»Ich hab´ noch (k)einen Koffer in Berlin« oder Big Band Jazz vom Feinsten

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Konzertreihe: das Maria Baptist Orchestra in Berlin

Maria Baptist Orchestra
Maria Baptist Orchestra, Foto: Anna Stark

»Ich hab´ noch (k)einen Koffer in Berlin« oder Big Band Jazz vom Feinsten

Es gibt Gründe diese Stad zu besuchen. Ein Konzerterlebnis dieser Big Band ist ein guter Grund. Füllt diese Erlebnisse in Euren (Jazz-)Koffer. Wenn Ihr keinen habt, so legt Euch einen zu – vollgepackt mit Tönen, Klängen und Sounds aus diesen Konzerten. All dies kommt in den prallen Erinnerungskoffer, aus dem geschöpft wird. Wem dies zu altbacken ist, der speichert es einfach im Memory.

In diesem Frühling gibt es noch vier Gelegenheiten das Orchestra live zu hören: In den Clubs Kunstfabrik Schlot (zweimal) und einmal im b-falt sowie im Musikinstrumenten-Museum. Auch im Herbst kann Maria Baptist mit ihrer Band wiederum im Schlot erlebt werden.

Ach so, wer verhindert ist, der kann sich mit der aktuellen CD »Here and Now« trösten. Wer sich live-haftig in diese Musik begibt, der wird mit einigen brandneuen Titeln be­lohnt. Wie Maria Baptist bei Ihren letzten Konzert ausführte:  »Die Tinte sei bei diesen Stücken noch nicht trocken«.

Maria Baptist Orchestra - New Tracks

Ein Bild: Eine weitläufige Zimmerflucht, also eine Suite beherbergt einen musikalischen Koffer, den von Maria Baptist und ihrem Orchestra. In diesen Memory-Koffer hat die Pianistin neue Stücke gepackt. Die Midnight Suite ist vielschichtig und dicht gepackt, aktueller Big Band Sound at its best.

Behutsam wird die Melodielinie durch die Trompete vorgetragen, um vom vollen Big Band Sound abgelöst zu werden, der in ein Bariton-Solo übergleitet. Die Klangwelten werden abwechselnd durch Ostinato-Figuren und akkord-basierte Harmonien aufgebaut. Ein sparsamer Moving-Bass und zurückhaltendes Schlagzeug vervollständigen diesen Part der Suite und lassen einen ungemein komplexen Sound ertönen.

Weiter geht es durch ein eher gehaltenes Thema des Pianos. Bläsersätze, das Solo der Posaune, alles wirkt ruhig, getragen, gefüllt mit positiver Grundspannung. Ein knallendes Trompetensolo beendet dieses Schwelgen in Ruhe, um vom Donner der gesamten Band weitergerollt zu werden. Dieser Donner - lang erwartet - aber überraschend wie der Blitz, lässt den Sound krachen. Es geht ab mit einem Walking-Bass, der die Bläser zu kollektiven Improvisationen verleitet, um dann sich auch mal frei auszutoben.

Dann folgt auch schon die nächste Sequenz: Solistisches Piano leitet in raffiniert vertrackte Rhythmen der Bläser über. Jede musikalische Stimme kommt zu ihren "Recht". Ob Posaune, Alt- oder Tenorsaxofon, die solistischen Stimmen sind den Musikern maßgeschneidert und erklingen stets da, wo sie die Jazz-Suite klug abrunden.

Der Vollständigkeit wegen: As long as we are searching for. Auch hier: dichter Big Band Sound mit vielen Solostimmen, alles voller Gelassenheit. Eine lyrische Posaune erzwingt den kompakten Klang der Band. Über vertrackten Rhythmen wechseln sich Bläsersätze, Solostimmen und die Rythmen Section ab. Wer mehr hören will, der möge seinen Jazz-Koffer in Berlin besuchen.

Kurzer historische Exkurs

Im zeitgenössischen Big Band Jazz – oder Jazz größer Formationen – führt eine direkte Linie von der Pionierin Carla Bley über Maria Schneiders Innovationen zu der Musik von Maria Baptist. Die Gemeinsamkeit liegt weniger in den gleichen Vor- oder deutsch tönenden Nachnamen der letzt­genannten, auch wenn dies amüsant anklingt. Eher zeigt sich hier, wie Frauen-Power im Jazz in bisherige Männer-Domänen des Big Band Sounds eindringt und dieses Genre bis heute führend gestaltet. Dies nicht mit brachialem Ge­töse, sondern mit dem gesamten Spektrum an musikalischer Sensibilität, Kreativität, aber mit der Power von ungeheuer verdichteten Klangwelten. Was diese Ladies kompo­nieren, arrangieren und bei Live-Auftritten dirigierend steuern ist eine Demonstration weiblicher musikalischer Potenz.

