Qualität ist alles! 10 Jahre nWog (2010-2020)

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Nils Wogram,
Nils Wogram, Foto: Corinne Haechler

Labels gibt’s wie Sand am Meer. Brauchen wir speziell im Jazzbereich noch mehr Plattenfirmen, deren Flut an Produkten kaum noch vermittelbar ist? Definitiv nicht. Was wir brauchen, sind andere Labels. Plattformen, die sich ebenso den Interessen der Musiker wie den Bedürfnissen des Publikums öffnen und nicht ausschließlich nach Maximen der Gewinnoptimierung arbeiten. Multiplikatoren, deren Katalog eng mit dem Standing einer Person verbunden ist, die für ihre Veröffentlichung auch Gesicht zeigt. Eines dieser Labels ist nWog, das in diesem Jahr tatsächlich schon sein zehntes Jubiläum feiert. Und wie das Logo bereits andeutet, wird es von einem der renommiertesten und glaubwürdigsten Jazzmusiker Europas geleitet, von Nils Wogram.

Aller Anfang ist unumgänglich. Nils Wogram machte aus einer Not eine Tugend und folgte seinem Bedürfnis nach Unabhängigkeit. Er wollte seine Entscheidungen nur noch nach künstlerischen Gesichtspunkten treffen, ohne höheren Instanzen der Business-Hierarchie gegenüber in Erklärungsnot zu geraten. An Kenntnissen im Labelbereich mangelte es ihm nicht. Doch aus der Perspektive des produzierenden Künstlers hatte er nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Unter schlechten Konditionen immer tiefer in ein Netz aus Abhängigkeiten zu geraten, ging ihm gegen den Strich. 2010 sagte er sich, genug ist genug, zog einen dicken Strich unter seine bisherige Laufbahn und baute mit einigen Verbündeten, die mehr Ahnung von den geschäftlichen Obliegenheiten im Music Biz haben, sein eigenes Label auf. Er selbst beschreibt diese Wegkorrektur wie folg: „Meine frühere Erfahrung mit Labels lief in den seltensten Fällen darauf hinaus, dass die sich mit mir zusammensetzen und ein Projekt entwickeln wollten oder mich aufforderten, ein neues Album zu produzieren. Fast immer habe ich selbst angefragt, keine Antwort bekommen und am Ende meine fertige Aufnahme dem Label präsentierte, das dann die Option hatte, sie abzulehnen. Inhaltlich gab es kaum Input, in Sachen Planung fehlte die Diskussionsgrundlage, und über allem schwebte stets eine gewisse Unsicherheit, ob meine Projekte überhaupt angenommen werden. Mit nWog kann ich jede musikalisch künstlerische Idee so entwickeln, wie ich will. Und wenn etwas schief geht, bin ich selbst schuld.“

Anfangs ging es Wogram vor allem um ein Ventil für seinen eigenen Veröffentlichungsdruck. Eine Dekade später ist nWog längst nicht mehr nur die Plattform für einen motivierten Einzelkämpfer. Das Label hat Charakter, und der wird auch von anderen Künstlern repräsentiert, die durch Wogram zu einer offenen kollektiven Identität zusammengeführt werden. Persönlichkeiten wie Luise Volkmann, Henning Sieverts, Fynn Grossmann, Phil Donkin, Christoph Stiefel, Luca Sisera, Benjamin Schaefer, Jürgen Friedrich, Sebastian Schunke, Christoph Irniger, Nils Klein oder als jüngster Zugang die Flötistin Conni Trieder stehen für Originalität, Individualität und einen unkonventionellen Umgang mit jener undefinierbaren Knetmasse namens Jazz. „Wenn du so ein Label betreibst“, so Wogram, „bleibt es nicht aus, dass du von Freunden und Gleichgesinnten angesprochen wirst, ob du nicht auch deren Platten auf deinem Label veröffentlichen kannst. Ich fand die Idee gut, wollte aber einen anderen Weg beschreiten als üblich. Der Deal besteht darin, dass die Künstlerinnen und Künstler ihre Platten selbst produzieren und damit dieselben Kosten haben, die auch ich tragen müsste. Sie tragen zu einem Teil die laufenden Labelkosten mit, bekommen dafür aber 100 Prozent der Einnahmen. Das heißt, das Album gehört komplett den Musikern. Sie haben ein höheres finanzielles Risiko, aber es ist ganz allein ihr Produkt.“

