Cassandra Wilson ist tot – Eine unverwechselbare Stimme des Jazz ist verstummt
Von Angela Ballhorn
Es gab die frühe Riege der Jazzsängerinnen: Ella Fitzgerald, Sarah Vaughn, Nina Simone oder Billie Holiday waren allesamt einzigartig und sofort zu erkennen.
Und es gibt ihre Nachfolgerinnen, die in die großen Fußstapfen ihrer Vorgängerinnen getreten sind, ebenso unverkennbar sind und der Jazzgeschichte ihren Stempel aufgedrückt haben. Hierzu gehören auf jeden Fall Dee Dee Bridgewater, Dianne Reeves und Cassandra Wilson.
Letztere ist am 1. September ganz unerwartet im Alter von nur 70 Jahren verstorben. Ihre charakteristische tiefe und seelenvolle Stimme ist verstummt.
Cassandra Wilson war nie „nur“ Jazzsängerin, sie vereinte in ihrer Musik Blues, Folk, Country und Jazz.
1955 in Mississippi in eine musikbegeisterte Familie geboren, entdeckte Cassandra Wilson früh ihre Liebe für Jazz und auch Motown Soul. 1981 verließ sie die Südstaaten und zog nach New York. Dort wurde sie als Mitglied des Jazzkollektivs M-Base um den Saxofonisten Steve Coleman bekannt. 1992 unterschrieb die Sängerin einen Vertrag bei Blue Note Records und veröffentlichte ein Jahr später das Album „Blue Light 'Til Dawn“.
Ihr Blue Note Debüt besticht durch den Wechsel weg von elektronischen Elementen zu einer rein akustischer Besetzung. Mit Robert Johnsons „Come On In My Kitchen“, Joni Mitchells „Black Crow“ oder „Last Train To Clarksville“ der Monkees verschmolz sie Blues, Pop, Weltmusik, Country und Jazz auf einzigartige Weise.
Sechzehn Alben unter eigenem Namen hat Cassandra Wilson veröffentlicht, das letzte erschien 2015. „Coming Forth by Day“ war eine Verbeugung vor Billie Holiday und erschien zu deren 100. Geburtstag.
Cassandra Wilson wurde mit zwei Grammys ausgezeichnet und erhielt zahlreiche weitere Ehrungen. 2001 bezeichnete das Time Magazine sie als „America’s Best Singer“, 2022 wurde sie zum NEA Jazz Master ernannt.
Die Künstlerin konnte Veranstalter mit ihrem divenhaften Verhalten manchmal zum Wahnsinn treiben, sie aber auch mit mitreißenden Performances sofort wieder versöhnen. Die ganze Schönheit ihrer Stimme und ihre Fähigkeit, Gefühle tief zu vermitteln finden sich in Cassandra Wilsons Interpretation des Standards „You Don't Know What Love Is“ auf dem Album „Blue Light ’Til Dawn“.
Über die Autorin
Angela Ballhorn ist Jazzjournalistin und ausgebildete Flötistin mit langjähriger Erfahrung im Musikjournalismus. Ihr besonderes Interesse gilt den Geschichten hinter der Musik und den kreativen Prozessen der Künstlerinnen und Künstler.
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