Lebende und tote Legenden und deren Nachfahren

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Wassermusik X - Die Eröffnung – Wassermarkt
Wassermusik X - Die Eröffnung – Wassermarkt, Foto: © Laura Fiorio/HKW

Lebende und tote Legenden und deren Nachfahren:
Abdullah Ibrahim & Ekaya, Sun Ra Arkestra, Idris Ackamoor & the Pydamids
Berliner Festival Wassermusik X im Haus der Kulturen der Welt am 04.08.2017
Ein Bericht von Cosmo Scharmer

Idris Ackamoor and the Pyramids

Auch diese Gruppe sieht sich in der Tradition des kosmischen Sounds von Sun Ra und seinem Arkestra. So ihr Selbstverständnis und so die Programm­ankün­digung. Die Gemeinsamkeiten sowie die Unterschiede sind schnell auszumachen.

Unterschiedlich sind die Instrumentierung (nur ein Saxofon, kein Piano, stattdessen die Violine), die spärlicher ausfallende Kostümierung – nur Idris präsentiert sich im knalligen Pharao-Kostüm - und als Wichtigstes: die Musik.

Waren im Anfangsjahrzehnt und den folgende Jahren noch das freie Piano-Spiel des Gründers Sun Ra und ein ins atonale abdriftende schwarzer Jazz-Sound auszumachen, so verflachten seine Nachfahren die Musik zusehends zu einer leichten Mischung aus Pop-Soul-Jazz, bei dem die atonalen Klang-Ausflüge ihrer Saxophone mehr als Alibi erschienen. Siehe die Besprechung des Konzertes vom 27.06.2017 in Berlin.

Bei Idris Ackamoor and the Pyramids besteht keine musikalische Verwechslungsgefahr. Seine Musik ist eine Kombination aus gängigen Rhythmen, die mal als Funk, mal als Rock in den Klangfarben des psychedelischen Rocks der Siebziger Jahre rüberkommt und mal irgendwas dazwischen. Über diese Basis wechseln sich Alt- wie Tenorsaxophon mit der Violine in ihren Improvisationen ab. Die Band bemüht sich Klangfelder zu erzeugen, die stärker musikalische Energie, schwebenden Zustand oder Atmosphären beinhalten sollen. Die Mittel dazu sind lange Tonfolgen und ein Gefidel in den hohen Lagen, die den sphärischen Charakter und eben den kosmischen Sound ausmachen sollen. Da dies musikalisch nicht überzeugen kann, hilft man sich mit dem floskelhaften Beschwören von „kosmischen“ Texten.

Hier sind wir jetzt bei den Gemeinsamkeiten der Erben mit dem Original: Texte, die sich oft wiederholen, sollen Bezug, Verbundenheit und Einheit zum Kosmos herstellen. Dies klingt dann so: “I walking in the galaxy in the universe … silent days … we know the sun dance”. Auf weitere Beispiele wird verzichtet.

Das Publikum ist freundlich und spendet auch Applaus, aber so richtig gefallen hat es Ihnen eher weniger. Dies mag auch daran liegen, dass die folgenden Musiker nicht nur in einer andern Liga, sondern in einer anderen musikalischen Galaxie spielen werden.

Abdullah Ibrahim and Ekaya

Die Legende
Dieser Pianist hat den Ruf eine Legende zu sein. Dies ist er in mehrerlei Hinsicht: als politisch wirkender Jazzmusiker in den dunklen Zeiten der Apartheid in Südafrika, der die schwarze Jazzmusik als Protest und Widerstand begriff. Daran anschließend erspielte er sich einen weltreifen Ruf als versierter Pianist, der dem solostischen Pianospiel im Jazz innovative „Saiten“ von Ruhe und Gelassenheit anklingen ließ. Dabei wurde und wird er als musikalisch politischer Botschaft der Anti-Apartheid wahrgenommen. Dies widerspiegelt sich auch im Namen seiner Band Ekaya (Heimat), die oft als Sex- oder Septett sich formatierte.

