Der echte Berliner ist aus San Francisco oder Paul Brody´s Berliner Jazz

von Cosmo Scharmer

Paul Brody & Band
Paul Brody & Band, Foto: Gerhard Metzschker

Es fängt schon witzig an. Da werden ein paar Takte – nein, eigentlich nur eine Sequenz – angerissen, die nach vertrauten Klezmer-Harmonien klingt. Dann stoppt die Band. Alle – besonders Paul Brody – schauen ratlos in die Runde. Was ist los? Wie geht es weiter? Na, mit der Wiederholung dieser Sequenz, natürlich. So geht dies nicht seinen „sozialistischen“, eher seinen “selbstironischen Gang“, den des schlitzohrigen Paul Brody. Irgendwann wird das Stück dann doch zu Ende gebracht. Das Originelle sind die Pausen. Zwischen den Pausen kling es irgendwie nach Balkan, nach Osteuropa, na ja, sagen wir mal, so´n Art Klezmer.

Sadawi im Jazz Treff Karlshorst in Berlin – 26.11.2017

Paul Brody & Band
Paul Brody & Band, Foto: Gerhard Metzschker

Der warme Ton der Klarinette gilt als unabdingbar für den Sound von Klezmer-Musik. Demzufolge ist es schade, wenn ein Tenorsax diesen Part – bedingt durch Krankheit- übernehmen musste. Mr. Lindenhorst aus Kanada meisterte diese Herausfordrung. Ebenso wie die anderen gestanden, stilistisch versierten Musiker aus Berlin: Christian Kögel (Gitarre), Michael Griener (Drums), Martin Lillich (Bass), Paul Brody (Trompete). Alle zusammen sind Sadawi.

Dann die Überraschung. Nix mehr mit de´Klezmer oder so. Jetzt kommt der Funny Funk Part. So tönt es dann auch. Mit den von Drums und Bass durchgeschlagenen Funk-Rhythmen, die bisweilen leicht rockig abgleiten, tummeln sich die Soli von Trompete und Tenor-Sax, die sich mal unisono zu Melodielinien zusammenfinden, um sich dann solistisch wieder zu trennen.

In den Pausen zwischen den Titeln erzählt Paul Brody - mit seiner Begabung als Entertainer und Komödiant - Geschichten über seine Musik und die Enstehung der Titel. Alles kurzweilig, der Man mit dem Horn versteht seine Hörer in den Bann zu schlagen. So erfahren wir, dass das nächste Stück dem Berliner Moderator und Jazz-Aficionado Ulf Drechsel und seiner tatkräftigen Unterstützung der Jazzmusik gewidmet ist.

So klingt auch diese Hommage: ruhig, einfühlsam, gar vorsichtig – nur nicht erschrecken - beschwört der Mann an der Gitarre einen Sound dessen getupfte Tonfolgen und lang gedehnte Akkorde an die Klangwelten eines frühen Peter Green erinnern. Ein wenig Anklang an diesen Rock erfüllt den Saal, etwas Hall, um dann stärker in die Jazzintonation zu wechseln. Zur Abrundung dieser elegischen Ballade geben die Solostimmen von Blech und Holzbläser ihr Attribut.

Paul Brody & Band
Paul Brody & Band, Foto: Gerhard Metzschker

Das nächste Stück ist wieder ganz anders. Dies scheint eine Konstante des Konzerts zu sein. Hat der Hörer sich gerade erst an den Stil eines Titels gewähnt, so erfolgt prompt die nächste Überraschung. Zuvor erläutert Paul Brody die Herkunft des folgenden Stückes, das sich durch gut tanzbare Dreivierteltakte auszeichnet. Diese Tradition der dreitaktigen Rhythmen fand sich in der Klezmer-Musik Osteuropas. Auch eine Herkunft aus dem westlichen Orient wird vermutet. Von dort fanden diese Rhythmen Eingang in die Musik Andalusiens, um dann weiter die Musik der sephardischen Juden zu prägen. Eine andere Tradition sieht Paul Brody im Vorhandensein von Dreier-Rhythmen im frühen Jazz-Stil des New Orleans. Aber auch hier liegen die Wurzeln wohl in Afrika. Solche musikhistorischen Erläuterungen können durchaus sperrig oder langweilig ausarten. Bei Paul Brody werden diese Erklärungen Teil seines Konzertes, kurzweilig und spannend. Wie klingt aber die Musik?

Die Band übernimmt einen dieser traditionellen Drei-Takter, indem Gitarre und Bass dieses einfache Motiv eine Weile wiederholen. Darüber und darunter spielen die Bläser zum Tanz auf. Packend, mitreißend und anfeuernd tönt es zunehmend schneller, auch freier intonierend und steigert sich in ein wildes, arg ausgelassenes Vergnügen zwischen Komposition und Improvisation. Wo nun mehr die Tradition News Orleans liegt oder wo die sephardische Tradition durchklingt ist kaum auszumachen.

