Jazz & The City 2026 – Musik zwischen Gassen und Plätzen

Noura Mint Seymali
Noura Mint Seymali, Foto: Jacek Brun

Salzburg ist eine Stadt, die man immer wieder neu entdecken kann. Zwischen historischen Gassen, Plätzen, Kirchen und Cafés verändert sich der Blick auf die Stadt mit jedem Besuch. Beim Festival Jazz & The City kommt noch eine weitere Ebene hinzu: Musik wird Teil des urbanen Raums und begleitet das Publikum durch die Altstadt.

Vom 15. bis 18. Oktober stand das Festival unter dem Motto „true moments“. Jazz, Global Groove, elektronische Musik, improvisierte Formate und internationale Kooperationen verteilten sich auf zahlreiche Orte der Stadt. Bei fast sommerlichem Wetter wurde Salzburg für einige Tage zu einer großen, offenen Bühne.

Das umfangreiche Programm ließ sich kaum vollständig erfassen. Gerade darin liegt aber ein Teil des Reizes: Man entscheidet sich für einzelne Konzerte, entdeckt unterwegs andere Musik und landet manchmal an Orten, die man vorher gar nicht auf dem Plan hatte.

Zu meinen persönlichen Höhepunkten gehörte das Aruán Ortiz Trio mit Brad Jones und Gerald Cleaver. Ortiz verbindet seine afro-diasporischen musikalischen Wurzeln mit einer sehr offenen, zeitgenössischen Form des Jazz. Das Trio wirkte konzentriert und zugleich frei, mit viel Raum für Entwicklung innerhalb der Stücke.

Einen anderen Charakter hatte das Andy Sheppard Trio mit Rita Marcotulli am Klavier und Michel Benita am Kontrabass. Drei erfahrene Musiker, die keine großen Gesten benötigen. Ihre Musik lebte vom Zuhören, von feinen Verschiebungen und einer großen Ruhe im Zusammenspiel.

Stärker in Richtung freier Improvisation führte Myra Melford’s Fire and Water Quintet. Mit Ingrid Laubrock, Mary Halvorson, Tomeka Reid und Lesley Mok stand hier ein Ensemble auf der Bühne, dessen fünf Musikerinnen jeweils eine sehr eigene musikalische Sprache mitbringen. Komposition und Improvisation gingen dabei fließend ineinander über.

Auch die Begegnung von Jordina Millà und Agustí Fernández zeigte, wie wenig es manchmal braucht: ein Klavier, zwei Persönlichkeiten und ein offener musikalischer Raum. Ganz anders wiederum die Musik von Noura Mint Seymali, deren mauretanische Traditionen sich mit elektrischer Gitarre, Bass und Schlagzeug zu einem kraftvollen, unmittelbar wirkenden Klang verbanden.

Ein besonderer Schwerpunkt lag für mich auf den Konzerten in der Kollegienkirche. Schon der Raum selbst verleiht der Musik eine besondere Präsenz – durch seine Weite, die Akustik und die konzentrierte Atmosphäre.

Sehr eindrucksvoll war das Solokonzert von Sophie Abraham. Mit dem Cello bewegte sie sich zwischen Klassik, Jazz, zeitgenössischer Musik und freien Klangräumen. Ihre Musik wirkte dabei nie wie eine demonstrative Grenzüberschreitung, sondern sehr persönlich und unmittelbar. Gerade in der Kollegienkirche entwickelte das Instrument eine große klangliche Tiefe, und die stilleren Passagen bekamen eine besondere Intensität.

Ebenso überzeugend war das radio.string.quartet. Das Ensemble bewegt sich seit Jahren selbstverständlich zwischen Klassik, Jazz, World Music und Neuer Musik. In Salzburg zeigte sich diese Offenheit sehr deutlich: präzise ausgearbeitete Passagen standen neben freien Momenten, akustische Klänge neben elektronischen Erweiterungen. Die Musik blieb dabei stets geschlossen und konzentriert.

Daneben bot das Programm weitere interessante Perspektiven – von der Akkordeonistin Maria Mogas Gensana über LYLIT bis zu Andreas Tentschert am präparierten Klavier. Die stilistische Bandbreite war groß, ohne dass das Festival dadurch beliebig wirkte.

Zum Stadtbild gehörte auch die Mozarteum Marching Band, die morgens auf den Straßen Salzburgs unterwegs war und das Festival buchstäblich in die Stadt hinaustrug. Solche Momente machen Jazz & The City besonders: Musik findet nicht nur hinter geschlossenen Türen statt, sondern begegnet einem auf dem Weg zum nächsten Konzert, beim Spaziergang durch die Altstadt oder völlig unerwartet auf einem Platz.

Nach einigen intensiven Tagen blieb bei mir vor allem der Eindruck eines Festivals, das nicht versucht, sich auf eine bestimmte Vorstellung von Jazz festzulegen. Es schafft Räume für sehr unterschiedliche Musik und verbindet sie mit einer Stadt, die selbst Teil des Erlebnisses wird.

Salzburg, gutes Wetter, viele musikalische Entdeckungen und zahlreiche Begegnungen – mehr braucht es gar nicht.

Sophie Abraham
Sophie Abraham, Foto: Jacek Brun

Text und Fotos: Jacek Brun

Über den Autor

Jacek Brun ist Gründer und Herausgeber von jazz-fun.de sowie seit vielen Jahren als Journalist, Fotograf und Jazzförderer aktiv. Sein Netzwerk reicht von Künstlern und Festivals bis zu Medienpartnern in ganz Europa.

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