Der ruhende Gestus verhalf seiner Musik zu immer stärkender werdenden meditativen Ausprägung, die zu seinem Sound wurde: geruhsam, sensibel, eine meditativ musikalische Reflexionen über die Welt, eine „grüne“ den Ressourcen der Welt verpflichtende Lebens- und Kunsthaltung. Dies alles reicht für mehrere Legenden und dies alles macht den Pianisten zu einem perfekten Botschafter für das Berliner Festival Wassermusik X im Haus der Kulturen der Welt (HDK) am 04.08.2017, das die - ungleich verteilte Lebensressource Wasser - zum Anliegen macht. Im Tiergarten an der Spree gelegen ist das Ambiente der „schwangeren Auster“ vortrefflich, nahezu perfekt; das Wetter ist mehr als gnädig und schenkt Sonnenschein.

Im Begriff der Legende schwingt – oder kann mitschwingen - auch eine negative Note: nicht mehr auf der Höhe seines Schaffen zu sein, schon etwas angestaubt, mehr von vergangenen Zeiten und seinem Ruf zu leben als von der aktuellen Präsentation seiner Musik. Ja, diese nostalgisch von Ruhm früher Zeiten lebenden (Jazz)Musiker gibt es. Ihr Publikum verzeiht ihnen alles, auch wenn die Musik nur noch als Abklatsch früherer Tage erklingt.

Bei Abdullah Ibrahim sind solche Befürchtungen gegenstandslos. Seine Musik ist höchst lebendig, seine Performance ist ausdrucksstak wie eh und jeh. Er hat von seiner Aura nichts verloren, eher hat sie sich verstärkt. So tritt Abdullah Ibrahim als wissender Magier vor sein Publikum, das er – schon durch sein Erscheinen –in den Bann schlägt. Sagen muss der Meister nichts. Sein Bann wirkte auch sofort beim jungen Publikum und den nicht wenigen Besuchen – so aus zahlreichen Gesprächsfetzen vernehmend – die Abdullah Ibrahim (noch) nicht kannten.

Das Konzert
Anfang und Ende gehören dem Meister. Das akustische Verzaubern beginnt durch ein sein solistisches Pianospiel, das verhaltene Themen einleitet und vorbereitet bis dann die Band – seine gelassene Haltung übernehmend – den Sound weiter ausbaut. Stark verdichtend halten sich Hintergrund-Klänge und Soli der Bläser die Balance. Die meditative Spielweise von Abdullah Ibrahims Solo-Piano überträgt sich auf die Musiker von Ekaya. Vorsichtig werden die Themen übernommen und durch ihre Improvisationen individuell ausgestaltet. Es ertönt kammermusikalische Jazzmusik mit der Klangkraft einer großen Band.

Die Musiker nehmen sich die Freiheit - alles auf Basis des Sounds von Abdullah Ibrahim natürlich – zu zeigen, wie sich Jazzimprovisationen auswirken können, wenn musikalische Substanz und solistisches Können zusammen finden. Dies wird auch in kleinen Zusammensetzungen als Duo oder im Trio praktiziert, wobei der Bassist zum Cello greift.

Die Verdichtung der Musik ist so stark, dass es zuweilen wie eine klassische Big Band mit ihren 16-köpfigen Korpus klingt. Aber den Sound erzeugen lediglich die Saxofonstimmen von Alt, Tenor und Bariton, abgerundet durch das anmachende Blech der Posaune.

Von den eingesetzten Flöten (Quer- & piepsige Piccolo-Flöte) abgesehen, bevorzugt Abdullah Ibrahim bei seinen Bläsern die Instrumente mit den tieferen Lagen. So wird oft auf die Trompete mit ihren hohen Metall-Klangcharakter verzichtet. Dafür schwelgen Posaune und Bariton-Sax oft in den tiefen Tönen. Alles wirkt getragen, raumeinnehmend im Gefühl von „leichter Schwere“.

Aber es Kann auch anders klingen. In bester Jazztradition treibt die Rhythmen Section ein Thema swingend voran, die Solisten packen ihre Soli auf diesen vorwärtstreibenden Klangteppich und schon fliegt alles – das Publikum eingeschlossen – auf und davon. Ein verführerischer 3-Takter zeigt wie zeitgenössisch erfrischend ein langsamer Walzer klingen kann.

