Jazzing all over the World - Wynton Marsalis und sein Jazz at Lincoln Center Orchestra

von Cosmo Scharmer

Wynton Marsalis und sein Jazz at Lincoln Center Orchestra im Dresdner Kulturpalast 08.02.2018

Wynton Marsalis
Wynton Marsalis, Foto: Frank Stewart

Eigentlich ist schon alles gesagt und geschrieben worden. Wynton Marsalis, der zeitgenössische Jazztrompeter schlechthin. Ein Musiker, von dem der große Trompeter der klassischen Musik Maurice André, sagte, dass Wynton Marsalis wohl der größte Trompeter aller Zeiten sei. Da ist wenig hinzuzufügen, selbst wenn derartige Superlative stets gewagt sind. Aber sicher ist er einer der ganz Großen.

Das Jazz at Lincoln Center Orchestra besteht aus hervorragenden Mitstreitern, die mit ihren eigenen Kompositionen und Arrangements sehr viel zum Sound dieses Jazz-Orchesters betragen. Ja, diese Musiker wirken – in Anlehnung an die Drummer-Legende und den „Marsalis-Entdecker“ Art Blakey – als Botschafter in Sachen Jazz. So könnte die Aufgabe und die Wirkung des Orchesters auch lauten: „Wynton Marsalis & The Jazz Messengers“. Sie sind es ohne Zweifel, in jedem Stück ist es hörbar.

Verhalten fängt es an. Wynton Marsalis macht sich bemerkbar und auf den langen Weg von der hintersten Reihe der Trompetensitze zu dem exponierten Mikrofon für die Solisten. Er ist sofort bei der Sache. Dies sind eher traditionell schöne Trompetentöne, schmetternd, jubilierend, leicht überblasen und voller Vitalität. Die Band spielt lässig swingend ihre Musik und schafft den Rahmen für die vielen Stile, die hier und da aufblitzen. Es ist eine Art Rundschau in Sachen Jazz. Liebe Leut´, hört mal her, hier gibt es jede Menge Jazz. Die Band packt ihr Publikum an der Hand und entführt es in eine Reise durch die zahlreichen Stile der Jazzwelt, von gestern bis heute, wenn nicht von morgen.

Dabei helfen die raffinierten Arrangements von Standards wie die Freedom Suite von Sonny Rollins, das Walter Blanding originell gelingt. Dabei überlässt er es seinem Kollegen Sherman Irby am Altosax, ein so individuelles wie passendes Solo hinaus zu schleudern. Die Reise geht mit Standards weiter.

Ein Thema von Dizzy Gillespie kommt gemütlich swingend daher, unaufgeregt mit leichten Anklängen a la Latina, bietet es die treffliche Basis für ein Trompetensolo, diesmal für Markus Pintup, der zeigt, dass im Orchester neben dem Leader auch die anderen Trompeter sich auf höchstem Niveau bewegen.

Jetzt sind wir in Kuba angekommen. Eine Komposition des Bassisten Carlos Henriquez, bei der Jelly Roll Morton ein wenig Pate gestanden haben soll, beschwört die vertrackten Rhythmen von Mambo und verwandten Themen. Mehrere Wechsel von Tempi und Rhythmen erhöhen den Reiz dieses Titels ungemein. Hier gibt es jetzt für drei Solisten Gelegenheit, sich zu präsentieren. Ein weniger überzeugendes Bariton-Solo, das von einem gefälligen Posaunen-Solo abgelöst wird, um dann in dem auftrumpfenden Solo der Trompete zum Höhepunkt zu gelangen. Heiß lodert das kubanische Feuer!

Wir machen einen Abstecher nach New Orleans zu den Anfängen. Was hier ertönt ist nicht Dixieland, sondern klassischer New Orleans-Stil, aber zeitgenössisch dargeboten. Auf der Grundlage eines „Zwei-Takters“ – wuchtig untermalt vom tiefen Sound der „tragbaren Tuba“, dem Sousafon – wird die Lebendigkeit dieses Stils deutlich. Das Piano klimpert so richtig schön im alten Stil – old fashion piano. Im Mittelteil verändert sich mal schnell der Rhythmus zum Vier-Takter, um dann wieder zum vertrauten Beat der zwei Schläge zurückzukehren.

