionen stärker beeinflusst als umgekehrt. Die Posaune ist der menschlichen Stimme grundsätzlich so ähnlich, dass der Posaunist im besten Fall wie der Sänger einer Band wirkt. Trumann weiß diesen überaus menschlichen Faktor seines Horns genauso wirkungsvoll einzusetzen wie seine Effekte.

Nun liegt das lustvolle Spiel mit Klangmodulationen bereits in der DNS des umtriebigen Kölners. Man braucht nur in den Opener „Ryze“ reinzuhören, um der schier endlosen Variationsmöglichkeiten gewahr zu werden, die Trumann selbst ohne Effekte auf dem emotionalen Tableau seines Instruments findet. Als würde er die Töne auf eine Leinwand auftragen, entscheidet er sich je nach Bedarf für den filigranen Fineliner, den Aquarellpinsel oder den Spachtel. Um an diesen Punkt zu gelangen, war bei aller Routine viel Selbstreflexion notwendig, wie Bandleader erzählt. „Ich musste mir natürlich selbst erst einmal intensiv die Frage stellen: Wie klinge ich? Was macht mein Spiel auf der Posaune aus? Dabei kam uns natürlich der Umstand zugute, dass wir diese Musik über zwei Lockdowns erprobt haben. Wir trafen uns tatsächlich jeden Dienstag zu einer Probe, was für eine Band wie uns unter normalen Umständen unvorstellbar wäre. Wir hatten viel mehr Zeit, über emotionale Dinge zu reden. Das wirkte sich mit Sicherheit auf die Musik aus. Ich hatte einerseits viel mehr Druck als sonst, weil jeden Dienstag eine neue Probe anstand, aber gleichzeitig selten so viel Zeit, über meine Musik nachzudenken.“

Im Jazz geht es ja meist um Spontaneität und das Spiel mit dem Augenblick, Sorgfalt ist da eher ein zu vernachlässigender Parameter. Doch die Kette von Lockdowns hat einen anderen Umgang mit Zeit und damit mehr Sorgfalt in den Jazz gebracht. Die Gewissenhaftigkeit, mit der Janning Trumann die Konstellationen von Klängen, Strukturen, Stimmen, Persönlichkeiten und Befindlichkeiten in seiner Musik in Einklang bringt, beschreibt einen ganz neuen Trend, der für den Jazz der 2020er Jahre prägend werden könnte. Die Musik findet neue Filter und bahnt sich unerschlossene Wege. So unterschiedlich Trumann und seine Mitstreiter sich aber in jedem Stück positionieren, gibt es doch nicht den charakteristischen Fingerabdruck, von dem alle Stücke abgeleitet werden, sondern in jedem Song manifestiert sich die Band komplett als sie selbst. Im jeweils nächsten Track wird dieses Selbstverständnis wieder neu ausgehandelt, was dem Hören ein Höchstmaß an Spannung verleiht.

Die verbindenden Momente der Stücke sind bei aller Diversität eine Nähe und Intimität, der man sich keineswegs entziehen kann. „Roots & Riots“ ist kein Album zum Nebenbeihören, es fordert den Hörer immer und in jedem Augenblick heraus. Von der Vehemenz des fließenden Augenblicks kann man sich im positivsten Sinne des Wortes umzingelt fühlen. „Ich hatte schon immer eine Tendenz zu eindringlicher Musik“, bestätigt der Posaunist. „Ich kann mich mit der Posaune nicht gemütlich nach hinten lehnen und die Dinge geschehen lassen, sondern habe manchmal den Eindruck, ich bin vorn auf der Stuhlkante und forciere mein Spiel. Mittlerweile versuche ich nicht nur Platz zu nehmen, sondern auch Platz zu geben. Wenn die Anderen dann mit nach vorn kommen und den Hörer umringen, ist das zwar nicht kalkuliert, aber für uns unterbewusst auch eine Form von Ankunft.“

All diese Prozesse sind neu für Janning Trumann und sein Quartett. Sie wissen genau, woher sie kommen, bringen ihr Gepäck mit und rebellieren … in jedem Stück vor allem gegen sich selbst. Trumann beschreibt seine Musik unumwunden als Kampf gegen die eigenen Barrieren. Sich am Anfang die Zweifel am eigenen Tun einzugestehen und sie damit zu besiegen, sich gegen Ende des Prozesses aber mit dem Resultat der geleisteten Arbeit zufriedenzugeben, sind die Pfeiler, zwischen denen die Songs von „Roots & Riots“ letztlich aufgehängt sind.

In Zeiten der Ohnmacht gilt es, Entscheidungen zu treffen. Die Janning Trumann 4 entscheidet sich auf „Roots & Riots“ für mehr Menschlichkeit auf Kosten technischer Hyperpräzision. Musik, die nach innen geht, statt bestaunt auf der Oberfläche zu verdampfen, ein Sound, der gehört werden muss, weil er gehört werden will.

Text: Tangible Music

jazz-fun.de meint:
Ein Album, das man in einem Atemzug anhört. Trotz des Einsatzes von Elektronik, die dem Ganzen mehr Würze und Tiefe verleiht, klingt das Ganze durch und durch akustisch.

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