JazzBaltica 2019

JazzBaltica 2019 - Izabella Effenberg Trio – Vibrafon-Kaskaden wie perlendes Wasser - 23.06.2019

Izabella Effenberg
Izabella Effenberg, Foto: Jacek Brun

Die Kurzgeschichte des Konzertes von Cosmo Scharmer
Gehört, gesehen, notiert im JazzCafé bei JazzBaltica 2019, 23.06.2019

Izabella Effenberg - vibraphone, array mbira, glass harp
Jochen Pfister - piano
Pawel Czubatka - drums

Die Besetzung
Auch dieses Ensemble hat eine ungewöhnliche Besetzung. Da sind die Instrumente der Vibrafonistin. Das metallene Vibrafon – kurz Vib genannt – hat eine stark perkussive Klangkomponente und deshalb liegt es für die Spieler dieses Instrumentes nahe, sich mit „ähnlichen“ Instrumenten zu beschäftigen, sie zu spielen. So wird Pani Izabella Effenberg auch auf dem Array Mbira (wird später erläutert) und auf Gläsern zu hören sein. Komposition und Arrangement sind von ihr, sie ist der Boss. Auf den Bass verzichtet das Trio, aber der Drummer Pawel Czubatka wird für unverzichtbar gehalten, ist demzufolge dabei, so wie auch der Pianist Jochen Pfister.

Nils – den kennen jetzt alle - stellt die Dame aus Danzig vor und meint, dass dieses Konzert was ganz Besonderes sei. Autor und potenzielle Leser wollen wissen, ob dem wirklich so ist. Schon geht´s los im randvoll gefüllten JazzCafé.

Die Themen
Zarte Töne von hellen Glocken fliegen durch den Raum, von Zauberhänden hervorgebracht. Diese Hände gehören der Vibrafonistin, die dieses unbekannte Instrument spielt. Der Klangcharakter erinnert ein wenig an eine Art E-Piano oder – wenn es sowas gibt – an ein E-Vibrafon. Es sind klare, metallene Töne, die dem Array Mbira entspringen. Das ist ein überdimensionales, neuartiges „Daumenklavier“, dem die Töne durch Drücken der Metallzungen zu entreißen sind. Dies ist der erste Teil einer kurzen Einführung, der zweite Part klingt ein wenig vertrauter.

Izabella Effenberg
Izabella Effenberg, Foto: Jacek Brun
Izabella Effenberg Trio
Izabella Effenberg Trio, Foto: Jacek Brun

Piano und Vib teilen sich die Einstimmung, unisono spielen sie melodische Linien. Das Piano von Jochen Pfister macht sehr temperiert weiter, klassisch anmutend variiert er das Thema. Izabella klopft ihr Vib jetzt nicht mit Klöppeln, sondern die Metallplatten werden mit Kontrabass-Bögen gestrichen. Unerhört, wie das klingt. Währenddessen spielt Jochen Pfister explizit klassisches Klavier. Vorsichtig tastet sich der Drummer heran. Leise erschallen die Becken, dazu gedämpfte Trommelwirbel. Das Piano ist dazu übergegangen Riff- und Ostinato-Figuren zu spielen. Seine Akkorde werden kräftiger, lauter, wuchtiger. Das ist stakkatohafter Piano-Sound, der die Vorlage für das Solo des Vibrafons liefert. Auch der Drummer ist jetzt rhythmisch stärker involviert. Und dann legt Izabella los: quirlige Anschläge, viele kleine Noten, perkussives Aufschlagen. Wassergleich überfluten die metallenen Klangwellen ihrer Soli den Raum.

Vibrafon-Kaskaden wie perlendes Wassers
Die Seelenverwandtschaft des Wassers mit den Klangwelten des Vibrafons ist weder zu überhören, noch zu übersehen. Wie Wasser über Steine und Stufen fließt, so hüpfen die Töne des Vib´ über Skalen und Harmonien. Wie Wasser perlend den Raum erobert, so fließen die Töne des Vib´ wie an einer Perlenschnur aus seinen Metallplatten. Wie Wassertropfen sich zu einem Rinnsal verdichten, einem Bach, einem Fluss, so verdichten sich die Klänge des Vib´ zu Tonfolgen, zu weiten Themen von harmonisch-melodischen Gebilden voller Rhythmik. Dies alles ist im Sound des Vib´ enthalten. Izabella Effenberg weiß, wie sie diese Klangwelten hörbar machen, sie den Hörern schenken kann; „IZA“ dokumentiert auf CD.

Alle Instrumente werden jetzt stark perkussiv – im Wortsinn - geschlagen. Der Sound hat weniger vom klassischen Jazz als von der rhythmischen Besessenheit und Dramatik des Tango Nuevo eines Astor Piazolla. Das Solo der klöppelschlagenden Dame intensiviert sich, die Intervalle werden kürzer, die Spannung nimmt zu. Jetzt steigern sich ihre solistischen Eskapaden zu Passion, zu Ekstase. Ein Duo zwischen Vib und Piano verringern langsam die Spannung, beenden versöhnlich das Stück. Was für ein Auftakt.

„Nocturne & Miniature“
Den Anfang macht wieder das Piano. Einstimmung, die Hörer auf das Thema vorzubereiten, das scheint Aufgabe des Pianos zu sein. Der Autor meint, hier eine Prise Chopin herauszuhören, der klassische Anschlag impliziert solche Assoziationen. Das Thema entfernt sich von der Klassik und bewegt sich zu Neuer Musik bei minimalistischem Grundton. Themenwechsel: Der Drummer teilt schlagend seine Argumente aus. Unzählige turboschnelle Töne, Kaskaden von Tontrauben, schleudert Izabella aus den Metallplättchen. Die muss der Hörer auffangen, irgendwie sortieren, dann verstehen, dann schätzen und lieben lernen - oder auch nicht. Und schon sind die Töne weg, die nächsten sind auf dem Sprung, die übernächsten verharren noch im Instrument. Das Solo – es sind unzählige Soli -, die Tonkaskaden steigern sich zum emotionalen Höhepunkt. Den erklommen, bricht das Thema abrupt ab. Mehr Emotionalität geht nicht.

