Duo Gebhard Ullmann Tyshawn Sorey 03.11.2017 - Jazzfest Berlin 2017

von Cosmo Scharmer

Gebhard Ullmann
Tyshawn Sorey & Gebhard Ullmann, Foto © Camille Blake

„Feuerwerk mit Blasorchester“

„Erwarten Sie das Unerwartete“, so die Moderation bei der Vorstellung der Musiker. Ja, gut so. Genau dies trat ein. In den Medien wurde Tyhawn Sorey als ein Künstler vorgestellt, der mehr ist als ein Jazz Drummer. Ein Musiker, der neben seinen Fähigkeiten als Pianist und Posaunist die Stille hörbar machen kann. Da wurde über die Auseinandersetzung von Tyhawn Sorey mit Zen-Buddhismus und dessen Auswirkungen auf sein Spiel philosophiert.

Diesen Worte im Kopf habend, tritt jene oben angesprochen Überraschung ein. Ja, zu Beginn noch umsichtig die große Basstrommel mit ihren erdbebenartigen tiefen Frequenzen schlagend, machen sich die Musiker miteinander bekannt. Ein noch dezentes Tenorsaxofon trifft auf wuchtige Basstrommel, zarte Glöckchen und schrille Becken. Nach kurzer Aufwärmphase greift Tyshawn Sorey zu den Pauken­schlägen und beginnt die Stille zu betonen? Nein, jetzt werden kräftig die Klöppel bemüht. Mit Paukenschlägel schafft es Tyshawn Sorey die Trommeln in bester jazziger Art und Weise zu bearbeiten. Ein „paukender“ Jazz Drummer wie bislang ungehört. Und so geht es weiter. Tyshawn Sorey treibt an, peitsch die Themen mit den Sticks voran: „hit me with your rhythmen sticks“. Ja, das tut er.

Tyshawn Sorey & Gebhard Ullmann
Tyshawn Sorey & Gebhard Ullmann, Foto © Camille Blake

Diesem Drive kann und will sich Gebhard Ullmann nicht entziehen und korrespondiert mit diesem getrommelten Feuerwerk. Dies tut er ganz auf seine Weise. Mal verhalten leise, die Töne nur angehaucht, mal spitze Aufschreie oder eruptive Tonfolgen in den Raum schmetternd, mal die Möglichkeiten der atonalen Freiheit bis zur Grenze der Melodie auskostend, aber nicht überschreitend. Sobald Gebhard Ullmann mal in die Nähe von vertrauten Harmonien oder Melodien kommen sollte, bricht er ab, um sich sogleich sich ins Reich der atonalen Freiheit zu retten. Gleich was das Tenor oder die Bassklarinette für Tonfolgen erzeugen, Gebhard Ullman bleibt sich und seinem Stil treu: hier ist stets 100% Ullman zu hören. Wer sich auf Gebhard Ullmanns höchst eigene musikalische Ästhetik einlassen will und kann, der könnte sein Spiel als musikalischen Hochgenuss empfinden. Wer dies nicht schafft, wer das Fehlen vertrauter harmonischer Strukturen oder gar Melodielinien vermisst, dem wird diese Musik vermutlich irritieren.

Die freie Kommunikation zwischen den Spielern sollte stets eine – zumindest partiell – ausgewogene Sache sein. Bei Tyshawn Sorey ist es schwer bis unmöglich, sich seinem Antrieb, seinen rhythmischen Vorgaben zu entziehen. Warum sollte dies auch sein? Das, was der Man mit den Schlagwerkzeugen vorlegt, ist eine exzellente Vorlage für jede Solostimme. Dies nimmt Gebhard Ullmann ohne Zögern auf und macht sie zu seinem musikalischen Ausdruck.

Die Passagen, an denen die Bassklarinette verwendet wird, scheinen die größte Dichte im Zusammenspiel anzunehmen.

Es bleibt nicht unerwähnt, dass Tyshawn Sorey auch seine Fähigkeiten als frei spielender Pianist aufzeigen kann. Aber die trommelnden Attacken seiner Schlagwerkstatt bleiben die beeindrucktesten Erlebnisse seiner Musik. Dieser Mann kann vermutlich auch Stille hörbar machen, heute Abend ist dies nicht der Fall. Stattdessen Feuerwerk mit Blasorchester!

Text: Cosmo Scharmer

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