Tradition und Avantgarde

Die Musik von Maria Baptist zeichnet alles aus, was an Klängen, Strukturen und Aus­druck im Jazz oder in der improvisierten Musik aktuell zu hören ist. Tiefer gehende Klangwelten sind aktuell in Deutschland wohl nicht zu hören. Auch nicht in den Staaten, von den Orchestern einer Maria Schneider und einem Wynton Marsalis abgesehen. Dies soll an drei grundlegenden Aspekten der (Jazz-)Musik deutlich werden: Komposition, Arrangement und das, was Realisieren, Präsentieren oder einfach Spielen genannt wird.

Es kann schwer behauptet werden, dass ihre Musik gar keinen Bezug zur Tradition hat. Am stärksten ist diese Tradition noch an der klassische Instrumentalisierung einer Big Band zu spüren: mit 5 Saxophonen, jeweils 4 Musiker für Posaune und Trompete sowie der Rhythmusgruppe. Musikalisch klingt diese traditionelle Komponente nur sehr diskret, zieht sich in den Hintergrund zurück, überlässt den Kompositionen und der Originalität des Sounds den Raum und die Bühne. Zu hören ist unkonventionelle, höchst lebendige zeitgenössische Musik, die unter die Haut geht.

Kompositionen und Arrangements

Da sind bestechende Musikstücke von tiefer musikalischer Substanz, die auch im Solo oder in kleineren Gruppen überzeugend klingen, jedoch in der Ausprägung einer Big Band noch stärkere Wirkungen erzielen.

Die Big Band wird zum Instrument der Kom­po­nistin, die mittels der Kunst des Arrangements noch mehr Aussage, stärkere Expressionen aus ihren Stücken heraus­holen kann. Neben Inspiration will Arrangieren gelernt und erar­beitet sein. Beides ist durch die bestechende Leichtigkeit in der Darbietung der Band zu hören.

Musikalischer Ausdruck und Improvisation

Die musikalische Interpretation durch die Musiker, die Kunst des Improvisierens, deren Klasse und Individualität machen die Musik zum Erlebnis. Auch hier zeigt sich die gute Handschrift von Maria Baptist bei der Auswahl ihrer Musiker. In der Band finden sich gestandene Jazzer neben jüngeren Virtuosen. Die erforderliche Disziplin in einer Big Band zu spielen, sich dem Ensemble-Sound anzupassen, ist bei den Musikern ebenso zu finden wie ihre Vir­tuosität. Beides ist erforderlich, beides vorhanden, die zahlreichen Soli zeugen davon.

Auch als Live-Musikerin steht Maria Baptist ihren Kollegen hinsichtlich technischer Fähig­keiten und musikalischem Ausdruck in nichts nach. Banal gesagt: die Chefin kann auch vorzüglich spielen, zeigt dies in kurzen so­listischen Passagen. Trotz oder gerade wegen des Freiraums den die Solisten haben, der musi­ka­lische Ausdruck der gesamten Band hat stets Priorität.

Die Titel

Die folgenden Aspekte lassen sich – mehr oder weniger - in allen Stücken finden. Ver­einfachend sind nur musikalische Spanungsbögen erwähnt, zwischen denen sich die Musik von Maria Baptist oszillierend bewegt. Aktueller Big Band Sound vom Feinsten.

Da gibt es Stücke mit viel Drive und Power, zupackend, mitreißend, bewegend. Titel, die brillante Bläsersätze ebenso beinhalten wie Raum zur Improvisation zulassen – Intro­duction for the Orchestra, Serenity.

Musikstücke deren Sound - aus den Spannungspolen von umwölbenden Basisklängen der gesamten Band und den gespielten Soli der einzelnen Musiker – sich entfaltet. Alles was Big Band Sound ausmacht ist präsent, alles was eine Combo auszeichnet ist zu hören - Here and Now, Natural Landscape, Roof Garden.

Dier Intimität des individuellen Ausdrucks bleibt erhalten, modifiziert sich zur musika­lischen Symbiose. Ausgewogene Balladen, die die Fertigkeit des Geschichten­erzählers erfordern, runden das Klangbild ab - Red Moon, Love Ballad.

Es klingt unwirklich, so viel Positives zu schreiben. Aber es gibt kaum eine Alternative als dies inhaltlich (nicht sprachlich) derart zu beschreiben. Es ist, wie es klingt: fantastische Jazzmusik, so lebendig wie authentisch. Das Schöne an diesen Aussagen ist: sie können und sollten bitte überprüft werden - im Netz, auf CD oder in einen der Konzerte in Berlin.

Text: Cosmo Scharmer

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