Jazz Now! 2022 – Rückblick: Jazzmusiker*innen nehmen faire Vergütung und soziale Absicherung in den Fokus

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Jazz Now! 2022
Jazz Now! 2022

+++ Jazz Now! 2022 fand mit 500 Teilnehmer*innen und Gästen digital und vor Ort in München statt
+++ Ministerin Ina Brandes kündigt in Paneldiskussion verbindliche Honoraruntergrenzen an
+++ Kampf um faire Vergütung, soziale Absicherung und ausreichende Altersvorsorge trifft Interesse

Berlin, 10. November 2022 | Rund 500 Teilnehmer*innen digital und vor Ort. Vier hochkarätig besetzte und live gestreamte Paneldiskussionen u.a. mit Ina Brandes, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und Vorsitzende der Kulturminister*innenkonferenz (KMK) sowie Anton Biebl, Kulturreferent der Landeshauptstadt München.

Ein World Café mit fünf Thementischen und vier Workshops mit 50 Teilnehmer*innen vor Ort. Eine hybride Mitgliederversammlung, jede Menge Austausch und Vernetzung zwischendurch – und zu guter Letzt viel spannende Musik bei den Konzerten des Jazzfest München 2022: Das war die Jazz Now! 2022, das 26. Jazzforum der Deutschen Jazzunion, das am 3. und 4. November 2022 in München stattfand.

Prolog: "Jazz is dead?!"

Bereits am 1.11. fand mit dem digitalen Panel "Jazz is Dead?!" der Auftakt zur Jazz Now! im Rahmen der Digitalen Akademie "Insight Out" statt. Dort diskutierten Theo Croker, der sich selbst als einen "Geschichtenerzähler, der durch seine Trompete spricht" bezeichnet, sowie der Musiker und promovierte Musikwissenschaftler Dr. Harald Kisiedu. Themen waren die Problematik des Begriffs Jazz, Mechanismen und Gefahren der Institutionalisierung dieser Musikform sowie pädagogische Konsequenzen daraus. Die Veranstaltung wurde moderiert von Dr. Bettina Bohle, der Leiterin des unter dem Arbeitstitel "House of Jazz – Zentrum für Jazz und Improvisierte Musik" laufenden Projekts, das sich ebenfalls viel mit den genannten Fragestellungen beschäftigt.

Eröffnungspanel: "Vom Spielen Leben? Faire Vergütung für Jazzmusiker*innen"

Auf dem Eröffnungspanel "Vom Spielen leben? Faire Vergütung für Jazzmusiker*innen" diskutierten Prof. Anette von Eichel (Vorsitzende der Deutschen Jazzunion) und Prof. Tizian Jost (Vorsitzender des Bayerischen Jazzverbands) mit Ministerin Ina Brandes und Kulturreferent Anton Biebl unter der Moderation von Camille Buscot (Deutsche Jazzunion) über politische Ansätze zur Verbesserung der prekären wirtschaftlichen Situation vieler Jazzmusiker*innen sowie die Chancen und Risiken von Mindestgagen im Kontext öffentlicher Förderung.

Ministerin Brandes betonte u.a., dass in Nordrhein-Westfalen bei einer Anhebung der Mindestgagen keine negativen Auswirkungen etwa in Form einer Verringerung der Anzahl von geförderten Künstler*innen und Projekten zu erwarten seien. Brandes kündigte Honoraruntergrenzen für öffentlich geförderte Projekte für das Land NRW ab dem Jahr 2023 an. Sie wies auf die Notwendigkeit einer flexiblen Vergütungsmatrix hin vor dem Hintergrund der großen Unterschiede bei den Lebenshaltungskosten zwischen verschiedenen Regionen Deutschlands. Die Umsetzung der von der Kulturministerkonferenz verabschiedeten Matrix läge nun in der Verantwortung der einzelnen Bundesländer.

Die Panelist*innen diskutierten darüber, was unter einem fairen Einkommen zu verstehen sei – auch angesichts des großen Anteils vorbereitender und meist unvergüteter Tätigkeiten, den die vorab zitierte Jazzstudie 2022 belegt.

Auch über Aspekte der sozialen Absicherung wurde gesprochen, so zum Beispiel über eine notwendige Stärkung der Künstlersozialkasse (KSK). Anette von Eichel lobte ausdrücklich, dass die Politik der sozioökonomischen Situation im Kunstbereich inzwischen mehr Aufmerksamkeit widme. Anton Biebl und Ina Brandes wiesen nachdrücklich darauf hin, dass genaue Zahlen für die Politik unerlässlich seien, um entsprechende politische Instrumente ausgestalten zu können. Zudem machte Anton Biebl die große Bedeutung einer guten Abstimmung und funktionierenden Aufgabenteilung zwischen Kommunen und Ländern bei der Kulturförderung deutlich – gerade auch mit Blick auf die Erhöhung und Etablierung von Honoraruntergrenzen.