Nils Wogram
Nils Wogram, Foto: Corinne Haechler

Gutes zieht eben seine Kreise. Die Grundlage der Zusammenarbeit mit anderen, oft jüngeren Künstlern besteht in gegenseitigem Vertrauen. Dazu gehört, dass sämtliche Künstlerinnen und Künstler auf nWog in ihrer Musik unkompromittierbar als Mensch erkennbar sind. Jeder Musiker kann sich mit seiner Persönlichkeit in das Label einbringen, Verantwortung übernehmen und zum integralen Teil des ganzen Systems werden. Es geht um ein Höchstmaß an Identifikation mit der eigenen Arbeit innerhalb des Labelkontexts. Einen speziellen nWog-Sound gibt es nicht. Die Identität des Labels klanglich oder stilistisch zu umreißen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit, da jedes Album individuell für sich selbst steht. nWog ist somit die Summer aller Beteiligten, und die wächst mit jeder neuen Veröffentlichung.

Zusammengehalten wird das Label von Wograms Geschmack. Aus diesem Anspruch macht der Posaunist keinen Hehl, und das ist gut so. Die Produktionen müssen genau wie das Label einem eigenen Gusto folgen, und Wogram muss sich vorstellen können, dass sie künstlerisch zum Anspruch der bereits vorhandenen Veröffentlichungen passen. „Mein Ziel besteht darin, coole Musiker in der Struktur, die ich geschaffen habe, mit zu fördern. Sie bekommen ein professionelles Management, einen Vertrieb, und wir alle können uns in einem System, das einer Genossenschaft nicht unähnlich ist, gegenseitig helfen. Allerdings müssen sie alle durch meinen Filter gehen. Wenn sie sich bei uns bewerben, sind sie also genau in der Situation, die ich für mich selbst verhindern wollte.“

All das klingt salopp gesagt nach einem Label des Vertrauens. In der aktuellen Labellandschaft fast zu schön, um wahr zu sein. Was aber macht Wogram mit nWog anders als die etablierten Labels? Ein wichtiges Kriterium für Wograms Charakter als Labelchef ist seine Erreichbarkeit. „Ich bin ansprechbar und beantworte jede Frage ernsthaft“, postuliert der viel beschäftigte Multitasker. Das klingt selbstverständlich, ist es aber in der real existierenden Labellandschaft nicht. Darüber hinaus legt Wogram Wert auf hundertprozentige Transparenz. Jeder Musiker weiß genau, was im Hintergrund läuft. Die künstlerische Idee seiner Partner nimmt er ernst. Wenn er sich für ein Projekt entschieden hat, redet er seinen Künstlern nicht mehr in das Konzept oder die Umsetzung hinein. Und schließlich wird jede einzelne Veröffentlichung akribisch vorbereitet. Lieber weniger Releases pro Jahr, aber dafür richtig. Zwischen Aufnahme und Veröffentlichung vergeht nicht selten ein ganzes Jahr, in dem alle Gesichtspunkte genau durchdacht werden.

Ein entscheidender Aspekt der Labelarbeit von nWog und zugleich ihr visueller Ausweis ist die Cover-Gestaltung. Wogram verzichtet bewusst auf ein Reihendesign. Auch in der Optik ergibt sich die kollektive Identität aus der starken Individualität der auf das einzelne Produkt abgestimmten Artworks. Die Graphikerin Corinne Hächler sorgt dafür, dass jedes einzelne Cover für die Einzigartigkeit der jeweiligen CD steht. In ihrer Gesamtheit wirken die Cover wie eine kleine Kunstausstellung. „Wenn ich die Firma in der Gestaltung über den Künstler stelle, mache ich den Künstler und sein Produkt klein“, betont Wogram. „Die Firma dient dem Individuum, nicht umgekehrt. Ich bin selbst Musiker und kenne die individuellen Bedürfnisse meiner Kollegen. Allerdings ist diese Detailarbeit ist nur möglich weil wir so wenige ausgewählte Produkte im Jahr veröffentlichen.“

Weniger ist mehr. Und Qualität ist alles. nWog ist ein Jazz-Label auf der Schaumkrone der Gegenwart, das weit über den landläufigen Kanon des Jazz hinausgeht und deshalb mit jedem neuen Album eine gewaltige Option für die Zukunft in den Raum stellt.

nWog Internetseite:
https://nwog-records.com/

Trombone Party performed by Vertigo Trombone Quartet

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