Jazz à Liège - Lüttich

Snarky Puppy, Foto: Charlotte Bonfré

Vier Tage mit Konzerten in den schönsten Sälen von Lüttich – so wirbt Jazz à Liége vorne auf dem Cover des gedruckten Festival-Programmheftes. Und wenn man dann gleich am ersten Abend im Trocadéro landet, diesem wunderschönen, über 100 Jahre alten Cabaret-Theater im Herzen der Lütticher Altstadt, das sich beim Konzert mit dem Trio des Lütticher Pianisten Johan Dupont bis auf den letzten Platz gefüllt zeigt, dann glaubt man das mit den schönen Konzertsälen sofort. Und erfreut sich an so einem Ort an den schönen und reichhaltigen, auch mal Richtung Latin blickenden  Jazzmelodien, die das Trio mit viel Leidenschaft spielt.

Auch das Forum in der Nähe der Kathedrale, im Herzen von Downtown Lüttich, ist ein alter, geschichtsträchtiger, über 100 Jahre alter Spielort. Schon deshalb ist ein Besuch dieses wunderschönen, großen Art Déco-Theater schon irgendwie Pflicht. Zwei Konzerte fanden im Rahmen des Festivals dort statt, das erste mit Snarky Puppy, das so angesagte, grammydekorierte vielköpfige US-Musikerkollektiv um Bassist und Gründer Michael League. Und da sitzt man nun komfortabel auf weichen Stühlen in einer der seitlichen Logen im zweiten Stock und lauscht den groovigen, kopfnickertauglichen, teils funkigen, fusionjazzigen Songs und fragt sich nach 20 Minuten was in aller Welt an dieser Truppe so besonders sein soll. Also raus aus dem Forum und ab zum Reflektor, einem coolen, schmalen Club mit Stehkonzerten, wo gerade der junge Trompeter Ife Ogunjobi spielt. Der gebürtige Londoner, Sohn nigerianischer Eltern und Bandmitglied beim Ezra Collective, kann mit eigener Band und seinen Verschmelzungen von Afrobeat mit hippem Jazz durchaus punkten. Noch überzeugender präsentieren sich an gleicher Stelle einen Tag später der Flötist und Saxofonist Ed Cawthorne aka Tenderlonious und sein vorzügliches Trio mit intensiver, packender Musik, die im spirituellen Jazz der 1960er und 1970er verwurzelt sich aber in Lüttich auch mal Inspiration vom Raga holt.

Erstmals Spielort beim Festival sind das Hôtel de Clercx und der sich darin befindliche Saal Regina Club. Das ehemalige Hotel aus dem 18. Jahrhundert bietet DJ Sets und Konzerte mit jungen, frischen Künstlern, und das alles bei freiem Eintritt. So ließ sich gratis der französische, in Genf lebende Saxofonist Léon Phal im Quintett mit seinem groovig-hippen, clubtauglichen Jazz erleben. Und der in London beheimatete, israelische Keyboarder Yoni Mayraz präsentiert ebenfalls in einem Gratiskonzert mit seiner Band absolute coole Jazzklänge. Mal spielt er dabei akustisches Klavier, dann auf dem Moog Synthesizer, aber immer eine moderne, groovende, treibende Musik.

Zu einem absoluten Highlight der 33. Ausgabe von Jazz à Liège wird der Auftritt vom Daniel García Trio. Der spanische Pianist und seine beiden kubanischen Mitstreiter Michael Olivera am Schlagzeug und Reinier Elizarde „El Negrón“ am Kontrabass spielen dramaturgisch ausgefeilte Songs, die sich langsam entwickeln dürfen. Songs mit singbaren Melodien, aber komplexen Rhythmen, die Jazz mit Flamenco verknüpfen, aber auch die Tradition der Folkloremusik der Heimatstadt Garcías, Salamanca, nicht vergessen. Aus all diesen Zutaten entstehen  Stücke mit wahrer Sogwirkung. Mit tänzelnden Rhythmen und Melodien, einem genialen Zusammenspiel von Klavier und Schlagzeug, und dem auch optisch in der Mitte der beiden Kollegen platzierten Kontrabass, der die sprudelnden Ideen von García und Olivera mit seinem sonoren Spiel perfekt miteinander verbindet.

Jazz à Liège begeistert mit seiner Bandbreite. Und stellt mit dem in Brüssel lebenden, Tunesier Wajdi Riahi und seinem Trio einen spannenden Pianisten vor, der in Belgien gerade ziemlich angesagt ist mit seinem ganz persönlich klingenden Spiel, das sich aus seinem tunesischen Erbe speist. Und Lüttich präsentiert in diesem Jahr mit Maїna aus dem Senegal und der in Brüssel lebenden Adja zwei junge, hörenswerte Sängerinnen, deren musikalische Wurzeln nicht einmal im Jazz liegen. Aber das ist dem erfreulich jungen Publikum bei diesem Festival anscheinend ohnehin egal, fast alle Konzerte waren sehr gut besucht. Und wie hätten die vier Tage Musik in Lüttich besser ausklingen können als mit John Coltranes Meisterwerk „A Love Supreme“, das die US-Saxofonistin Lakecia Benjamin am Sonntagabend zu später Stunde vor Energie berstend als allerletzte Nummer regelrecht zum Glühen bringt.

Text: Christoph Giese
Fotos: Charlotte Bonfré

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