Ménage à Trois - Julia Hülsmann-Trio im Berliner ZigZag-Club 18.02.2018

von Cosmo Scharmer

Julia Hülsmann-Trio
Julia Hülsmann-Trio, Foto Cosmo Scharmer

Unter den dichtenden Musikern des Jazz gilt sie als Die Lyrikerin. Statt Papier oder digitaler Tastatur sind die schwarz-weißen Tasten des Pianos ihr Medium. Ob Stift oder Hände, alles – im sprachlichen Poem wie im musikalischen Gedicht - speist sich aus der Inspiration des Künstlers oder der Künstlerin. Erraten! Wir sprechen von Julia Hülsmann, der Jazzpianisten aus Berlin. Sie sei – so die Kritik – aus dem Jazz in Deutschland nicht mehr wegzudenken. Ja, und so ist zu ergänzen, aus dem Berliner Jazz ebenfalls nicht.

Sie macht sich durchaus rar mit ihren Auftritten, aber heute Abend ist Gelegenheit, die pianistische Lyrik, unterstützt von Bass und Drums, im Trio live-haftig zu erleben.

Dezent swingend geht es mit einer Komposition des Bassisten Marc Muellbauer los. Bewegter Walking Bass, vom Besen und den bloßen Händen des Drummers Heinrich Köbberling perkussiv forciert, macht dieser Auftakter schnell klar: ihre „Jungs“ sind nicht nur Begleiter, sondern spielen auf Augenhöhe mit der Chefin. Und es ist Julia Hülsmanns Wille, dies zuzulassen und sich nicht mit ihrem Können sowie der Klanggewalt des Pianos in den Vordergrund zu drängen.

Ein wenig nach Orient-Pop klingt das nächste, aus Kirgisien mitgebrachte Thema, das nach langer solistische Vorbereitung durch das Piano dann auch schon zu Ende ist, bevor die Melodielinie richtig zu erkennen war. Macht nichts! Einen Tick freier tönend kommt „Day Jay“ daher. Auch dieser Titel zeigt durch die raffinierte Rhythmik die Handschrift, besser den Handschlag, des trommelnden Schlagzeugers, alles mit federnden Besen. Die Lady am Flügel kann auf dieser musikalischen Basis einfach mal nach Herzenslust befreit swingen.

Jedes Stück klingt völlig anders. Nach einen Ostinato-Motiv mit sparsamen Variationen durch das Piano bewegt sich das Thema in Richtung Neue Musik – gleichwohl ob von Jazz oder Klassik anvisiert. Rhythmisch packend gibt es auch einzelne, melodisch irritierende Klänge. Nicht alles tönt nach Lyrik. Nee, jetzt werden auch mal harmonische Brüche in die Tasten gehauen. Dichterische Freiheit eben, dazu noch witzig.

Mit seiner Komposition „Weit weg“ erweist sich Bassist Marc Müllbauer als melodischer Gourmet. Gemeinsam zaubern alle drei Klanglandschaften voller Lyrik. Dies sind akustische Tagträume in sanfter Landschaft im milden Licht, angefüllt mit vergänglicher Schönheit. An dieser Stelle ist zu sagen: Dieses Trio muss eine sehr enge Bindung haben. Dies ist eine „Ménage a Trois“, eine musikalisch-emotionale Dreierbeziehung, die blind aufspielt.

Julia Hülsmann-Trio
Julia Hülsmann-Trio, Foto Cosmo Scharmer

Mit einem gefälligen Song von Radio Head, der keine artistische Kunststückchen benötigt, geht es in die Pause. Mit überraschender Vielfalt geht es auch im 2. Set weiter.

„No Game“ sperrt sich dem leichten Genuss, wirkt verstörend, fordert den Hörer. Auch dies kann jazzige Lyrik sein, so als wenn ein „Hölderlin den Gottfried Benn“ verfolgt. „Wrong Song“ versöhnt wieder. Nach ruhigen, sanften Tönen schält sich das Motiv heraus. Die Musik bleibt sparsam, alle konzentrieren sich auf das Wesentliche, Schnörkel sind nicht erforderlich.

Ähnliches verfolgt „The Poet“ von Marc Muellbauer. Solistisch souverän führt der Bass ins Thema. Die andern kommen hinzu. Auch hier ist wieder diese vertraute Übereinstimmung zu spüren, diese traumwandlerische Sicherheit. Dabei spielen die rhythmischen Komponenten ihres Sounds einen unverzichtbaren Part. Stets spielen Bass und Drums „Hand in Hand“. Bei Heinrich Köbberling sogar wortwörtlich. Mit der bloßen Hand schlagend, mit der anderen den Besen rührend, kann dieser spritzige Rhythmus dem tänzelnden Vorbild Mohammed Ali gerecht werden, der die „Vorlage“ beisteuerte.

Jetzt darf es wieder swingen, aber nicht geruhsam, sondern erdig mit der stacheligen Schräge, die einer Hommage an Thelonius Monk angemessen erscheint. „Who ist Next?“ stellt sich als Power Play vor, was das Zeug hält. Die Zugabe ist dann wieder was für das Poesiealbum des Erlebten. Diese Musik ist aus dem Leben, das mit Jazz sich verschönert.

Text: Cosmo Scharmer

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