Das Jazzquintett Fazer in der Kantine des Berghain in Berlin am 16.05.2019

von Cosmo Scharmer

Ein ungewöhnliches Ambiente empfängt eine Jazzband mit höchst ungewöhnlicher Besetzung. Der Autor befindet sich in der Kantine des Clubs Berghain. Ja, es ist dieser berühmt-berüchtigte Club, der aus Kreuz-Berg und Friedrichs-Hain seinen Namen bildet. Es soll oder sollte ja nicht so einfach sein, da reinzukommen. Dies hängt wohl vom Geschlecht, Outfit, Alter und sonstigen unbekannten Kriterien der Türsteher ab. Kein Problem war es für den Autor in die Kantine zum Jazzkonzert zu gelangen. Heute Abend steht Jazz aus München auf der musikalischen Speisekarte, die sonst andere Gerichte anbietet.
Wie mag dies schmecken oder klingen?

Fazer
Fazer, Foto: Conny Mirbach

Die originelle Besetzung der Band besteht aus Folgendem: Zwei, jawohl 2 Schlagzeuger, einem Bass- sowie Elektrogitarristen und dem Mann mit der Trompete. Gitarre und Trompete starten sogleich mit unisono gespielten Melodielinien. Ein Bass unterlegt dies mit dezenten rockigen Figuren, und die beiden Jungs von der Schlagabteilung legen einen durchlaufenden Beat auf. Die Gitarre unterstützt diesen Titel mit raffinierten Jazz-Akkorden und Riff-Strukturen. Alles zusammen ergibt einen differenzierten Gruppen-Sound, nicht wuchtig, sondern gefühlvoll. Trompete wie Gitarre treffen sich wieder in der Anfangsmelodie und beenden dies Thema unisono. Überraschung... dies ist ein gelungener Start.

Der Bassist, Martin Brugger, stellt die Mitglieder von Fazer vor. Wobei dieser Fazer deutsch ausspricht. Es könnte aus dem Portugiesischen sein, also tun, machen. Fazer, die machen Musik. Dies sind neben Martin Brugger – firmiert als Bandleader - die beiden Drummer Simon Popp und Sebastian Wolfgruber sowie der Gitarrist Paul Brändle und der Mann mit dem Horn Mathias Lindmayr. Die tollen bajuwarischen Namen verraten, aus welcher Region die Buben kommen. Das Publikum applaudiert brav und freundlich, und schon geht ´s weiter.

Die Drummer praktizieren hier – wie auch später – eine kluge Arbeitsteilung. Der 1. Drummer bemüht die Perkussion und sein Kollege schlägt diverse Trommeln. Rhythmisch tönt dies durchaus ansprechend. Da ist viel Drive und Bewegung in dem Stück, fast tanzbar, aber doch eher Konzertmusik. Die Gitarre treibt zusätzlich das Thema voran, dies mit raffinierten Riffs und spitzen Tonfetzen. Sein folgendes Solo baut Paul Brändle vorsichtig auf. Erst tastet er sich mit zarten, behutsamen Linien an das Thema heran, um dann stärker voluminöser spielend mit seinen Klang den Sound der Band zu prägen.

Im nächsten Track demonstrieren die Drummer wieder ihre Arbeitsteilung. Während Sebastian Wolfgruber mit Schlegeln seine Felle bearbeitet, verwendet Simon Popp die Besen. Sorry, aber es kann sich auch anders herum verhalten. Wegen der fehlenden Aussicht ist dem Autor nicht klar: wer spielt jetzt was? Da beide Trommler sich ständig abwechseln, ist es auch nicht ganz so wichtig, wer im Augenblick mit den Besen oder den Stöcken arbeitet. Wer die Perkussion spielt und wer die Drums bearbeitet, ist nicht wichtig. Entscheidend ist die Kooperation und der Sound. Beides ist gut ausgewogen. Dieses perkussive Getrommel macht den rhythmischen Sound von Fazer, wobei der Mann am Bass nicht vergessen werden sollte, der durch sein nicht eitles – auf Mätzchen und Sperenzchen verzichtendes – Spiel den rhythmischen Teppich von Fazer in den tiefen Lagen abrundet. Sein Spiel stellt er ganz uneigennützig und abgeklärt in den Dienst des Gruppen-Sounds, dem dies gut bekommt.

Next Track. Der Trompeter haucht zarte Töne in sein Horn, die Gitarre gesellt sich dazu, und beide Instrumente finden zu einem Thema, zu einer melodischen Linie. Das Solo des Trompeters wird jetzt schärfer angeblasen, sein Ton schneidender. Kaltes Metall fließt kurzzeitig durch den Club, um dann wieder warm tönend den solistischen Part ausklingen zu lassen. Ein ansprechendes Solo von Mathias Lindermayr, gewiss, aber kein Applaus ertönt. Merkwürdig. In der Regel wird bei Jazzkonzerten nach (fast) jedem ordentlichen Solo geklatscht, wenn die Qualität stimmte. Aber nicht hier und nicht jetzt in der Kantine des Berghain. Ob es zum Stil des Clubs gehört, bei Soli keinen Beifall zu bekunden, auch wenn das Solo gefällt? So wie bei Konzerten von klassischer Musik? Es ist deutlich zu spüren, dass die Anwesenden ganz konzentriert bei der Musik und den Soli sind, und dass dies ihnen auch gefällt.