Wynton Marsalis kann bei diesem Stück nicht im Abseits stehen und zeigt hier die stilistische Bandbreite seines kreolischen Horns: ein „Potpourri a la Louisiana“ oder ein „Cajun Medley“, alles scharf gewürzt mit dem schallgedämpften Ton der Trompete.

Nach zeitgenössischer Jazzstilistik tönt eine Komposition des Saxofonisten Ted Nash. Über ein Walking Bass-Motiv, unterstützt vom warmen Brummen der Bassklarinette, erheben sich die von den Trompeten gespielten Melodielinien. Klares Blech, dessen metallener Charakter von den Dämpfern weiter verstärkt wird. Ted Nash lässt es sich nicht nehmen, selbst ein Solo beizusteuern. Sein Sopransax erzeugt Klänge, die stark energiebetont und freien Raum schaffend, sich durch seinen stringenten Aufbau auszeichnen. Ein Hauch von John Coltrane schallt durch den Saal. Davor, dazwischen und danach runden raffinierte Bläsersätze diesen Titel elegant ab. Contempory jazz at its best.

Was für ein Gegensatz zu dem folgenden Stück. Nach dem Arrangement von Sherman Irby wird ein alter Standard wieder wachgeküsst: „Yes Sir, that´s my baby“. Dies ist traditioneller Big Band Sound auf geruhsam swingender Basis. Der Mann an der Posaune kann sich jetzt auch als munterer Vokalist beweisen. In bewährte Manier singt er diese altbekannte Weise. Auch so kann Jazz tönen, unaufgeregt traditionell.

Bernstein, 1. Sinfonie gefällig? Warum nicht mal in klassischen Gefilden wildern? Es entsteht ein orchestraler Sound, der die Brücke spielend schafft zwischen der Komposition - konzipiert für ein Sinfonieorchester voller Streicher - und der jazzigen Interpretation durch eine Big Band. Der Ausflug in die Klassik klingt zunächst behutsam. Zunehmend verdichtet sich die Musik und es entwickelt sich ein kraftvoller Sound, den besonders die Bläsersätze hervorrufen. Die Drums mischen jetzt kräftig mit. Mit wirbelnden Paukenschlägen wird hier ohne Zweifel angesagt, dass es der Rhythmus ist, der den Jazz beseelt. Die Klarinette wirft zarte Klangfetzen in diese kompakte Klangwelt, die sich zunehmend verdichtet und sich zu einem gewaltigen orchestralen Jazz steigert, der auch was von Klassik erfährt.

Das letzte Stück vor der Zugabe gehört der Trombone Section, wie dies Wynton Marsalis ausführt. Und schon geht es ab. Ein akzentuierter Beat, verschachtelte Bläsersätze und viele Soli sorgen für einen dicht gewebten Klangteppich, auf dem die Soli der Posaunen und Trompeten musikalische Farben aufbringen und mit ihren Motiven den Klangteppich ausschmücken. Ein dazwischengeworfenes Bass-Solo verschönt auf seine Art. Und es ist Wynton Marsalis, der zeigt, was alles an Stilistik in seiner Trompete steckt, und was hier und jetzt raus will, nein, raus muss. So auch in der Zugabe, bei der sich das Orchester zu einem Quintett verkleinert. Mit der - durch einen überdimensionalen Dämpfer - gestopften Trompete bläst er nach allen Regeln der Jazzkunst seine Hörer schwindelig.

Wie geht es weiter? Alle zwei Jahre Wynton Marsalis in Dortmund, Dresden oder London hören? Jedes Jahr nach New York fliegen? Oder einfach nach Berlin fahren?
Ja, so einfach und so nah. Auch wenn es angesichts der hohen Qualität des Jazz at Lincoln Center Orchestra verwegen anmuten mag, auf Berlin und seine Big Bands zu verweisen. Diese verfügen nicht in allen Aspekten über die Qualität von JLCO, spielen jedoch in derselben Liga. Was das Maria Baptist Orchestra betrifft, so kommt diese Big Band der von Wynton Marsalis schon ziemlich nahe.
Wer´s nicht glaubt, der kann sich persönlich davon überzeugen. Zum Beispiel im Jazzclub Schlot an jedem 1. Freitag im Monat.

Text: Cosmo Scharmer

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