Zum Abschied gibt es das Verbeugungsritual. Mehrfach – in alle Richtungen des Publikum– sich verbeugen ist die Pflicht der Musiker. Da kennt der Meister keine Nachsicht. Alle seine „Jungs“ müssen sich in Demut dem Publikum wiederholt verbeugen. Das Publikum begleitet dies durch lautes Zurufen und klatscht sich die Hände wund. Bei der letzten gemeinsamen Verbeugung aller, da blitzt sogar Glückseligkeit in den Augen von Abdullah Ibrahim auf – seine Musik wird verstanden!

Sun Ra Arkestra im Festsaal Kreuzberg

Auch dieser Name zeugt von Legendenbildung. Obwohl oder gerade weil der Meister dieser „galaktischen“ Formation schon seit Jahrzehnten diesen Planeten verlassen hat. Sein freies, stärker atonal ausgerichtetes Pianospiel, das die Musik der Band als schwarzen Free Jazz einst prägte, scheint jedoch nicht mental auf die noch auf Erden weilende Band und insbesondere nicht auf den Pianisten übergegangen zu sein. Nichts, aber auch nichts erinnert an den galaktischen Impuls früherer Tage.

Aber der Reihe nach. Am 27.06.2017 tratt die altgediente Band neben neuen Musikern – auch dies eine gepflegte Tradition des Archestras – mit zwei alten Recken aus den Gründungstagen, die ihre Saxophone schrill in den Kosmos, genauer in die Luft des Kreuzberger Festsaals (der in Treptow liegt) stießen. Dies taten sie in alter Tradition des Arkestra. Spitze, grelle Schreie aus Alt und Tenor belegten oder sollten belegen, dass die Band noch dem Genre des freien Jazz zugerechnet werden kann. Es blieb nur bei kurzen Bekundungen in Sachen freies Spielen, bei denen ihnen schnell die Luft ausging. Ausgeführte musikalische Themen oder eine musikalische Idee, die improvisatorisch entwickelt wurde, konnten leider nicht ausgemacht werden. Es blieb nur bei der Geste von Atonalität oder Freiheit in ihrer Musik.

Dafür sollte der unterschwellige Basis-Sound der übrigen Musiker entschädigen. Nun, dies war auf dem gegenteiligen Pol der zeitgenössischen Musik angesiedelt: ein paar Pop-Rhythmen, viel leichte Kost, einfache melodische Klänge, ein wenig Soul, dessen Bläsersätze noch zum Besten des Konzertes gehörten. Nun, alles ist erlaubt im Jazz, wenn es Substanz, musikalische Idee und individuelles solistisches Können beinhaltet. Hier fielen die Pole zwischen leichter Unterhaltung und „avantgardistischem“ Gestus zu weit auseinander. Dies war ein Sound des „weder noch“. Als Brücke sollte das beschwörende Singen oder nur Vortragen von kosmischen Texten dienen. Aber nur durch Wiederholung von Wortfetzen wie „Stars, Cosmos oder Universe“ ist weder ein kosmischen Sound, was dies immer sein mag, noch eine kosmische Gesinnung zu erzeugen. Also ein musikalischer Misserfolg?

Denkst´de, weit gefehlt. Den Anwesenden gefiel es! Da kam die leichte Musik mit den sprachlichen Floskeln und den bunten – stark afrikanisch-ethnisch inspiriert - Kostümen und den schrillen Saxophonklängen auf poppiger Basis gut an! Es wurde mitgeschunkelt, die Hüften konnten kreisen und auch auf Zigaretten und Joints musste nicht verzichtet werden. Da störte vielleicht nur die zu gut gefüllte Halle des Festsaals und die schwül-stickige Luft bei dieser esoterischen Darbietung eines „kosmischen“ Sounds.

Nun, dies muss dem Arkestra wirklich zugutegehalten werden. Sie haben ihr Publikum gekonnt „verhext“. Da ging vielleicht doch eine kosmische Botschaft über die Gläubigen nieder, die einem kritischen Ohr verborgen blieb, die aber die Herzen des Publikums gewann. Dies ist anzuerkennen, auch wenn es wohl mehr Gaukelei als Verzauberung war. In einem gewissen Sinn haben die Musiker des Arkestra der Legende von Sun Ra ein wenig Leben eingehaucht.

Text: Cosmo Scharmer

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