Macht nichts, denn was jetzt gespielt wird ist Klezmer ganz eigener Art, ist eigener Jazz, ist die lebenslustige Musik von Sadawi. Und die geht ab. Mehr noch, diese Musik hat viel Witz, Humor und Augenzwingerei. Diese Musik nimmt sich ernst, aber sie schafft es - unter der „komödienhaften“ Moderation von Paul Brody – sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Diese Haltung ist es, die den Klezmer-Anteil an der Musik ausmacht. Nicht die wenigen Tonfolgen, die der Hörer als tradierte Klezmer-Musik hier und da zu erkennen vermag, sondern diese humoristische Geisteshaltung, dieser Lebens- und Spielwitz und die gewaltige Selbstironie in allerbester jüdischer Tradition.

So wie der musikalische Charakterkomödien Paul Brody ausführt: Ja, Klezmer sei in seiner Musik, aber man kann es nicht hören. Dies sei der Brecht’sche Verfremdungseffekt. Ja, so ist es und eigentlich müsste das Berliner Ensemble ihn sofort auf die Theaterbühne zur Vorstellung bitten, zu einer aktuellen „Drei-Cent-Oper“.

Ja, der Klezmer ist (fast) nicht zu hören. Einverstanden. Aber was ist dann zu hören? Etwa Jazz? Ja doch. Ein gute Laune erzeugender Jazz, etwas verrückt oder leicht crazy. Alles, aber nur eins nicht, langweilig. Dies ist humorvoller Jazz à la Klezmer. Anders gesagt: dies ist Klezmer im luftigen Gewand der Jazz-Freiheit. Oder auch, dies ist die Musik von Paul Brody: Aktueller Berliner Jazz mit Esprit und Ironie von Klezmer.

Was verbindet noch Klezmer mit Jazz? Ja, richtig, der Blues. Den gibt es als „Minsk-Blues“. Auch diese Entstehungsgeschichte bringt der Moderator Paul Brody seinem Publikum nah. Auf die Wiedergabe wird verzichtet: lieber selbst kommen und sie live erleben. In der Moderation erfährt das Publikum Folgendes über den Minsk-Blues: dieser basiert auf “ Punk-Klezmer-Ska“ – Originalton Brody – eines unkonventionellen russischen Musikers. Das reicht noch lange nicht und deshalb packt die Band noch eine gute Portion Jazz à la Ellington darauf und legt los.

Paul Brody & Band
Paul Brody & Band, Foto: Gerhard Metzschker

Die Gitarre darf anfangen. Leise lange Töne, in sphärische Tonfolgen übergehend, legen den Grundstock. Die Trompete gesellt sich dazu, es entspinnt sich ein tastendes Duo im Zusammenspiel. Diskret halten sich die Trommeln im Hintergrund zurück, der Bass schafft stimmungsvolles Ambiente durch sein gestrichenes Spiel. Noch immer verbleibt die Gitarre bei den behutsamen Akkorden, jetzt bloß keinen schon erschrecken. Aber dies kommt später. Lauter, schriller zeigt die E-Gitarre was in ihr steckt. Jetzt macht auch noch der Drummer mit, der Bass stimmt ein orientalisch anmutendes Motiv an, dann fallen die Bläser ein und spielen einfach guten Jazz. Die Trompete muss jetzt auch mal ihren schmetternden hohen Ton erklingen lassen, der Man am Sax „dudelt“ wie es sich für einen richtigen Jazz-Tenoristen gehört. Nachdem sich diese „Berlin-Minsk-Connection“ etwas ausgetobt hat, schält sich langsam das Motiv heraus. Die Musik hat sich zu einer ansprechenden jazzigen Ballade verändert. Cut! Jetzt bekommt der Gitarrist die Ehre, den Blues-Charakter des Stückes freizulegen und legt los: fetzig, rockig, protzig, eben der angekündigte „Punk-Klezmer-Ska-Blues mit Jazz angereichert. Das ist klasse.

Zum Abschluss läuft der Man mit der Trompete noch mal zu höchster Form auf. Seine Geschichte will der Autor nicht erzählen und dies kann er auch gar nicht. Da muss man/frau schon selbst kommen! Einige Takte seien doch verraten: es geht um eine Melodie, die gut versteckt um die Welt reist. Wo sie anfängt und wie sie endet, dies kann nur Paul Brody live darbieten, der zum Geschichten-, nein zum Märchenerzähler geworden ist. Dass Paul Brody später auch noch den rbb-Moderator Ulf Drechsel in klassischer Manier interviewt und ihn - zum Gefallen des Publikums - zum Erzählen seiner Jazz-Erlebnisse bewegt, dies erhöht ungemein den Unterhaltungswert des Entertainers Brody.

Na gut, ein paar Infos, aber nicht zu viel. Hinter dem Nebel oder „Behind the Fog“ wie sich der Titel tarnt ist ein sich festsetzender Ohrwurm. Die Musik beinhaltet fetzige Soli der Trompete ebenso wie packende treibende Rhythmen, die die ganze Band zum Explodieren bringt. Vielleicht ein Dreier? Hm, lasst Euch überraschen.

Text: Cosmo Scharmer

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