Youn Sun Nah im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie – 28.10.2019

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It´s the Wrong Place at the Right Time - Youn Sun Nah im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie – 28.10.2019

Youn Sun Nah, Foto: Sung Yull Nah
Youn Sun Nah, Foto: Sung Yull Nah

Youn Sun Nah – Gesang
Tomek Miernowsk – Gitarre/Keyboard
Rémi Vignolo – Bass/Drums

Die Location verspricht viel, besonders was die Akustik betrifft. Die ist ausgezeichnet. Dagegen kann die Optik eines relativ großen Kammermusiksaals nicht mit der Intimität eines (Jazz-)Clubs mithalten. Die empfindsame, zarte und bisweilen fast zerbrechlich wirkende Stimme von Youn Sun Nah könnte also ausgezeichnet mit der Akustik des Ortes harmonieren. Es verspricht, spannend zu werden.

Der Saal ist – wohlwollend betrachtet - halbvoll. Schade. Ebenso sparsam wie das Publikum ist die Besetzung des Trios. Die Vokalistin hat nur 2 Kollegen mitgebracht. Einen Gitarristen, der auch mal in die Tasten des (E-)Pianos schlägt, und einen Bassisten, der auch die Drums bedient.

Das Bühnen-Arrangement der Instrumente, Verstärker und Boxen wirkt ungewöhnlich für den Kammermusiksaal. Dessen Bühne befindet sich in der Mitte des Raums. Dadurch kann das Publikum das Geschehen von allen Seiten gut hören und ¾ des Publikums können gut sehen. Demzufolge braucht es keine nur zur Stirnseite ausgerichteten Lautsprecherboxen. Im Kammermusiksaal braucht die Musik keine Verstärkung, alles kann/könnte rein akustisch dargeboten werden.

Die Besonderheiten des Raums werden nicht genutzt. Im Gegenteil. Es erschallt eine frontal ausgerichtete und verstärkte Musik, die nur ¼ des Publikums erreicht und dadurch die Akustik des gesamten Raums konterkariert, ja verzerrt. Auch die Performance ist nur zur frontalen Stirnseite ausgerichtet. Dadurch können ¾ des Publikums die Mimik, die Gestik der Sängerin nicht erfahren. Bedauerlich oder ärgerlich, je nach Temperament. Vollkommen unverständlich, wie solch ein Ambiente völlig ignoriert werden kann.

Die Themen: Da gibt es folkloristich inspirierten Balladen, die teils klassische Standards sind. Bei diesen Themen weht ein Hauch von der irisch-keltischen See herüber, was nicht nur an der Imitation von Möwenstimmen liegt. Die Klangfarben der Sängerin sind überwiegend elegisch, mal ins Melancholische und Tragische abgleitend. Bei diesen - wie auch bei den anderen - Themen begleiten die Mitmusiker sehr zurückhaltend. Sie lassen – von ihren kurzen Soli abgesehen – der Stimme von Youn Sun Nah den ganzen Raum, sparsam mit der Unterstützung. Gleich ob dies die Gitarre/Piano von Tomek Miernowsk oder den Bass/Drums von Rémi Vignolo betrifft. Alles ist nur angedeutet, angespielt, angerissen. Überwiegend spielt kein Trio, sondern das Duo bestimmt das Geschehen. Anders gesagt: Nur ein Instrument begleitet Youn Sun Nah.

Neben den folkloristischen Themen springen einige rhythmisch stärker bewegte sowie jazzige Titel ins Ohr. Ob leise Besen, verhaltene Klöppel oder gängige Trommel-Sticks, der Drummer liefert die rhythmische Grundlage, ergänzt von den Riffs der Gitarre. Youn Sun Nah nutzt diese Vorgaben, um ihr Scatting zu präsentieren. Das geschieht auf ihre höchst eigene Art und Weise. Die Stimme steigert sich langsam, aber kontinuierlich, wird ein wenig lauter, schraubt sich in hohe und höchste Lagen, kratzt an der Grenze zur klassischen Koloratur, überschreitet sie kurzzeitig. Den akzentuierten Beat des Drummers mit seinen wuchtig geschlagenen Becken nutzt die Vokalistin, um ihre Stimme noch mal zu steigern. Höher und höher, dabei ins Schrille kippend, hat die Intonation ihrer Stimme etwas Theatralisches, Opernhaftes. Das Scatting wird zur Jazz-Koloratur à la Youn Sun Nah. Das anschließende Kontrabass-Solo von Tomek Miernowsk verschafft der Musik die Erdung. Dieses ansprechende Solo war nicht im vorigen Thema integriert und wird es nicht in den noch folgenden Titeln sein. Das betrifft sämtliche solistische Einsprengsel von Gitarre und Piano. Mehr Sparsamkeit geht nicht, dann kommt schon Geiz.

Ein durchgeschlagener gerader Beat des Drummers – unterstützt von Keyboard/Gitarre - zeigt an, dass die Performance im Rock angekommen ist. Es ist ein Rock mit dem spezifischen Jazz-Scatting der Vokalistin als Zuckerguss, weniger süß, mehr (zart-)bitter. In diesen Themen ist mehr Dramatik und Wucht im Spiel des Drummers und des Gitarristen zu hören als in den folkloristischen Balladen und Chansons. Hier kann die Sängerin auch mal schmettern, rockig röhren, in die vollen gehen. Aber nicht zulange, denn schon wartet das nächste Genre auf seinen Auftritt.

Die Rubrik heißt Spirituals und Gospels. Die vorgestellten Titel wie Mercy, Mercy und Halleluja werden sehr traditionsbewusst angestimmt. Als klassische Hymnen schreckt auch die Vokalistin nicht davor zurück, sie mit gehörigem Pathos, Hingabe und Verklärung zu zelebrieren. So sollen Lob- und Preisgedichte auch sein, derart tönen sie durch den Saal.

Nach dem Vorstellen der Band ist noch mal Rock angesagt. Die Gitarre von Tomek Miernowsk legt vor, die Drums ziehen nach; es ertönt eine Art Disko-Funk mit gesanglichen Hip-Hop-Sequenzen. Ein solider Rock blitzt kurz auf, um dann dem Midnight Rider zu huldigen. Der Drummer schlägt jetzt seine Trommeln ohne Pardon. Eigentlich ist dies schon der Rausschmeißer-Song. So nehmen es auch die Anwesenden wahr. Stehende Ovationen, dem Publikum hat es offensichtlich sehr gefallen. Mit dem Pop-Song der Supremes You Can´t Hurry Love erkämpft es sich noch eine echte Zugabe.

Was wäre vielleicht losgewesen, wenn das Trio das Ambiente so genommen hätte wie dies klanglich möglich wäre, also akustisch oder ohne Frontalbeschallung gespielt hätte? Nicht auszudenken. Aber dem war nicht so. Ein Jazz-Standard hat den bekannten Refrain:
It´s the Wrong Place at the Wrong Time.
Die Zeit war richtig, der Ort Kammermusiksaal war der falsche!

Mehr über Youn Sun Nah

Youn Sun Nah - ein Portrait bei Jazz-Fun.de
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Aktuelles Album:

Youn Sun Nah - Immersion

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