Jazzfest Berlin 2017 – Tyshawn Sorey 05.11.2017

von Cosmo Scharmer

Tyshawn Sorey – Conducting

Tyshawn Sorey
Tyshawn Sorey, Foto © Camille Blake

Durch die einleitenden Worte des Moderators erfahren wir, dass Tyshawn Sorey als diesjähriger „Artist in Residence“ (leitender musikalischer Künstler) ein 20-köpfiges Orchester zusammenstellen konnte und ihm ansonsten keinerlei Auflagen über den Charakter der Komposition oder des Events gemacht wurden. Also freie Hand für den Conductor, den wir vereinfachend als „Dirigenten“ begreifen. Zuvor konnte Tyshawn Sorey in drei Konzerten mit seiner getrommelten Schlagwerkstatt große Furore erzielen. Siehe das Konzert mit Gebhard Ullman: „Feuerwerk mit Blasorchester“

Die Instrumentierung

Es wäre leichter aufzuzählen, welche Instrumente im Orchester nicht vorhanden sind. Aber dieses bunte Sammelsurium an heimischen und exotischen Instrumenten lohnt eine Aufzählung. Da haben wir einen perkussiven oder rhythmischen Block: Drums, diverse Perkussionsinstrumente, Vibrafon, Tabla und Piano, das hier einzuordnen ist, da es nur innen geschlagen werden wird.

Daneben gibt es so was wie ein kammermusikalisches Quartett: Violine, Bratsche, Cello und Kontrabass. Dann die Gruppe der Blasinstrumente: Saxofon, Trompete, Posaune und Tuba. Der exotische Block besteht aus orientalischer Kamancher (eine Art Violine) dem chinesischen Guzheng (einer überdimensionalen Zither) und der oben erwähnten Tabla.

Dann ist eine Gruppierung von Instrumenten auszumachen, die wegen fehlender Gemeinsamkeit untereinander als „Sonstige“ zusammengefasst werden, was da sind: Gitarre, Akkordeon, Harfe, Elektronik und Stimmen.

Wie mag solch eine „Zusammenballung“ klingen? Die Spannung wächst.

Das Inferno

Alle Instrumente, die einen überwiegend perkussiven Charakter haben, beginnen ganz allmählich zu tönen. Es klappert hier und dort, es scheppert ein wenig. Noch passiert relativ wenig, es bleibt bei der steigenden perkussiven Bearbeitung der Instrumente. Es ist noch ruhig. Dann der Schock. Jetzt fallen so gut wie alle Musiker in schrillsten Tönen über ihre Instrumente her. Pardon wird nicht gegeben. Ein akustischer Höllenlärm überfällt ebenso Hörer und Musik bis von letzterer nichts mehr übrig bleibt. Ein Kreischen, ein schrilles Quietschen, ein – hier gehen die Worte aus – ein durch Geräusche verursachte Krach, ein akustisches Inferno. Bisher unerhört im doppelten Wortsinn!

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Was da schreit, brummt, kreischt, quietscht und sonst noch zu hören ist, hat nichts – auch nicht bei weitestgehender Auslegung nicht – mit Begriffen wie Free Jazz oder Atonaler Musik zu tun. Nein, hier wird die maximale Ausbeutung an Geräuschen, an Lärm beabsichtigt, die mit diesem Instrument hervorgerufen werden kann.

Alles ist anscheinend erlaubt, nur eins nicht: Wohlklang, Musik. Nur Noise Music? Nein, nur Noise ohne Musik.

Stattdessen ein Inferno. Ja, auch das kann beeindrucken. Wie und was diese Musiker aus ihren Instrumente herausquälen, um den größtmöglichen Lärm zu erzeugen, dies hat schon was. Verlangt dies doch eine exzellente Beherrschung ihrer Gerätschaften. Dies ist nicht ironisch zu verstehen. Wer solche Geräusche produzieren kann, der beherrscht sein Instrument.

Indisches Fegefeuer

Nachdem dieses infernalische Treiben sich ausgetobt hat, wird es ruhiger, geradezu exotisch, da die indisch-orientalische Formation übernimmt und den Ton angibt. Dies trägt ein wenig zur Versöhnung bei, da die Tabla-Rhythmen, mehr noch die gesungenen Skalen der indischen Musik, eine gewisse Tonalität erfordern, die dieser Musik gelassen werden muss, wenn sie noch zu erkennen sein soll. Wenn das eben die (irdische oder jenseitige) Hölle war, so kommt im indischen Fegefeuer Hoffnung auf Seelenwanderung auf. Nach und nach ertönen auch andere Variationen von Reinigung, Fegefeuer und möglicher Läuterung.

Reinigung a la Jazz

Ja, mit viel Wohlwollen können die improvisatorischen Versuche der Bläser als eine Art Experiment in Sachen freier „Jazz“ gesehen werden. Bei fehlendem Wohlwollen bleiben auch hier nur Geräusche in all ihren Facetten. In allen, außer Melodik und harmonischen Skalen natürlich. 

Kammermusikalische Läuterung

Hier tönt es noch wilder als bei den Blasinstrumenten. Ein wild gewordenes Kammerensemble scheint die ganze Last loswerden wollen, die die Abarbeitung mit klassischer Musik ihnen jahrzehntelang auferlegt hat. Jetzt muss jeder Schönklang eliminiert werden, radikal ohne Erbarmen. Eine „Ästhetik“ der schlimmsten Geräusche?

Danach sind wieder die Perkussionisten an der Reihe. Der Zyklus beginnt von vorne, leicht variiert durch die Einsätze der Instrumente, die in Gruppen oder solistisch noch nicht zu hören waren. So Akkordeon, Gitarre und Harfe. Am Gruppensound ändert dies kaum etwas. Verwunderlich, einzig die Elektronik ist kaum auszumachen in ihren eigenen Beitrag.

Paradies oder Nirwana

Was fehlt wäre so ein Art erlösende musikalische Auflösung, wenn auch in der musikalischen Vorwegnahme eines „Paradieses“ oder dem großem Nichts eines „Nirwanas“. Wie mag dies tönen? Aber davon ist nichts zu hören, zu erahnen oder zu erhoffen. Nicht heute Abend, vielleicht ein anderes Mal?

Methodischer Nachruf

Es ist in Grenzen möglich, akustisches Erleben „formal technisch“ zu beschreiben: was ist zu hören? Laut, leise, langsam, schnell, harmonisch, modal, atonal, exotische Tonfolgen, die Instrumentierung, eigene, bekannte und klassische Themen, Improvisation und noch so viel mehr. Dieser formal technische Ansatz ist bei der Beschreibung der heutigen Ereignisse angewendet worden. Immer unzureichend. Auch die Zuordnung zu den großen Kategorien der Musik wie Folklore, Pop, Rock, Jazz, Klassik, Neue Musik mit all ihre Variationen, Überschneidungen und Zwischenwelten kann technisch – in Grenzen - möglich sein.

Jedoch ist die Einordnung, die Bewertung, die Relativierung von Musik eine Angelegenheit von großer Subjektivität. Es geht nicht anders. So mögen andere dieses akustische Ereignis unterschiedlich beschreiben, bewerten und zu völlig anderen Ergebnissen kommen. Was bleibt? Selbst das nächste Konzert besuchen, eigene Eindrücke sammeln, bewerten und verbreiten.

Text: Cosmo Scharmer

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