„So ist das“ stellt sich mit sanft rollenden Schlägen des Drummers Pawel Czubatka vor. Seine Schlägel erzeugen einen tieflagigen, grollenden Klang. Ein verhaltenes Donnern kündigt das Thema an. Wer bis jetzt noch nicht bemerkt hat, dass der Bass fehlt, der stellt das vielleicht jetzt fest. Auf dieser rhythmischen Basis entwickelt sich eine geruhsame Ballade, die von den sparsamen Klöppelschlägen des Vib lebt. Die Lebendigkeit der Klöppelschläge nimmt zu, die Töne werden kurzlebiger. Drums sowie Piano ziehen ebenfalls Tempo, Ausdruck, Schlagkraft an. Das Thema verdichtet sich, um dann wieder abzukühlen. Pause, zurück zum Anfang. Zarte Schläge auf die Trommeln, die Rippen des Vib´ werden nur gestreichelt, um dann erneut die Spannung anzuziehen. Wieder diese Verdichtung der Klänge, die sich im 2. Finale zu einem energiegeladenen Power-Sound hochschaukeln. Dann wird aus „So ist das“ „So war das“.

Izabella Effenberg
Izabella Effenberg, Foto: Jacek Brun

„Impressionen aus Glas“
– Ohne Titel, akustisches Gemälde von Isabella Effenberg, Material: Glas, 2019.
Die glasmalende Künstlerin wäscht sich zuvor die Hände und betont, dass diese Kunstgattung nur für saubere Hände tauge. Zustimmendes Lachen. Die Hände berühren zart die Ränder der unterschiedlich starken Gläser. Es entfließt dem Glas ein reiner Ton von zerbrechlicher Schönheit. So sanft wie möglich gibt der Pianist eine anfängliche Unterstützung, um sich dann zurückzuziehen. Jetzt schwirren nur die kristallinen Töne durch die Luft. Die akustischen Glaswelten haben etwas von fantastischen Geschichten, von Märchen, aber nur für die, die verstehen können. Nach dem Applaus zu urteilen, sind es im Publikum viele.

Bruch, Schnitt, Cut. Das überfällige Solo des Schlagzeugers holt die Glasmusik wieder auf die Erde. Akzentuiert trommelt Pawel Czubatka ein bodenständiges Gewicht gegen den zuvor gehörten luftigen Sound. „Back to The Earth“ könnte das Motiv seines jazzigen Spiels sein.

Abgelöst wird diese Solo von einem – diesmal vollständig – unbegleitetem Solo der Vibrafonistin. Izabella Effenberg zieht noch mal alle Register. Besser, sie schlägt auf alle Metallrippen. Dies wird zu einer Demonstration von Spielweisen und Stilen, die auf dem Vibrafon möglich sind. Der Rest des Trios fällt ein, macht kurz darauf mit diesem Schönklang einfach Schluss. Das Stück hat einen – für deutsche Zungen nicht aussprechbaren – polnischen Titel, der jedes Mal beim Ankündigen, Lachen hervorruft. Das sei, erläutert Izabella augenzwinkernd selbstironisch, weil „die polnische Sprache teils wie Geräusche klingt“.

Auch der letzte Titel hat eine nette Episode, charmant erzählt. „Herr Doktor, Doktor“ so der Titel. Das Schlagzeug treibt rhythmisch markant das Thema voran, ermutigt die Vibrafonistin zu weiteren Soli. Als Intermezzo schlägt der Pianist kräftige Akkorde in tiefen Lagen, etwas freier ausholend. Derweilen hält der Drummer den Beat. Der Titel schafft es, die flüchtigen Glockenklänge des Metalls mit der rhythmischen Basis zu verbinden. So kann auch das Vib hier bodenständig tönen, tief verhaftet im Sound von Piano und Drums.

Mehr Stimmung geht nicht, mehr Applaus auch nicht. Ach so, Nils hatte natürlich Recht mit dem ganz besonderen Konzert.

Izabella Effenberg Trio
Izabella Effenberg Trio, Foto: Jacek Brun

Text: Cosmo Scharmer
Foto: Jacek Brun

Mehr über Izabella Effenberg

Izabella Effenberg - Crystal Silence - Musik for Array Mbira

Aktuelles Album:
Izabella Effenberg - Crystal Silence - Musik for Array Mbira

JazzBaltica 2019 - Fotoreportage

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JazzBaltica 2019

19.000 Besucher feierten vom 20. bis zum 23. Juni die 29. Ausgabe von JazzBaltica in Timmendorfer Strand. Sämtliche Konzerte auf der MainStage im Festsaal des Maritim  Seehotel Timmendorfer Strand waren ausverkauft. Hier waren unter anderem Mathias Eick, Nils Wülker, Jakob Bro und Palle Mikkelborg, Katja Riemann, Marilyn Mazur, Bugge Wesseltoft, Dan Berglund und Magnus Öström sowie das senegalesische Orchestra Baobab zu erleben.
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Kommentar von Nicole Schmalkoke |

Wow, es ist wieder mal ein toller Bericht und großartig Fotos , ich Danke euch sehr dafür!
Liebe Grüße Nicole