JazzBaltica 2019

JazzBaltica 2019 - Lisbeth Quartett – Saxofon zwischen Dominanz & Gruppensound - 22.06.2019

Charlotte Greve
Charlotte Greve, Foto: Jacek Brun

Lisbeth Quartett ist:
Charlotte Greve - saxophone
Achim Kaufmann - piano
Marc Muellbauer - bass
Moritz Baumgärtner - drums

„Elipsis“, der Titel zum Auftakt, zeigt sich mit den ersten Tönen von seiner besten Seite: den Tonfolgen des Altsaxofons von Charlotte Greve. Diese Töne gilt es genauer zu verfolgen. Das Alt stellt ein Thema vor, das rhythmisch orientierte Trio stößt dazu, der erklingende Sound verschafft sich Luft und Gehör. Das ist der Sound eines Jazz-Quartetts mit dem Alt als schillernder und führender Farbe.

Charlotte Greve spielt ihr Alt mit intensivem, ja extensivem Ton. Lang anhaltende Töne, die mit Hall noch verstärkt werden. So tönt es einen Tick nordisch, durchaus an den voluminösen Klang des Tenoristen Jan Gabarek erinnernd. Aber dies ist „nur“ das weniger Klang füllende Alt- und kein Tenorsaxofon. Es bleibt wohl das Geheimnis von Charlotte Greve, wie sie dies hinkriegt.

Lisbeth Quartett
Lisbeth Quartett, Foto: Jacek Brun

„Elipsis“ schwelgt derweilen im ECM-Sound. Das Piano von Achim Kaufmann übernimmt jetzt die Themenführung, hämmert seine sanften Akkorde. Der warmtönend gestrichene Bass von Marc Muellbauer verstärkt die musikalische Aussage des Themas, die Musik erweckt Assoziationen an schöne Landschaften mit viel Horizont. Die Musik verharrt in Stille, die nur vom Klang des Pianos und dem erneuten Einsetzen des Alt´tangiert wird. Wieder sind es diese lang gehaltenen Töne, tieflagig mit großem Volumen geblasen, die diese Landschaften erweitern. Das Thema spitzt sich dramatisch zu, steigert sich kurzzeitig, um gleich darauf wieder in Ruhe zu verfallen.

Der folgende Titel hat es etwas eiliger. Forciert sorgen die Jungs von der „Rhythmus-Gruppe“ für mehr Bewegung. Und sie bleiben im Hintergrund, springen mit ihrer Spielweise nicht sofort in die Ohren, stellen sich ganz in den Dienst des Saxofons. Warum ihre Spielweise ungeheuer wichtig ist, wird noch erläutert werden. Das Alt tönt jetzt in etwas höheren Lagen, die Intervalle zwischen den Tonfolgen sind länger. Aber der präsente, eindringliche Ton bleibt erhalten. Schwer, sich diesen Klangwelten zu entziehen. Ein Solo des Pianisten Achim Kaufmann lockert auf, führt zu einer kleinen Variation im Sound, um dann wieder dem Saxofon das musikalische Feld zu überlassen. Jetzt werden wieder die tieferen Klänge bevorzugt, die sich wie Girlanden um das Thema schlängeln.

Lisbeth Quartett
Lisbeth Quartett, Foto: Jacek Brun

Als Ballade ertönt das nächste Stück. Charlotte Greve bläst in bester Tradition des Tenorsaxofons, das Geschichten zu erzählen hat. Das Piano schlägt verhaltene Akkorde, Bassist und Drummer versehen ihren Job, sorgen für die rhythmische Kontinuität. Ein kurzes Solo des Bassisten Marc Muellbauer führt zu Ostinato-Figuren, die das Alt als Vorlage nutzt, um sogleich ihr Solo über die insistierenden Basslinien zu legen. Die Spannung steigt leicht, dann fällt der Bogen wieder ab, das Thema entschlummert. Musikalisch ähnlich verhält sich die zum Schluss gespielte Ballade „Piece“, bei der Geschichten aus dem (Jazz-)Leben erzählt werden. Vom Alt natürlich.

Fünf.Punkt.Drei. Den Titel des folgenden Stückes erfährt der Hörer erst nach dessen Ende. Ja, 5.3 So taufte Bassist Marc Muellbauer seine Komposition. Die hat es in sich. Ein eingängiges Bass-Motiv haucht dem Thema Leben ein, ausgeholfen?unterstützt? durch ein einführendes Piano-Solo. Auch bei diesem Thema beherrscht das tief geblasene Alt die Szene, von einer geradezu männlichen Dominanz? Falsch. Von einer unerbittlichen weiblichen Dominanz? Auch nicht besser. Von einer musikalischen Dominanz. Dies trifft es eher, ist aber auch nicht ganz richtig. Der Versuch einer Erklärung liegt in den folgenden Zeilen.

Lisbeth Quartett
Lisbeth Quartett, Foto: Jacek Brun

Denn der Grund, warum der Sound des Lisbeth-Quartetts so klingt, wie es wegen des Saxofons tönt, liegt in der sehr raffinierten Komposition wie auch in der Spielweise der Rhythmus-Sektion. Denn diese spielen sehr subtil, wirken diskret im Hintergrund, erhalten die musikalische Spannung, indem sie rhythmisch gegen das Altsaxofon quertreiben, wenn nicht „gegentaktig“ die wichtige Spannung aufbauen, aufrechterhalten, vorantreiben. Ohne dieses subtile rhythmische Wirken ihrer Jungs wäre das Alt mit seiner Intonation verloren. Dies ist Charlotte Greve wohlbekannt und genau deshalb müssen die Rhythmiker so spielen, wie sie es tun.  Eine andere Spielweise müsste ohne diesen gegensätzlichen Spannungsbogen auskommen. Das Ganze wäre nicht nur ein eintöniger Sound, es wäre schlicht langweilig. In ihren eher kurzen solistischen Parts zeigen die Kollegen von Piano, Bass und Drums, dass sie auch ihre Instrumente trefflich zu spielen verstehen. Aber in der Hauptsache ist es ihre Aufgabe – besonders bei dieser rhythmisch vertrackten Komposition „35“ – den Spannungsbogen am Leben zu erhalten. Das alles gipfelt dann im spezifischen Klangbild des Lisbeth-Quartetts, einer zwar erfolgreichen, aber sehr schmalen Gradwanderung zwischen dominantem Saxofon- und ausgleichendem Gruppen-Sound.

Marc Muellbauer
Marc Muellbauer, Foto: Jacek Brun

Text: Cosmo Scharmer
Foto: Jacek Brun

Mehr über Lisbeth Quartett

Lisbeth Quartett - There Is Only Make

Aktuelles Album:
Lisbeth Quartett - There Is Only Make

JazzBaltica 2019 - Fotoreportage

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JazzBaltica 2019

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