Nordische Weiten als Meditation jenseits der Genres von Klassik und Jazz

von Cosmo Scharmer

Julia Hülsmann-Trio
Gerdur Gunnarsdóttir & Claudio Puntin, Foto Cosmo Scharmer

Gerdur Gunnarsdóttir (Violine) & Claudio Puntin (Klarinetten)
Jazz aus Berlin in A-Trane am 03.04.2018

Anfang und Ende gehören dem sanften Säuseln des Windes. Zart, kaum hörbar stimmen die Imitationen des Windes alle ein. Eine schmachtende Melodie der Violine, unterstützt durch die warmen Tupfer der Bassklarinette, lassen nordische Weiten voller traurig schöner Einsamkeit entstehen. Diese Bilder – auch wenn sie die Grenze zum Klischee anstoßen - sind unvermeidlich. Was derart tönt kann vielen Genren gerecht werden: Klassik, neue Musik, Folklore, Filmmusik, Jazz. Egal, diese Musik schwelgt im Wohlklang von Harmonien und melodischen Figuren, die höchst individuell präsentiert werden.

So wie der Auftakt, der sich an einem isländischen Volkslied orientiert. Wir erleben jetzt GG und CP, die – auch wenn sie seit geraumer Zeit in Berlin leben – genügend musikalische Themen aus dem nordischem Island mitgebracht haben. Dies sind gewinnende Themen, die durch ihre Ruhe, ihre in sich geschlossene Balance von Komposition und Improvisationen überzeugen. Ungewöhnlich, die Bratsche ist mit ihrer etwas tieferen Klangstimme oft zu hören und bietet der Klarinette weiten Raum für solistisches Spielen.

Mehrere Titel wären nicht nur für die Auseinandersetzung mit Mediation sehr geeignet, sie haben selbst den Charakter einer Meditation, die sich nicht nur in der „Betrachtung“ äußern kann, sondern sich auch in Aktivitäten wie Musikmachen erfüllt. Dieses verzahnte, betörend verwobene Zusammenspiel von Geige (Bratsche) und Bassklarinette (Klarinette) ist solch eine Manifestation von hoher Musikalität jenseits der Genren.

Natürlich können sie auch anders: Der Titel „Isländische Pferde“ ist ein wilder Ritt durch Melodien und besonders Rhythmen, die eher an Tradition und Temperament Südosteuropas erinnern. Dies nutzt die Bassklarinette, um sich richtig freizuspielen. Und so artet dieses Stück in eine jazzige Raserei aus, die das andere Spektrum von Schönheit in ihrer Musik betont. Aber auch in diesen Improvisationen tönt eine - an der Klassik orientierte – Stimmbildung, präzise, klar und sauber, ohne die „dreckige“ Intonation des Jazz.

Neben den nordisch dunklen Themen nähern sich andere Titel schrägen - leicht orientalisch anmutenden - Stimmungen an. Ein durch die Violine erzeugtes Stakkato bringt die Klarinette dazu, „balkaneske“ Melodiefetzen reinzuwerfen. Ein Hauch von Klezmer, die musikalische Kulisse für einen anmutigen tiefgründigen Film. Vieles ist in dieser Musik zu entdecken. Bitte mehr davon!

Text: Cosmo Scharmer

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