Panel: "Jazzpilot*innen im Gespräch – Vermittlung von Improvisierter Musik und Jazz in stürmischen Zeiten"

Jazz Now! 2022: Teilnehmer*innen des Eröffnungspanel
Jazz Now! 2022: Teilnehmer*innen des Eröffnungspanel am 03.11.2022 mit Prof. Tizian Jost, Anton Biebl, Ina Brandes, Prof. Anette von Eichel" (v.l.n.r.) © Godehard Lutz

Äußerst inspirierend und spannend ging es auch beim Panel "Jazzpilot*innen im Gespräch – Vermittlung von Improvisierter Musik und Jazz in stürmischen Zeiten" zu. Hier diskutierten Corinna Danzer (Jazzpilot*innen Arbeitsgruppe), Prof. Dr. Michael Görtler (OTH Regensburg), Alexander von Nell (Netzwerk Junge Ohren) und Ulrike Schwarz (Jazzpilot*innen Arbeitsgruppe) moderiert von Jakob Fraisse (Deutsche Jazzunion) über die Ergebnisse einer fast 2-jährigen Recherche- und Konzeptionsphase im Rahmen des Kooperationsprojekts "Jazzpilot*innen" der Deutschen Jazzunion und der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb.

Internationales Panel: "Gender und Jazz – Where are we now and what's next?"

Expert*innen aus Dänemark, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland, die gemeinsam im Netzwerk "Voice for Jazz Musicians in Europe" aktiv sind, vermittelten beim Panel "Gender und Jazz – Wo stehen wir jetzt und was passiert als nächstes?" eine europäische Perspektive auf den Stellenwert von Diversität im Jazz und berichteten von praktischen Maßnahmen und Projekten. Unter der Moderation von Monika Herzig sprachen Camilla Juul Kjærgaard (JazzDanmark), Johanna Schneider (Deutsche Jazzunion), Erwan Vernay (Grands Formats) und Fleurine Mehldau (BIM) u.a. über eine dänische Studie zu Frauen im Jazz, "Jazz Camps for Girls", erste Ergebnisse der Jazzstudie 2022, Muttersein und Jazz, Frauenquoten und "Role models".

Abschlusspanel: Sozioökonomische Situation von Jazzmusiker*innen

Zum Abschluss der Jazz Now! wurden erste Vorabergebnisse und Zahlen aus der Jazzstudie 2022, deren Veröffentlichung für Ende November geplant ist, vorgestellt und auf dem Panel von und mit Urs Johnen (Deutsche Jazzunion), Ulrike Schwarz (Jazzpilot*innen Arbeitsgruppe), Gabriele Maurer (Vorstand Deutsche Jazzunion), Sabrina Tänzer (GEMA), Stefanie Radke (GVL) und Lars Thor Jensen (JazzDanmark) diskutiert. Im Mittelpunkt der Panels stand die sozioökonomische Situation und dabei vorrangig der Blick auf Aspekte wie Einkommen, Arbeitsverhältnisse oder Altersvorsorge.

Vielfältiges Programm bis zum Ende...

Nicht nur auf den Panels, auch in den Workshops zu Improvisation in der allgemeinen Musikpädagogik, zu sozialer Absicherung und Altersversorge, zu transkulturellen Perspektiven und zu Selbstmanagement als Musiker*in sowie an den Thementischen des World Cafés gab es reichlich Diskussionen und lebendigen berufspolitischen Austausch. Auch die Abende sorgten für gute Gespräche und heiße Ohren, wenn es zu den Konzerten des Jazzfest München 2022 ging. Für Interessierte sind alle vier Panels demnächst auch digital auf www.jazznow.de zugänglich.

Jazz Now! 2022: Ob Diskurse, Impulse und Vernetzung: Für Jazzinteressierte und Jazzschaffende bot die Jazz Now! 2022 ein reichhaltiges Programm mit Panels, Workshops, Impulsvorträgen und einem World Café. In allen Angeboten spiegeln sich hochaktuelle Themen der deutschen Jazzszene im Kontext von gesellschaftlichen und kulturpolitischen Entwicklungen. Die Jazz Now! 2022 richtete sich an Jazzprofis, -studierende, -amateur*innen und Jazzliebhaber*innen. Sie fandet am 3. und 4. November 2022 im Sudetendeutschen Haus in München statt.

Danke! Die Jazz Now! 2022 wurde gefördert von der GEMA-Stiftung, der GVL sowie dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst. Kooperationspartner*innen des 26. Jazzforums der Deutschen Jazzunion waren der Bayerische Jazzverband und die Jazzmusiker Initiative München.

Die Deutsche Jazzunion wurde 1973 gegründet und ist als Sprachrohr der Jazzmusiker*innen in Deutschland wichtige Ansprechpartnerin für die Politik auf Bundesebene. Zu den Kernzielen des Verbands gehören Verbesserungen bei der Vergütung und der sozialen Absicherung von Jazzmusiker*innen, der Ausbau der spezifischen Förderung für Jazz und Improvisierte Musik sowie die Stärkung der Spielstätten. Weitere Informationen: www.deutsche-jazzunion.de.

Alles zur Jazz Now! 2022 unter: www.jazznow.de.

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