Die Kunst des feinen Anschlags oder Manu Katché

von Cosmo Scharmer

Manu Katché
Manu Katché, Foto: Jacek Brun

Manu Katché im Quasimodo, Berlin am 31.05.2019

Ausverkauft, dies entspricht 350 Besuchern. Voller geht es nicht. Vielleicht noch ein halbes Dutzend in der dritten Reihe vor dem Tresen. Vermutlich hätte das Quasimodo erheblich mehr Tickets verkaufen können. Die Chefin des Clubs stellt mit Freude und sichtbarem Stolz ihren Gast vor, erzählt ein wenig aus seinem Leben und erklärt, warum er gleichermaßen Kraft mit Eleganz beim Spielen verbinden kann: Es war wohl der jugendliche Ballett-Unterricht, der die nötige Sensibilität von Manu Katché entwickelte. Eine gute Begründung, die vom Publikum freundlich aufgenommen wird.

Das E-Piano oder besser das Keyboard, welches so jedes und alles an elektronischen Sounds zu generieren vermag, macht den Anfang. Ein säuselnder Hintergrund-Sound noch ohne Motive, der sein Thema erst finden will. Ein erstes Becken erschallt, dann setzt sich die Rhythmus-Maschine in Gang. Dies sind der Leader der Band Manu Katché und Jerome Regard an der Bassgitarre. Zusammen erspielen sie einen mehr oder minder durchlaufenden Beat. Immer mal wieder zeigt der Star-Gast, dass durchlaufender Beat allein nicht reicht. So haut er zwischen die Takte: Brüche, Wirbel und was sonst noch alles zum schlagenden Handwerk der Trommler-Zunft gehört. Das Ganze ergibt dann einen Rhythmus, der – von melodischen Gitarrenlinien unterstützt – viel Drive beinhaltet und als Variante von Funk gelten kann.

Auch im nächsten Track bemüht sich das E-Piano um die einstimmenden Töne. Dann fällt die Gitarre mit rockig-melodiösen Motiven in diesen Sound. Jim Grandcamp, der Mann an der Gitarre, baut sein Anfangsmotiv allmählich aus, um dann in ein gefälliges Solo in bester Rocktradition zu kippen. Jetzt, wie auch später, kann der Autor Assoziationen an den Gitarren-Sound von Pink Floyd nicht unterdrücken. Rhythmisch ist und bleibt Manu Katché mit seinen feinen Anschlägen das Herz dieser Band, wobei der sparsamer Bass von Jerome Regard seine subtile Unterstützung im „Verborgenen“ ertönen lässt.

Im folgenden Titel überrascht Gesang die Anwesenden. Beim Versuch, die Person des Sängers zu identifizieren, wird deutlich, dass dieser Gesang vom „Band“ – eher von einem digitalen Speichermedium – kommt und nicht live erbracht wird. Manu Katché wird es jetzt wohl zu bunt, besser zu einfarbig, denn er haut zwischen diesen poppigen Schönklang seine Breaks. Dies steigert sich kurzweilig in ein verstörendes Drumming. Es soll wohl nicht zu schön klingen, dieser Pop. Ansage: Manu Katché stellt seine Band vor. Bedankt sich beim Publikum, bei Berlin und bei Deutschland für das Wohlwollen seiner Musik gegenüber und dies seit 20 Jahren.

Wieder Gitarren-Figuren zum Auftakt. Und wieder umweht ein Hauch der rosafarbenen Rockband ein eingestimmtes und wohltemperiertes Publikum. Dieses und weitere Soli von Jim Grandcamp sind keinem Jazz, auch nicht einem Jazz-Rock geschuldet, sondern fallen ganz und gar ins Rock-Genre. Bassist Jerome Regard, bisher diskret, übernimmt jetzt den Part der Gitarre, Solo zu spielen. Runde, tieflagige Sequenzen, länger anhaltende Töne in Ruhe sind ein Gegensatz zu den Soli des Gitarristen und den bisher gehörten Rhythmen. Seine Improvisationen scheinen sich an den Klangwelten eines Jaco Pastorius zu orientieren. Dies schafft einen warmtönenden Sound einer nachhallenden Bass-Gitarre. Den Staffel-Stab für das nächste Solo gibt er weiter an Manu Katché.

Dieser will mehr aus seinem musikalischen Spektrum zeigen. Jetzt ist Power-Play angesagt. Dies tönt weniger nach quirligen, stets rührenden Trommeln von ungeraden Jazz-Rhythmen, als nach Spielarten des Funk. Dabei bleibt er im durchlaufenden Beat, den er hier und da durch Zwischenschläge konterkariert. Manu Katché ist jetzt der aufmischende Drummer an seiner Schießbude.

Ganz anders tönt der folgende Song: Mit mehrstimmigen Gesang (vom Band) verschafft sich Hip-Hop oder Pop à la Française Gehör und Raum. Kein Chanson, aber ein einfacher Song mit Charme. „Wonderful“ ruft jemand durch den Raum.

Die weiteren Stücke verfolgen überwiegend das bekannte Muster: Nach kurzer Einführung durch die Keyboards stellt die Gitarre das Motiv vor, baut es zu einem Solo aus. Bass und Drums kommen hinzu, runden ab. Der Rhythmus bleibt im geraden Metrum seines Beats. In diese Rhythmen schlägt der Drummer seine Breaks, versucht soweit wie möglich diese zu variieren. Aber hier bleiben auch die hohen Fähigkeiten des sensiblen Trommlers notwendig begrenzt. Es wäre kein Thema, seine ganze stilistische Vielfalt hier aufschlagen zu lassen, aber dafür müsste die Band andere Themen und Rhythmen spielen. Die gibt es heute aber nicht. Schade!

Zum Gesang: gleich ob auf Französisch oder Englisch, es ist Pop. Pop kommt von populär, volkstümlich. In diesem Sinn ist Manu Katché populär. Er hat keine Berührungsängste einfache Musik wie Pop oder Hip-Hop zu spielen. Dies auch noch mit sichtbarem Vergnügen. Und das Publikum? Dem Publikum scheint es genauso zu ergehen. Manu Katché kann einfach alles spielen und heute spielt er alles einfach, zum großen Gefallen des Publikums. Aus, aus … das Spiel ist aus! Manu Katché ist Weltmeister! Dies mögen nicht alle (so was gibt es auch nicht) Jazzfreunde so sehen, wohl aber viele. Die heute im Quasimodo Anwesenden sehen ihn ganz sicher als ihren Champion.

Tetxt: Cosmo Scharmer

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