In the Mood, in the Tradition … in the Schlot … between the years!

von Cosmo Scharmer

Das Dirk Engelhardt Quartett - im Berliner Jazzclub Schlot am 30.12.2017

Dirk Engelhardt Quartett, Foto: Cosmo Scharmer
Dirk Engelhardt Quartett, Foto: Cosmo Scharmer

Standards heißt das Zauberwort. Ja, all die herrlichen Titel, die im Laufe der Jazzgeschichte zu herausragenden, von einer Vielzahl von Jazzern gepflegt wurden und die in der hörenden Jazzwelt nach wie vor geliebt werden. Diese Standards, auch als „Nice Songs“ aus dem American „Real Book“ bekannt, umfassen ein ganzes Universum an Kompositionen aller Jazzgrößen. Einige dieser Titel konnten heute beim letzten Konzert im alten Jahr in zeitgemäßer, individueller Interpretation im Schlot wieder gehört oder auch (neu)entdeckt werden.

Die Balladen

Da liegt es nahe, mit wunderbaren Balladen zu beginnen und die Hörer darauf einzustimmen. „Ist so nice to come home to“ schafft dies mühelos. Wolfgang Köhler (Piano), Lars Gühlcke (Bass) und Andrea Marcelli (Drums)  spielen einen swingenden Beat, lässig, aber nicht cool, der Dirk Engelhardt mit seinem Tenorsaxofon zum ausgedehnten Schwelgen in den Harmonien verleitet. Die nächsten beiden Titel („Golden Erarings“  und „Gone with the wind“) können ebenfalls als Balladen begriffen werden. Zumindest werde sie so intoniert. Hier sind zarte Tonfolgen zu hören, viele Zwischentöne sind zu entdecken.

Die Musiker

Heute Abend bevorzugen alle Musiker - bei ihren ausgedehnten, weniger expressiven, dafür stärker lyrischen Improvisationen - eine balladenhafte Interpretation der Stücke. Der Man am Tenor kann sich ganz darauf konzentrieren, schönste, mit melodischer Raffinesse ausgeschmückte Tonfolgen zu ersinnen und hörbar zu machen – mehr in der Intonation von Stan Getz als John Coltrane, aber immer Dirk Engelhard.

Das ausgereifte wie souveräne Pianospiel von Wolfgang Köhler macht swingend dann dort weiter, wo das Saxofon sich zurückzieht. Eine weitere musikalische Basis ist der - sich auf das Wesentliche konzentrierende - Sound des Bassisten, der, bedingt durch Spielweise und Stimmung, einen besonders tiefen und warmen Ton erklingen lässt, der den Balladencharakter der Songs trefflich abrundet. Ähnliches ließe sich zum Spiel der Drummers sagen. Die Fokussierung seines Spiels auf das Wesentliche, auf die musikalische Aussage, auf den Sound der Gruppe: diskret, aber stets mit unüberhörbarer Präsenz.

Es kann auch abgehen…

Es gibt auch schnellere Titel mit mehr Bewegung. „One of those days“ wird derart intoniert. Besonders für Bass und Schlagzeug ist dies vorteilhaft, auch im schnelleren Spiel zeigen zu können, welche Dynamik und Kraft in den Standards steckt, um dies - durch ihre Spielweise und Empathie - individuell zu verstärken. Dies zeigt sich ebenfalls bei einem Titel mit starkem Latin Touch, wenn es nicht gar ein herrlich swingender Bossa Nova sein mag. Wie auch immer: dies swingt „so cool and gentle“ und verzaubert so im Handumdrehen.

Natürlich will ein zeitgenössischer Jazztenorist auch mal aufzeigen, dass sich aktuelle Intonation durch Ventilierungstechniken auch in Standards integrieren lassen und so leitet Dirk Engelhard seine – durch Atemtechnik ohne Luftholen – geblasenen subtilen Tonfolgen in den nächsten Standard über. Geht alles!

Zum Schluss wirbt der Klassiker, den schon Billie Holiday zum Leben erweckte: „You go to my head“. Ja, dies funktioniert immer noch oder schon wieder. Diese Ballade geht nicht nur in den Kopf, sie trifft auch hier und jetzt in Herz und Seele. „In the Tradition“ wird so zu „In the Beauty“, wenn gar „Lost in Beauty“.

PS. Fast vergessen, alle – auch Andrea Marcelli aus Italien, der als Organisator der Reihe „Between the Years“ zeichnet, sind Berliner, echte Berliner Jazzer, die noch öfter in der Stadt und besonders im Schlot erlebt werden können.

Text: Cosmo Scharmer

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