Die Lyrische Dramatik von Shalosh

von Cosmo Scharmer

SHALOSH
SHALOSH, by ACT, Foto: Zohar Ron

Piano-Trio Shalosh im Fluxbau in Berlin-Kreuzberg am 31.05.2019

Allein der Ort, seine exzellente Lage, und das nicht minder korrespondierende Ambiente lohnen einen Besuch. Egal wer spielt. Na ja, fast egal.

Durch das Tor in den rechten Seitenflügel, dann die Treppe runter. Das Innere ist in dunklen Farben gehalten. Die mittige Bühne, viele Winkel, die von Kerzenlicht erhellt werden, schaffen eine gedämpft erwartungsvolle Atmosphäre. Dazu trägt auch eine - vom hauseigenen Sender FluxMusic übertragene - Ballade von John Coltrane bei, die klar macht: Der Besucher befindet sich in einem Jazzclub. Um 20:00 Uhr – es sollte eigentlich losgehen – sind relativ wenige Leute im Raum. Warum dies so ist, verrät der Blick nach draußen

Da gibt es eine Holzterrasse, direkt auf die Spree hinausgehend, die von vielen Menschen bevölkert wird. Ein junges Publikum, ein internationales Publikum, wenn das viele Englisch, was überwiegend zu hören ist, als Indikator zu werten ist. Die Anwesenden nehmen ihren Drink, unterhalten sich und genießen diesen Ort mit kultivierter Andacht. Der Blick von rechts nach links: Da lockt die Silhouette der Oberbaumbrücke, konträr gegenüber erstreckt sich die Eastside- Gallery mit Blick auf die Mercedes-Benz-Arena und der Blick nach Westen gehört der Spree mit der untergehenden Sonne. Ein stimmungsvolleres Ambiente ist schwer vorstellbar. Zur Musik.

Drei Gruppen werden am heutigen Abend zu hören sein, von denen der Autor sich nur eine gönnen kann. Dies wird das Piano-Trio Shalosh aus Israel sein.

Lyrische Anschläge des Pianos läuten den Konzertbeginn ein. Vorsichtig bahnt sich das Thema an, welches dann unisono mit dem Bass vorgetragen wird. Das Thema nimmt langsam Gestalt und Fahrt auf. Jetzt klirren die Becken. Matan Assayag, der Man an den Drums, spielt mit, greift zu den Besen. Markant melodische Basslinien von David Michaeli, die sich mit den Tonfolgen des Pianos verstärken und ergänzen, schaffen einen balladenhaften Sound. Ein schönes Stück, um sich in die Musik von Shalosh rein– und warmzuhören. Dann der Schlag, der Schreck. In diese Ballade von fließender Melodik knallen die harten Schläge von Bass und Piano. Plötzlich, unvermittelt, geradezu gewaltsam. Diese Änderung im Sound macht - von einem Augenblick zum anderen- aus dem balladesken Thema einen energiereichen Power-Sound. Noch hält sich der Drummer zurück, dann nimmt er die Stöcke in die Hand und trommelt seinen Part. Dieser kraftstrotzende Sound dauert nicht allzu lange, denn schon gleitet die Musik wieder in die Lyrik des Anfangsthemas und will ausklingen.

Weit gefehlt, denn schon knallen die nächsten wuchtigen Schläge. Diese plötzlichen Wechsel im Sound sind keine Ausnahmen, sondern ergeben ein Muster in der Spielweise von Shalosh, was öfter zu hören sein wird. Das Trio steigert nicht allmählich die Spannung ins Dramatische, sondern erreicht diesen Effekt durch die plötzlichen akustischen Brüche mittels „Adrenalin-Schock“. Rhythmisch akzentuiert ertönt eine Musik, die zwar im weitesten Sinn swingt, aber auch als eine Variante des Funk aufschlägt. Das Piano von Gadi Stern setzt zum Solo an, spielt sich mit quirligen Läufen und gehämmerten Akkorden frei. Ebenso die Kollegen an Bass und Drums, die diesen akzentuierten, ja, gehämmerten Stil unterstützen. Wie das Publikum gleich erfahren wird, waren dies Stücke von der aktuellen CD Onwards and Upwards, die heute vorgestellt wird.

Eine nette Ansage Gadi Stern auf Deutsch, ein paar Brocken seiner Deutschkenntnisse – „eine kleine Portion Pommes bitte“ – lassen den Funken ins Publikum leicht überspringen. Publikum und Band mögen sich sofort. Gadi Stern stellt seine Mitspieler vor und weiter geht es.

Diesmal gibt es keine geruhsame Einstimmung in den Titel, sondern es geht sogleich zur Sache: Überfallartig springt der Sound des Trios dem Publikum in die Ohren. Die immer wieder einsetzenden ruhigen Passagen dienen wohl dazu, die Anwesenden in Sicherheit zu wiegen. Es ist das vertraute Schwelgen in schönen lyrischen Balladen, aus denen die Hörer dann schlagartig ins Dramatische geschleudert werden. Zwischen diesen Spannungspolen bewegt sich die Musik von Shalosh. Wenn es rhythmisch stärker zur Sache geht, so verbinden sich die stakkatohaften Spielweisen mit eingängigen harmonischen Motiven. Bass und Drums sorgen mit ihren Spiel für jene Dynamik, die unerlässlich ist für rhythmisch geprägte kreative Musik.

Was spielt Shalosh für einen Stil? Lyrische Dramatik wäre ein passender Begriff. Beide musikalischen Elemente sind stetig vorhanden, wechseln sich ab, konkurrieren miteinander um die Vorherrschaft. Was den Anwesenden hier um die Ohren fliegt, ist nicht nur zarte Lyrik, auch keine klassische Dramatik, sondern ist die gekonnte Synthese der beiden stilistischen Pole. Die Lyrische Dramatik von Shalosh ist aktueller Jazz, hier und heute im Fluxbau an der Spree. So nimmt es auch das Publikum auf. Neugierig, offen und sehr angetan. Den verdienten Schlussapplaus und die Zugabe kann der Autor nicht mehr hören, da dieser weiter muss, leider.

Tetxt: Cosmo Scharmer

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 5 und 8.

Zurück