Clemens Christian Poetzsch – Piano Salon Christophori – Berlin, 05.02.2019

von Cosmo Scharmer

Clemens Christian Poetzsch – Piano Salon Christophori
Clemens Christian Poetzsch – Piano Salon Christophori, Foto: Cosmo Scharmer

Ungewöhnlich das Ambiente, unkonventionell die Besetzung:
Solo-Piano trifft auf 2 Kontrabassisten oder neudeutsch: Piano encounters Bass.

Der Piano Salon kämpft zwischen dem Erscheinungsbild eines verstaubten, vergessenen Museums, einem Trödel für altgediente Piano-Teile, einer industriellen Mehrzweckhalle und einer abgefahrenen Galerie für zeitgenössische Kultur jeglicher Art. Um es einfach zu machen: Das Ambiente hat von allen diesen Dingen etwas. Die erhöht den Reiz des Veranstaltungsortes ungemein. So richtig verrückt berlinerisch.

Unkonventionell auch die finanziellen Gepflogenheiten: erst beim Verlassen wird bezahlt, wobei der Kunstfreund die Wahl zwischen 15 € Mindestbeitrag und fast freiwilligen 20 € hat. Dafür gibt es dann auch noch Getränke gratis; gut trinkbar der gutgekühlte Silvaner.

Auch dieser Betrag ist angesichts des anspruchsvollen Programms mehr als gering. Musikalische Schwerpunkte des Piano Salons sind klassische Kammerkonzerte und eben Solo-Piano. Wenn Jazzkonzerte stattfinden, so bestechen sie durch die hohe Qualität der auftretenden Jazzmusiker.

So auch heute Abend beim Release-Konzert für die aktuelle CD Remember Tomorrow des Pianisten Clemens Christian Poetzsch. Rappelvoll, der Autor hatte die letzte Reihe zugewiesen bekommen! In der ersten Reihe sind noch mehrere Plätze frei, bekundet der Moderator am Ende seiner knackig kurzen Ansprache. Nichts wie hin und schon geht es los.

Vorsichtiges Herantasten an den wuchtigen Bösendorfer-Flügel. Behutsam, nur keine Noten und kein Publikum verschrecken. Dieses Suchen und Vor-Tasten dauert nicht lange und darf durchaus als Aufwärmen, als ein Sich-Einspielen, ein Sich-Einlassen auf Raum und Publikum verstanden werden. Dann geht´s allmählich zur Sache, die darin besteht, dass die Tasten kräftiger bearbeitet werden, dass ein Thema sich herausschält, welches sich bezüglich Melodie und Harmonie nur leicht verändert. Jetzt kommen zur Verstärkung die Kollegen mit den Bassgeigen (auch mal mit Cello) hinzu, die zuerst ihre Instrument streicheln, dann schlagen, um den Part eines Drummers nachbilden, bevor sie ihre perkussive Unterstützung in ein zurückhaltendes Spiel von gestrichenen und gezupften Klängen wandeln.

Diese Besetzung ist ungewöhnlich und weckt neugierige Erwartungen auf den Klangcharakter dieser Musik. Dabei halten sich die Bassisten anfangs zurück. Eine gewisse Arbeitsteilung springt in Augen und Ohren: der eine Bass wird gestrichen, der andere wird gezupft. Diese beiden Spielweisen können sich als sehr wirkungsvoll erweisen, indem sie den Sound des Trios verstärken, musikalischen Raum! schaffen und dadurch bunterer Klangfarben erzeugen. Dies geschieht auch, jedoch in vorsichtiger Manier: der gestrichenen Bass von Jakob Petzl (?) konzentriert sich auf tiefe dunkle Farben: langsam, verhalten, auf die wesentlichen Töne konzentriert, extrem sparsam. Der gezupfte Bass von Robert Lucaciu (?) beschwört höhere Lagen, die mitunter grell und schrill erklingen. Vor, zwischen und nach den Bass-Sequenzen verschafft sich das Piano Gehör, welches die Titel thematisch vorstellt und sich als führende Stimme erweist. Die Spielweise des Pianisten umspannt den Bogen von der Komposition bis zur improvisatorischen Ausgestaltung der Themen, die stets fließend ohne Brüche ineinander übergehen. Dies geschieht  überwiegend  mit geringen Abweichungen, kleinen Nuancen und nur leichten Variationen.

All dies ist musikalisch legitim und hier und jetzt auch hörenswert, aber überraschende Momente, stilistische Wechsel, emotionale Ausbrücke gehen dabei verloren, verhallen ungehört im Raum.

Diese Musik nur als minimalistisch zu begreifen würde das Spiel des Pianisten nicht erschöpfend  beschreiben. Aber es sind zahlreiche Elemente und Nuancen zu finden, die das Genre der Minimalistischen Musik charakterisieren. Anders formuliert: Wer den Piano-Sound von Philip Glass liebt, dem gefällt wohl auch der Sound von Clemens Christian Poetzsch. Dieser erklärt detailliert und mit Vergnügen die Entstehungsgeschichten seiner Titel. Oft verwendet er Assoziationen von Räumen, die mittels seiner Musik betreten und erlebt werden können.  Ja, diese Metaphern sich durchaus geeignet, um seiner Musik näher zu kommen. Ergänzend fügt der Autor hinzu: Verweilt doch bitte länger in diesen musikalischen Räumen, erkundet sie ausführlicher, macht sie durch längere Präsenz lebendiger.

Der verdoppelte Sound der Bassisten verstärkt den Klangcharakter der Piano-Musik ungemein und sorgt dafür, dass das Geschehen nicht langweilig wird. Stets fragt sich der Hörer: was kommt als Nächstes? Wird gestrichen oder gezupft? Klingen tiefe wohltönende Lagen oder hohe schrille Frequenzen? Die beiden Kollegen am Bass werfen sich die Bälle zu: der eine bemüht die grellen Töne bis zum piepsigen Quietschen, der andere streicht zufrieden brummend in tiefsten Lagen. Hier geschieht oft etwas Neues, etwas Ungewöhnliches. Wenn trotzdem hier und da musikalische Wünsche an den Gruppensound des Trios übrigbleiben, dann diese: Die Bassisten spielen die Themen nur an. Es wird nur angestrichen, angezupft, angedeutet. Ihre Ideen werden nicht ausgebaut, variiert oder versuchen nicht, mal die Stimmführung zu übernehmen. Man will Ihnen zurufen: So spielt doch weiter! Hört nicht sofort auf, wenn Ihr ein Thema gefunden habt.

Beim letzten Titel des Trios wird der Wunsch des Autors erhöht. Jetzt kommen alle Elemente zusammen: Dramatik, Drive, rhythmische Akzentuierung, melodische und harmonische Ausprägungen und – vielleicht das Wichtigste in der Musik überhaupt – emotionale Leidenschaft! All dies ist jetzt zu hören, zu erstaunen und zu erleben. Und das Publikum ist begeistert und hebt mit ihnen ab. Von dieser Art der Musik und des gemeinsamen Spielens voller Expressivität hätten es gern noch mehr Titel sein dürfen. Vielleicht beim nächsten Konzert?

Text & Foto: Cosmo Scharmer

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