Die Gitarre von Paul Brändle macht dort weiter, wo die Trompete aufhörte. So ganz korrekt ist dies nicht, da die Gitarre permanent durch Akkorde und Single Notes den Sound wesentlich mitgestaltet. Besonders die Akkordtechnik ist für den unbändigen Antrieb und die Überbrückung zwischen melodischen Themen und den rhythmischen Vorgaben von Drums und Bass verantwortlich. Die Klangfarben werden intensiver, der Sound von Fazer verdichtet sich. In diese Klangfarben stechen Trompete und Gitarre ihre spitzen akustischen Dolche. Waren zuvor noch die herrlich schrägen Jazzakkorde mit – so kommt es dem Autor vor – raffinierten Oktavtechniken zu hören, so wird die Musik zunehmend rockiger, auch expressiver, aber auch etwas schriller.

Tönte zu Beginn des Themas die halb-akustische Gitarre ein wenig nach Wes Montgomery, so schimmert jetzt eher die Spielweise von John McLaughlin durch. Damit sei nicht gesagt, dass das Spiel von Paul Brändle eine bloße Kopie dieser Gitarren-Meister wäre. Keineswegs, aber der Vergleich mit den berühmten Gitarren-Legenden ermöglicht es dem Leser, die große Stilbreite des jungen Gitarristen besser nachempfinden zu können. In seinem Spiel ist viel individuelle Technik und eigener musikalischer Ausdruck zu finden. Aber es ist hörbar, dass Paul Brändle sich intensiv mit den Traditionen der Jazzgitarre beschäftigt hat. Gut so!

„Woody“ nennt sich der folgende Titel aus 1. CD von Fazer, so die Ansage von Martin Brugger. Ein schönes Thema, geht sofort ins Ohr und Herz. Ein dezent angehauchter „Bläsersatz“ von Trompete und Gitarre erinnert an den coolen Sound des frühen und mittleren Miles Davis. So wie seine Musik lebt auch Woody von der Ruhe und der Sparsamkeit der Tonfolgen. Auch die Rhythmusgruppe hält sich daran und überfrachtet nicht das eingängige Thema.

Dafür sollen sie – nebst dem Publikum - im nächsten Titel voll auf ihre perkussiven Kosten kommen. Sebastian Wolfgruber bemüht mehrere Perkussionsinstrumente, wie Glocken und Rasseln, und liefert so den Background für das solistische Spiel von Simon Popp, der mit den Stöcken die Drums bearbeitet. Und sie wechseln sich ständig ab. Mal schlägt der eine den durchlaufenden Beat, mal trommelt der andere sein Solo. Gemeinsam können sie derart aufschlagen, auftrumpfen und jenes für Fazer typische Twin-Drumming erzeugen.

In diesen rhythmisch geprägten Sound mischt sich wieder die Gitarre ein, kann´s nicht lassen. Mit stringent auf- und ausgebauten Akkorden steigert sich Paul Brändles Musik zu einem Solo, das stärker rockig expressiv als cool intoniert wirkt. Aber Paul Brändles kann mit seinem Spiel und seinen Soli beide Arten der Jazzgitarre überzeugend rüberbringen und noch so Einiges dazutun, was zwischen diesen Jazz-Stilen liegt.

Gegen Ende des Konzertes erklingt eine Ballade von dunkler, aber nicht trauriger Klangfärbung. Die Schläge der Drums rollen und perlen, Trompete und Gitarre bedienen die Melodik, dem Horn entspringen solistische Sequenzen und alles zusammen ergibt ein schwelgendes Endlos-Thema. Kurzfristig steigert sich die Musik ins Dramatische, um bald wieder einen elegischen Unterton anzunehmen, ohne in zu traurige Klangfarben zu fallen.

Wasi, das letzte Stück, springt - stark rhythmisch geprägt - direkt ins Publikum. Titel und Musik wirken stark afrikanisch inspiriert, positiv im Sinne von unkompliziert und „verspielt“. Raffiniert einfach gehalten sind diese doppelt getrommelten Rhythmen, auch für verwöhnte Jazzohren angenehm zu hören. Dies scheinen die Anwesenden genauso zu empfinden.

Solistisch bläst die Trompete heißer, spielt harmonisch etwas freier, um bald in die coole Tönung zurück zu kehren. Ein wenig mehr heißes Feuer im Ausdruck, also eine Spielweise im Sinne von Hot – so wie eben gehört - würde Repertoire und Sound von Fazer noch mehr bereichern.

Das war´s dann. So, Ihr bayrischen Bua´n. Danke für das entspannte Konzert, und den netten Abend. Kommt bald wieder in die Jazz-Metropole Berlin. Ihr seid willkommen! Das Publikum sieht, hört und versteht die Musik offensichtlich ähnlich wie der Autor. Dies zeigt es auch mit kräftigen Beifallsbekundungen wie Klatschen und Rufen. Also, geht doch, das mit dem Beifall.

Tetxt: Cosmo Scharmer

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