Rezension des Albums "Shards" von Jason Moran, BlankFor.ms & Marcus Gilmore
Jason Moran, BlankFor.ms & Marcus Gilmore
Shards
Erscheinungstermin: 08.05.2026
Label: Red Hook Records, 2026
Wie ein Spiegel aus Klangsplittern – Musik im Zustand permanenter Verwandlung
Was passiert, wenn Musik nicht nur im Moment entsteht, sondern sich gleichzeitig selbst zerlegt, spiegelt und neu zusammensetzt? Genau dieser Frage widmen sich Jason Moran, Marcus Gilmore und der Klangkünstler BlankFor.ms auf ihrem außergewöhnlichen Album Shards.
Schon der Titel – „Scherben“ oder „Fragmente“ – beschreibt präzise, worum es hier geht. Während Moran am Klavier und Gilmore am Schlagzeug improvisieren, zerlegt BlankFor.ms die entstehenden Klänge in Echtzeit: Er verlangsamt, beschleunigt, granuliert, verzerrt oder spiegelt kleinste Klangpartikel und sendet sie unmittelbar an seine Mitmusiker zurück. Die Musik hört gewissermaßen sich selbst beim Entstehen zu.
Dabei entsteht ein faszinierendes Wechselspiel zwischen akustischer Improvisation und elektronischer Transformation. Was eben noch eine klare rhythmische Bewegung war, erscheint plötzlich als Echo, Schatten oder verfremdetes Fragment wieder. Vergangenheit und Gegenwart scheinen sich permanent zu überlagern.
Besonders beeindruckend bleibt die klangliche Vieldeutigkeit dieses Albums. BlankFor.ms bewegt sich souverän zwischen abstrakten, beinahe rauen elektronischen Strukturen und überraschend warmen, atmosphärischen Klanglandschaften. Jason Moran wiederum zeigt einmal mehr seine enorme stilistische Offenheit – mal lyrisch und beinahe poetisch, dann wieder kantig, roh und rhythmisch scharf akzentuiert. Marcus Gilmore hält dieses fragile System nicht einfach zusammen, sondern treibt es immer wieder voran – zwischen abstrakter Klangforschung und packenden Grooves.
Shards funktioniert dabei nicht als Sammlung einzelner Stücke im klassischen Sinn, sondern eher wie ein lebender Prozess. Man hört förmlich, wie sich Klang festsetzt, zerfällt und neu zusammensetzt. Jede musikalische Geste hinterlässt Spuren, die sich transformieren und in neuer Form zurückkehren.
Gerade darin liegt die besondere Faszination dieses Albums: Es vermittelt das Gefühl, einer permanenten Rekonstruktion von Zeit zuzuhören. Musik wird hier nicht präsentiert – sie wird sichtbar gemacht in ihrem Werden, Vergehen und Wiederauftauchen.
Shards ist kein leicht konsumierbares Album und sicher keine Musik für nebenbei. Es verlangt Aufmerksamkeit und Offenheit. Wer sich jedoch darauf einlässt, entdeckt ein faszinierendes Werk voller Tiefe, Intelligenz und klanglicher Abenteuerlust.
Ein mutiges, visionäres Album – irgendwo zwischen Improvisation, elektronischer Kunst und musikalischer Philosophie.
(Jacek Brun, 24.05.2026)
Besetzung
Blankfor.ms (Tyler Gilmore) - Electronics, tape loops, processing
Jason Moran - Piano
Marcus Gilmore - Drums
Titelliste
- Shard I
- Tape Loop A Echo
- Shard II
- Shard III
- Barbershop
- And The Pieces Are Falling
- Shard IV
- Shard V
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