Jazzfest Berlin 2017 - Ingrid & Christine Jensen with Ben Monder: Infinitude 05.11.2017

von Cosmo Scharmer

Ingrid & Christine Jensen
Ingrid & Christine Jensen, Foto © Camille Blake

Als erstes stellt der moderierende rbb-Redakteur Ulf Drechsel die Band als Familienangelegenheit der kanadischen Schwestern Jensen aus Vancouver vor. Dann bemüht er eine schöne Metapher, die die Schwestern über selbst verwenden. Dieses Bild bezieht sich auf den (nichttropischen) Regenwald im Westen von Kanada. „Wenn ich ein Baum des Regenwaldes bin, so bist Du der darüber fallende Regen“. Bildhafte Worte zum Auftakt. Alle sind gespannt.

Ingrid Jensen ist nicht nur in Berlin keine Unbekannte. Als solistische Trompetenstimme war sie mit der hervorragenden Big Band der innovativen Maria Schneider schon auf einem Jazzfest zu hören und wusste - wie die gesamte Band - zu gefallen. Als routinierte Jazzerin und unüberhörbarer „Boss“ der Band lässt sie anfangs ihrer Schwester bei den ersten Soli den Vortritt oder wie es neudeutsch tönt – sie „featured ihre sister“, die auch mal Schwester genannt werden darf.

Soweit alles verständlich. Schade nur, dass die spröden Altstimmen-Soli von Christine Jensen über leicht dahin treibenden Themen nicht so recht überzeugen wollen. Die Tonfolgen wirken sperrig, ein Funke will dabei nicht überspringen. Die Themen werden dann unisono von Sax und Trompete eingangs und zum Ende der Titel wiederholt. Klingt ganz nett, mehr aber auch nicht. Vielleicht sind jedoch die Berliner Jazz-Ohren durch die vielen ausgezeichneten Jazzer der Berliner Szene sehr verwöhnt und die Ansprüche sind zu hoch. Maybe!

Für den fehlenden Funken sind auch die Jungs von der Rhythm Section verant­wortlich. Sie machen einen relativ – auch von der Körper- und Spiel­haltung her – unbeteiligten Eindruck. Nun, vielleicht liegt es doch am Einfluss des Pazifiks, der die ganze amerikanische Küste, die Menschen und ihre Musiker zu dieser Haltung bringt. Positiv formuliert: ruhig, gelassen, relaxed – mir kann keiner. Negativ ausgedrückt: introvertiert, unbeteiligt, unterkühlt bis cool – mir kann erst recht „keener“. Ja, vom Pazifik kommt der Begriff wohl her, der die ganze lange Küste hochschwappt, von California über Vancouver bis Alaska und dann Rest of World: „West Cost Swing, West Cost Rock, West Cost Jazz“.

Mittlerweile mischt sich die Trompete von Ingrid Jensen immer stärker ein, übernimmt längere und intensivere Anteile an den Improvisationen. Dadurch hebt sich das Niveau der Musik etwas. Auch Bass und Drums legen eine Schippe mehr Ausdruck in ihr Spiel. Die Chefin stellt jetzt ihre Band im Detail vor. So erfahren wir, dass Jon Wikan nicht nur der Man an den Drums ist, sondern auch – auf Deutsch erzählt – „ihr Man“, ihr Ehemann sei. Nicht nur eine Band, sondern eine Familienbande gibt hier und heute den Ton an. Ben Monder an der Gitarre wird besonders herausgestellt. Dieser bekommt auch ein Stück – leicht rockig-funkig – auf die Gitarre geschrieben, das er mit schnellen quirligen Läufen und etwas Power ausfeilt. Jetzt ertönen Klänge, die an die wilden frühen 70-Jahre erinnern, als schriller High Speed im Jazz angesagt war. Besonders die Jazzgitarre war stark dem denominierenden Zeitgeist unterworfen. Wer dieses Genre liebt, hat seinen Spaß daran.

So langsam will Ingrid Jensen bekunden, was an musikalischer Substanz in ihrem Spiel steckt. Sie zeigt dies in einigen Soli, die mehr Empathie, mehr Kraft und Stringenz ausdrücken. Auch die Komposition von Trompeter und Landsmann Kenny Wheeler trägt dazu bei. Jetzt animiert sie auch ihre Familienbande zu mehr Engagement. Siehe oder höre da, es kann auch anders klingen. Schwungvoller, dynamischer greifen Bass und Gitarre in die Saiten. Der Man an den Drums versteckt sich nicht länger und schlägt einen packenden Beat. Ja, warum nicht gleich so? Von dieser Musik hätten wir gern noch ein paar Takte mehr gehört. Ende gut, alles gut? Sagen wir ja und erwarten das nächste Konzert mit so guten Kompositionen wie die von Kenny Wheeler.

Text: Cosmo Scharmer

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