Vier Tage zwischen Weltmusik, Jazz, Spiritualität und urbanem Flow: Das Festival Jazz & The City 2025 in Salzburg zeigte sich vielfältig, mutig und sinnlich wie nie zuvor.

Zwischen Kirchenhall und Clubbeat – Klangreise durch Salzburg

Wenn sich ein Festival mühelos mit einem Spaziergang durch barocke Gassen, den Duft von Kaffeehäusern und dem weiten Blick über die Salzach verbinden lässt, dann ist es Jazz & The City. Salzburg zeigte sich auch 2025 wieder als Bühne und Resonanzraum zugleich – klangvoll, einladend, überraschend.

Vom 16. bis 19. Oktober wurde die Altstadt zum lebendigen Organismus, in dem Musik nicht nur gehört, sondern erlebt wurde. Wer sich treiben ließ, konnte an einem Nachmittag durch Galerien und Kirchen wandern, das Marionettentheater bewundern, die Kollegienkirche betreten – und dort plötzlich auf ein Konzert stoßen, das alle Grenzen von Genre und Ritual auflöste. Dieses Festival gehört zu jenen Formaten, in denen Musik und Architektur, Geschichte und Gegenwart, Alltag und Kunst untrennbar miteinander verschmelzen. Und genau das macht es so besonders.

Die Stadt als Bühne – und Klangkörper

„The city sounds together“ war das diesjährige Motto – und tatsächlich schien sich Salzburg selbst in einen Klangkörper verwandelt zu haben. Die neue künstlerische Leitung um Markus Deisenberger hat mit ihrem kuratorischen Team ein Programm auf die Beine gestellt, das den Begriff „Jazz“ radikal offen denkt: als Bewegung, als Begegnung, als Impuls. Der Fokus auf World Music, ungewöhnliche Kollaborationen, Spiritual Jazz, elektronische Einflüsse und lokale Netzwerke ließ das Festival frischer, lebendiger und gleichzeitig tiefgründiger wirken als je zuvor.

Von intimen Sets in kleinen Bars bis zu ausdrucksstarken Performances auf großen Bühnen wie der Szene Salzburg oder der Kollegienkirche war alles Teil eines organischen Ganzen. Das Beste daran: Wie immer waren alle Konzerte bei freiem Eintritt zugänglich. Musik für alle, mitten in der Stadt.

Zwischen Klang und Stille: Zsófia Boros

Zu den bewegendsten Momenten des Festivals zählte ohne Zweifel das Konzert der Gitarristin Zsófia Boros. Ihr Spiel ist reduziert – aber nie kühl. In der Kollegienkirche, einem Raum voller Geschichte und Spiritualität, wurde jede Note zur Geste, jedes Atemholen zum Teil der Komposition. Boros besitzt die seltene Gabe, Stille mit Bedeutung zu füllen und gleichzeitig musikalisch weit zu reisen: zwischen klassischer Gitarrenkunst, südamerikanischem Kolorit und kontemplativer Tiefe.

Es war ein Konzert, das in Erinnerung bleibt – nicht, weil es laut war oder spektakulär, sondern weil es etwas in uns zum Klingen brachte, das wir im Alltag oft überhören.

James Brandon Lewis – Jazz mit Haltung

James Brandon Lewis schlug einen ganz anderen Ton an: kraftvoll, politisch, voller Groove. Mit seinem energiegeladenen Set zeigte der amerikanische Saxofonist, warum er zu den prägendsten Stimmen des modernen Jazz zählt. Lewis spielt mit Überzeugung, Spirit und einem tiefen Verständnis für die Geschichte des Genres. Sein Auftritt im Marionetten Theater war nicht nur musikalisch herausragend, sondern auch ein Statement: Jazz kann tänzerisch, spirituell, wild und reflektiert zugleich sein.

In einem Festival, das sich dem Austausch zwischen Stilen und Generationen verschrieben hat, war Lewis’ Präsenz ein starker Anker. Zwischen Free-Jazz-Eruptionen und hymnischen Passagen spannte er einen Bogen, der weit über den Abend hinausreichte.

Ein Festival zwischen Welten. Neue Perspektiven, junge Stimmen

Das Konzept, verstärkt auf die österreichische Szene zu setzen, zahlte sich aus. Künstler:innen wie Christoph Pepe Auer oder Muriel Grossmann brachten ihre jeweils ganz eigene Handschrift mit, während neue Acts wie das Duo Aita Mon Amour oder der Bassvirtuose Adam Ben Ezra mit Frische und Verspieltheit überraschten. Auch das Mozarteum war stärker als je zuvor vertreten: Studierende und Lehrende traten auf großen Bühnen auf und brachten akademische Qualität und experimentellen Mut zusammen.

Dazu kam eine „Nightline“, die das Publikum auf den Dancefloor führte – mit Sets in Locations wie dem Jazzit, wo Jazz, Elektronik und Clubkultur sich nahtlos verbanden. Dass dabei auch die lokale DJ-Szene eingebunden wurde, zeigt, wie konsequent Jazz & The City die Idee der „offenen Musik“ lebt.

Ob in Kirchen, Theatern, Innenhöfen oder kleinen Lokalen: Dieses Festival war ein ständiger Wechsel zwischen Welten – musikalisch, räumlich, emotional. Wer mit offenen Ohren und offenem Herzen durch Salzburg ging, konnte entdecken, wie sehr Musik und Stadt einander durchdringen können. Jazz & The City ist kein Ort für große Gesten oder Stars zum Anfassen – sondern ein Raum für Erfahrungen, für Begegnungen, für jene leisen Momente, in denen ein einziger Ton genügt.

Für mich bleibt dieser Oktober in Erinnerung als eine Zeit voller Sinneseindrücke, Gespräche, Klanglandschaften. Zwischen barocker Architektur, frisch gebrühtem Kaffee und den vibrierenden Tönen eines Saxofons wurde klar: Jazz lebt. Und Salzburg klingt.

Text: Jacek Brun
Fotos: Jacek Brun, Elmar Petzold

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